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Antisemitismus in Bayern: Freistaat richtet Meldestelle ein | BR24

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Antisemitismus in Bayern nimmt zu. Beleidigungen und Drohungen sind in vielen jüdischen Gemeinden alltäglich. Der Freistaat will jetzt mit einer Recherche- und Informationsstelle neben Straftaten auch Vorfälle erfassen, die nicht angezeigt werden.

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Antisemitismus in Bayern: Freistaat richtet Meldestelle ein

Antisemitismus in Bayern nimmt zu. Beleidigungen und Drohungen sind in vielen jüdischen Gemeinden alltäglich. Der Freistaat will jetzt mit einer Recherche- und Informationsstelle neben Straftaten auch Vorfälle erfassen, die nicht angezeigt werden.

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Anna Zisler geht durch die Bankreihen der Synagoge in Straubing. In der zweiten Reihe, direkt neben dem großen Fenster mit den Buntglasscheiben bleibt sie stehen. Sie streicht über eine Stelle auf der Vorderbank. Das falle Licht hebt die Konturen der Linien hervor, die hier eingeritzt sind. "Ja, das ist auch etwas, was uns immer wieder passiert, dass sie uns Hakenkreuze bei Synagogenführungen in unsere Bänke reinritzen", sagt Anna Zisler.

Eingeritzte Hakenkreuze in der Synagoge

Zisler führt jährlich zwischen 3.000 und 5.000 Jugendliche durch die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in Straubing. Davor und danach gehen sie und der Hausmeister die Reihen durch, schauen nach Veränderungen. Nicht selten finden sie dann eingeritzte Hakenkreuze oder rechtsextreme Zahlenkombinationen, die jeweils für die Buchstaben im Alphabet stehen, wie 18 (für AH = ‚Adolf Hitler‘) oder 88 (für HH = ‚Heil Hitler‘). Der Hausmeister versucht dann mit brauner Farbe die Hinterlassenschaften zu verdecken. Doch die Spuren, die sie bei Zisler hinterlassen, sitzen schon tief. Dass es ‚nur‘ eine jugendliche Dummheit ist, glaubt sie nicht.

"Wenn jemand ein Hakenkreuz in eine Bank reinritzt, dann will er uns wehtun und uns Schmerz zubereiten. Weil sonst könnt er ja x-Beliebiges - ein Dreieck, ein Herz, oder ein X - hineinritzen. Aber wenn ein Hakenkreuz geritzt wird, ist es bewusst antisemitisch und gegen uns." Anna Zisler, Israelitische Kultusgemeinde Straubing

Auch mehr als 70 Jahren nach dem Ende des Nazi-Regimes passiert es immer wieder: Schmierereien an jüdischen Einrichtungen. Demonstrationen, bei denen die israelische Flagge verbrannt wird. Und Angriffe auf jüdische Mitbürger, nur weil sie eine Kippa tragen. Auch Anna Zisler trägt ihren Glauben offen nach außen - in Form einer Kette mit einem Davidsstern. "Ich frage mich schon ab und zu: Beschützt der Davidsstern mich? Oder beschütze ich heute den Davidsstern?"

Antisemitismus in Bayern nimmt zu

Der Antisemitismus in Deutschland und Bayern nimmt zu. Das bayerische Landeskriminalamt hat letztes Jahr bayernweit etwa 219 Taten mit antisemitischem Hintergrund registriert. Das sind etwa 50 Prozent mehr als 2017. Das deckt sich mit einer Studie der Recherche- und Informationsstelle für Antisemitismus (RIAS) in Berlin. Sie hat ermittelt, dass Juden besonders in Kleinstädten und ländlichen Regionen antisemitischen Angriffen ausgesetzt sind.

Beleidigungen und Vorurteile gegen Juden sind Alltag

Die Synagoge in Straubing ist gegen terroristische Angriffe gewappnet: Kameras rund um das Gelände, Einlasskontrollen. Gegen den alltäglichen Antisemitismus, die Vorurteile, Beleidigungen, Drohungen im Internet oder Gewalt außerhalb der jüdischen Gemeinde schützen sie nicht. Zisler kann Dutzende solche Vorfälle aufzählen: Einmal sollte ein jüdisch-gläubiges Mädchen ihren Glauben vor ihrer Grundschulklasse vorstellen. Ein Schüler stellte im Anschluss die Frage, wann die Juden denn das Blut der Kinder trinken würden. Ein anderes Mal war Zisler gerade unterwegs, als ihr jemand ‚Judenschwein‘ entgegenrief.

Dunkelziffer bei antisemitischen Vorfällen groß

In der Kriminalstatistik des bayerischen Landeskriminalamts taucht die Beleidigung wie viele andere Vorfälle nicht auf. "Ich denke, dass die Mitglieder unserer Gemeinde Angst haben, dass es nicht wichtig genug ist oder dass es nicht ernstgenommen wird, so wie sie es empfinden." Auch Zisler geht nicht oft zur Polizei und bekräftigt damit das Fazit der RIAS-Studie: Die Dunkelziffer antisemitischer Angriffe dürfte sehr hoch sein. Ab jetzt soll auch in Bayern eine Meldestelle für Antisemitismus eingerichtet werden. Mitgetragen wird sie vom Bayerischen Jugendring. Auch dort ist das Problem bekannt:

"Wir erleben es selbst, dass Jugendliche aus dem russischen Sprachraum und jüdischen Glaubens immer wieder damit konfrontiert sind." Matthias Fack, Präsident des Bayerischen Jugendrings

Viele Jugendliche wollen etwas gegen Antisemitismus tun

Daneben gebe es auch viele Jugendliche, die etwas gegen Antisemitismus in der Gesellschaft tun wollen. Die Meldestelle soll ihnen dafür Ansprechpartner sein. "Eben nicht nur bei Straftaten, sondern wirklich bei allem, wo ich merke: Ich werde angegriffen. Oder ich nehme es auch wahr, dass so etwas vorkommt", so Fack. Um den Zugang zu erleichtern, wurde eine Website eingerichtet, auf welcher der Vorfall eingegeben werden kann. "Wir erfassen es, wir verifizieren es, wir bereiten es auf."

Politik und Gesellschaft gefordert

Anna Zisler erlebt, dass Antisemitismus noch in vielen Köpfen präsent ist. Die Frage, woher die Täter kommen, ist für sie nebensächlich. "Mir als Jüdin ist wirklich egal, von welcher Seite mich der Antisemitismus trifft. Er trifft mich immer genau da, wo er mich treffen will. Ganz tief drinnen." Früher seien die Juden damit allein gelassen worden. Durch die anonyme Meldestelle erhofft sich Zisler aber, dass sich Gesellschaft und Politik wieder verstärkt mit dem Problem auseinandersetzen.

© BR

In Bayern gibt es vom 1. April an eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle.