BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: picture alliance/dpa|Nicolas Armer

In Bamberg soll der erste Antisemitismusbeauftragte in Bayern eingesetzt werden – ehrenamtlich. Das sorgt für Kritik, denn das Amt sei nicht im Ehrenamt umsetzbar, heißt es u.a. vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bamberg.

14
Per Mail sharen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Antisemitismusbeauftragter für Bamberg: Stelle sorgt für Kritik

Es ist ein Novum: In Bamberg soll bayernweit der erste Antisemitismusbeauftragte in einer Stadt eingesetzt werden – ehrenamtlich. Das sorgt für Kritik, denn die Aufgabe sei nicht im Ehrenamt umsetzbar, heißt es von verschiedenen Seiten.

14
Per Mail sharen
Von
  • Jonas Miller

Nach dem jüngsten Aufflammen des Nahost-Konflikts ist es auch in Deutschland verstärkt zu antisemitischen Zwischenfällen gekommen. Und auch schon in der Zeit davor, im Jahr 2020, hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern mehr antisemitische Vorfälle im Freistaat erfasst. In Bamberg soll aufgrund dieser Entwicklungen der erste städtische Antisemitismus-Beauftragte in Bayern eingesetzt werden.

Stadt will Zeichen gegen Antisemitismus setzen

Jonas Glüsenkamp (Grüne), Bambergs Zweiter Bürgermeister, will mit der Stelle ein Zeichen setzen und einen Ansprechpartner installieren, der sich mit dem Thema Judentum und Antisemitismus auseinandersetzt: "Die Person wird der Ansprechpartner für dieses Thema in der Stadtgesellschaft sein." Das heißt, bei Erlebnissen mit Antisemitismus könne man sich dann an eine konkrete Person wenden.

Kritik von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Neben dieser Tätigkeit soll sich der künftige Antisemitismusbeauftragte aber auch mit der jüdischen Geschichte in Bamberg auseinandersetzen und eigene Projekte initiieren – alles im Ehrenamt.

Doch genau das sorgt für Kritik. Beispielsweise vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bamberg. Deren Sprecher Constantin Ganß befürchtet, dass die Person sich aufgrund der fehlenden Bezahlung nicht ausgiebig mit dem Thema befassen kann: "Dass die Stelle nur für ein Ehrenamt ausgeschrieben ist, gefährdet unsere Ansicht, dass die beauftragte Person für Antisemitismus und jüdisches Leben diese wichtige Aufgabe auch mit vollem Engagement stemmen kann."

Antisemitismus bei Corona-Leugnern in Bamberg

Laut seinen Beobachtungen gibt es in Bamberg derzeit ein massives Problem mit Antisemitismus auf Demonstrationen der Gruppe "Stay Awake", die der verschwörungsideologischen Szene zugerechnet wird. "Eine der Mitorganisatorinnen sagte, sie fühle sich selbst wie die Juden, weil sie ein Stück Stoff tragen müsste. Dieses Stück Stoff war für sie die Maske, und bei den Juden meinte sie, das Stück Stoff in Form des sogenannten Judensterns ausmachen zu können", erzählt Ganß im Gespräch mit dem BR.

Zudem würden auch Neonazis an den Demonstrationen der Corona-Leugner teilnehmen, Jüdinnen und Juden würden von Stay Awake "als Drahtzieher im Hintergrund ausgemacht. Sie würden Medien und Politik vermeintlich als Puppenspieler lenken", meint Ganß. Eine klassische antisemitische Verschwörungstheorie.

Corona-Maßnahmen mit Holocaust verglichen

Doch Ganß weist auch darauf hin, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem sei. So käme Antisemitismus nicht nur aus dem rechtsextremen Lager, sondern auch von links oder muslimisch-arabischen Personen und sei in der Mitte der Gesellschaft verankert.

Neben Ganß beobachtet auch Hubertus Schaller vom Bamberger Bündnis gegen Rechtsextremismus die Aktivitäten von Stay Awake in Bamberg. Auch er erkennt dort eine Verharmlosung des Nationalsozialismus. So würden Teilnehmer die aktuelle Corona-Situation mit dem Holocaust vergleichen und bewertet diese Vergleiche als gefährlich.

Stelle soll zur Antidiskriminierungsstelle erweitert werden

Schaller freut sich daher sehr, dass in Bamberg ein eigener Antisemitismusbeauftragter von der Stadt eingesetzt wird. Er schlägt allerdings vor, dass die Stelle zu einer Antidiskriminierungsstelle erweitert werden solle. Denn auch Homophobie, Antiziganismus oder Islamophobie sei in Bamberg ein Thema und müsse bekämpft werden.

Dennoch glaubt auch Schaller, dass die Stelle des Antisemitismusbeauftragten nicht nebenbei im Ehrenamt zu bewältigen sei. Zudem würden Personen, die sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus aussprechen ebenfalls oft persönlich angegangenen beispielsweise im Internet durch Hassnachrichten. Hier sollte die Stadt auch finanziell unterstützend tätig werden, meint Schaller.

Bamberg hat bald ersten städtischen Antisemitismusbeauftragten

Die Kritik scheint angekommen zu sein im Bamberger Rathaus. Auf Nachfrage, ob der bislang als Ehrenamt ausgeschriebene Antisemitismusbeauftragte vielleicht in eine bezahlte Stelle umgewandelt wird, entgegnet Bambergs Bürgermeister Jonas Glüsenkamp: "Wenn man in Zukunft zu dem Schluss kommt, dass die Aufgabenfülle so groß ist, dass wir das vielleicht ausweiten wollen, dann kann man darüber sprechen. Aber jetzt starten wir erstmal".

Mehrere Bewerbungen sind bislang eingegangen. Nun wird in Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden und der Zivilgesellschaft die Stelle vergeben. Schon bald hat Bamberg dann den ersten städtischen Antisemitismusbeauftragten in Bayern.

© BR/Jonas Miller

Hubertus Schaller, der Sprecher des "Bamberger Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus"

© BR/Jonas Miller

Bambergs Zweiter Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grüne)

© picture alliance/dpa|Nicolas Armer

Constantin Ganß (rechts am Transparent) bei der Kundgebung "Nein zu Judenhass" in Nürnberg

💡 Was ist Antisemitismus?

Beim Thema Antisemitismus gibt es oft Konflikte bei der Definition. Vor allem seit dem Aufflammen des Nahost-Konflikts wird auch in Deutschland wieder kontrovers über das Thema diskutiert. Die Bundesregierung definiert Antisemitismus so und stützt sich dabei auf die Internationale Allianz für Holocaust-Gedenken: "Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!