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Blick in die Anti-Abtreibungs-Kapelle am Waldrand von Pösing im Landkreis Cham.
© picture alliance/Armin Weigel/dpa
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Blick in die Anti-Abtreibungs-Kapelle am Waldrand von Pösing im Landkreis Cham.

In Pösing im Landkreis Cham hat der Landwirt Franz Graf vor mehr als zehn Jahren eine Kapelle gebaut. Es ist ein Ort, an dem er, wie er es nennt, den "millionenfachen Massenmord an wehrlosen Kindern durch Abtreibung" anprangert.

Auf einer Anhöhe am Waldrand, umgeben von Wiesen, steht die Kapelle mit dem Namen "Unschuldige Kinder - der stumme Schrei". Auf Inschriften in und vor dem Gebäude vergleicht Graf Abtreibungen mit den Verbrechen der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern, bezeichnet Schwangerschaftsabbrüche als "größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit" und als "Holocaust" an ungeborenen Kindern.

Abtreibungen: "Größter Völkermord der Geschichte"

Diese Äußerungen sorgen inzwischen bundesweit für Protest. Unter anderem der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisierte die Inschriften scharf.

"Der Holocaust steht für das größte Menschheitsverbrechen, das wir in der Geschichte kennen. Der Vergleich eines industriellen Mordens, wie es im Holocaust stattgefunden hat, mit Abtreibungen verbietet sich in jeder Hinsicht." Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland

Linken-Politiker machen auf Kapelle aufmerksam

Lange Zeit war die Privatkapelle über den Landkreis Cham hinaus kaum bekannt. Das änderte sich erst, als zwei Lokalpolitiker der Linken auf die Kapelle aufmerksam machten. In einem offenen Brief forderten sie den Landwirt auf, die Inschriften zu entfernen. Sie kritisierten aber auch das Bistum Regensburg dafür, sich nicht entschieden genug von der Kapelle zu distanzieren.

Bistum Regensburg unterstützt Franz Graf teilweise

Vor mehr als zehn Jahren hatte Generalvikar Michael Fuchs die Privatkapelle eingeweiht. In einer schriftlichen Stellungnahme stellt sich das Bistum Regensburg nun hinter Graf und unterstützt sein Anliegen, "das unantastbare Lebensrecht jedes Menschen zu verteidigen".

Den Vergleich mit dem Holocaust hält das Bistum allerdings für problematisch:

"Im 20. Jahrhundert wurden Menschen massenhaft getötet. Diese Verbrechen sollen in ihrer Einzigartigkeit betrachtet werden - gleich ob es sich um die Taten der Nationalsozialisten oder der Kommunisten handelt. Wir halten es nicht für sinnvoll, die millionenfache Tötung ungeborener Kinder, die in unserer Zeit geschieht, gleichzusetzen." Stellungnahme des Bistums Regensburg

Auf einem Gedenkstein steht die Aufschrift: "Ungeborene Kinder - Der größte Völkermord in der Geschichte der Menschheit"

Auf einem Gedenkstein steht die Aufschrift: "Ungeborene Kinder - Der größte Völkermord in der Geschichte der Menschheit"

Staatsanwaltschaft: Holocaust-Aussage nicht strafbar

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft Regensburg sind die Inschriften nicht strafbar. Ende vergangenen Jahres hatten die beiden Linken-Politiker den Landwirt wegen Volksverhetzung angezeigt. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt. In einer schriftlichen Erklärung, die dem BR vorliegt, heißt es:

"Eine Strafbarkeit wegen Volksverhetzung wurde nach Prüfung des konkreten Sachverhalts verneint. Der Beschuldigte hat insbesondere vorliegend nicht den Holocaust verharmlost und dadurch den öffentlichen Frieden gefährdet. Vielmehr hat er den Vorgang der Abtreibung mit einem Völkermord bzw. dem Holocaust verglichen und damit im Unrechtsgehalt auf die gleiche Stufe gestellt." Staatsanwaltschaft Regensburg

Zentralrat der Juden äußert Unverständnis

Für den Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist das nicht nachvollziehbar. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft stößt bei ihm auf Unverständnis. Schließlich habe Bayern seit dem vergangenen Jahr drei Antisemitismus-Beauftragte bei den Generalstaatsanwaltschaften. "Es wäre für mich interessant zu wissen, ob der hier zuständige Generalstaatsanwaltschaft den zuständigen Antisemitismusbeauftragten in die Entscheidung involviert hat", sagte Schuster dem BR.

"Abtreibungen stehen Auschwitz in nichts nach"

Der Landwirt selbst ist inzwischen, nach zahlreichen Medienanfragen, nicht mehr vor das Mikrofon zu bekommen. Er halte aber an seinen Aussagen fest, sagte er dem BR am Telefon:

"Der Kindermord in Abtreibungskliniken - vom zweiten Monat an bis kurz vor der Geburt - steht in der Masse und Grausamkeit Auschwitz in nichts nach. Bei dem Satz bleibe ich und dazu stehe ich." Landwirt Franz Graf

Und er fügte hinzu: "Die Kapelle spricht für sich selbst."

Antisemitismus-Beauftragter: Korrektur wäre angeraten

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung Ludwig Spaenle findet dagegen, eine "Korrektur wäre angeraten". Für ihn werde hier ein Holocaustvergleich gezogen. "Das halte ich für unzulässig, weil damit die Einmaligkeit des Menschheitsverbrechens der Shoah in Zweifel gezogen wird und ich kann nur raten, dass man hier diese Situation entsprechend bereinigt," sagte er dem BR.

Abtreibungskapelle

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