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Antisemitismus nimmt in Bayern deutlich zu | BR24

© picture-alliance / ZB /Patrick Pleul

Mitglied einer Jüdischen Gemeinde entzündet die Kerzen auf einem Chanukka-Leuchter

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    Antisemitismus nimmt in Bayern deutlich zu

    Sachbeschädigung, körperliche Gewalt, Beleidigungen bis zur Morddrohung: Judenhass in Bayern hat im Jahr 2018 zugenommen. Das belegen Zahlen, die dem BR exklusiv vorliegen. Dabei werden viele Straftaten gar nicht erst angezeigt.

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    Die antisemitisch motivierten kriminellen Handlungen in Bayern nehmen zu. Das zeigen die Zahlen aus dem Bayerischen Landeskriminalamt, die dem BR exklusiv vorliegen. Demnach hat es 2018 im Freistaat 219 Straftaten mit diesem Hintergrund gegeben - im Jahr zuvor waren es 148.

    Alltags-Antisemitismus fließt nicht in Kriminalstatistik ein

    Doch Befragungen von Juden hierzulande zeigen: es wird längst nicht alles angezeigt. Die Dunkelziffer der Straftaten dürfte hoch sein. Hinzu kommt der sogenannte Alltags-Antisemitismus mit Vorurteilen und Stereotypen.

    Der Berliner Wissenschaftler Benjamin Steinitz hat vor eineinhalb Jahren Mitglieder einer jüdischen Gemeinde in einer bayerischen Kleinstadt nach ihren Erlebnissen mit Alltags-Antisemitismus befragt. Diese gingen in eine Studie für die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus Berlin, kurz RIAS Berlin, ein. Unter anderem bekam Steinitz folgendes zu hören:

    "Während der Führung von Schulklassen durch die örtliche Synagoge werden regelmäßig Hakenkreuze in die Bänke geritzt. Der Vater eines Interviewpartners wird von einem Apotheker gefragt, warum er denn eine Steuerberaterin habe, Juden müssten doch keine Steuern bezahlen." Benjamin Steinitz

    Trotz hoher Dunkelziffer steigen die antisemitischen Straftaten

    Diese Vorfälle des "Alltags-Antisemitismus" werden in Bayern derzeit noch nicht zentral erfasst. In der Kriminalstatistik des Bayerischen Landeskriminalamts tauchen nur strafrechtlich relevante Taten auf, die auch angezeigt wurden. Studien - etwa der EU-Grundrechtebehörde - zufolge sind das aber ohnehin nur rund 20 Prozent der Fälle. Die meisten Taten werden nicht angezeigt.

    Dennoch steigen die Zahlen in den Statistiken der letzten Jahre. Eine Tendenz, die der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle (CSU), mit Sorge beobachtet.

    "Wir haben natürlich besondere Schwerpunkte im rechtsextremen Spektrum, aber auch im linksextremen, das sich mit einer Grundsatzinfragestellung des Existenzrechts Israels beschäftigt. Wir haben einen muslimisch-islamistisch motivierten Antisemitismus und wir haben einen sogenannten sekundären Antisemitismus in allen Bereichen der Gesellschaft." Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter

    Unterschiedliche Motive in der Stadt und auf dem Land

    Die Untersuchungen von Benjamin Steinitz vor eineinhalb Jahren haben gezeigt: Antisemitismus wird von Juden in Bayern je nach Wohnort ganz unterschiedlich wahrgenommen. In Metropolregionen wie München, Nürnberg und Fürth würden Täter oft dem islamistischen Milieu zugeschrieben, in ländlichen Regionen eher dem rechtsextremen oder rechtspopulistischen Bereich.

    Gerade im Internet haben Mythen und Verschwörungstheorien ein Ausmaß erreicht, das vor dem digitalen Zeitalter undenkbar schien, sagt Spaenle. Diese seien in vielen Köpfen verankert, würden aber von der Kriminalstatistik nicht abgebildet, kritisiert Benjamin Steinitz. Denn gut 90 Prozent der Delikte, deren Hintergrund nicht ermittelt werden konnte, würden automatisch dem rechten Milieu zugeschrieben.

    Bald "Meldestelle für antisemitische Vorfälle" in Bayern

    Die Ursache dafür ist in der Deutschen Geschichte zu sehen: Antisemitismus werde hierzulande fast ausschließlich mit nationalsozialistischem Gedankengut verknüpft, sagt Steinitz. Ludwig Spaenle sieht die Problematik - will aber noch abwarten. Er erhofft sich vor allem Erkenntnisse aus einer "Meldestelle für antisemitische Vorfälle", die nach dem Vorbild von RIAS Berlin derzeit in München entsteht.

    Die Meldestelle für Antisemitismus in Bayern soll voraussichtlich zum 1. April starten, sie wird derzeit beim Bayerischen Jugendring aufgebaut. Das ist Teil einer Gesamtstrategie des Antisemitismusbeauftragten. Er will alle gesellschaftlichen Gruppen sowie Vereine ansprechen und sie dazu motivieren, sich mit dem Thema offensiv auseinanderzusetzen.