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Anschläge in Waldkraiburg: Angeklagter entschuldigt sich | BR24

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Bildrechte: pa/dpa/Sven Hoppe

Im Prozess um Terroranschläge im oberbayerischen Waldkraiburg hat der Angeklagte ein Geständnis abgelegt. Er habe jahrelang Propaganda-Videos der Terrororganisation Islamischer Staat geschaut und sich dadurch "unterbewusst radikalisiert".

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Anschläge in Waldkraiburg: Angeklagter entschuldigt sich

Der 26-jährige Mann, der sich wegen einer Anschlagserie in Waldkraiburg am Oberlandesgericht München verantworten muss, hat sich bei den Opfern entschuldigt. Im Gefängnis habe er "einen klaren Kopf bekommen".

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Von
  • Birgit Grundner

Der 26-jährige Angeklagte im Prozess um die Anschläge von Waldkraiburg im April und Mai 2020 entschuldigte sich vor Gericht bei den Opfern. "Es tut mir einfach leid, was ich angestellt habe", sagte der mutmaßliche Täter, der auch IS-Anhänger sein soll. Im Gefängnis habe er "einen klaren Kopf bekommen", er werde nun "nie wieder was machen".

Verteidiger: Angeklagter womöglich psychisch krank

Der Angeklagte ist nach Angaben seines Verteidigers womöglich psychisch krank. "Wir gehen selbst nicht von einer Schuldunfähigkeit, aber von einer verminderten Schuldfähigkeit aus", sagte sein Anwalt Christian Gerber am Dienstag zu Beginn des Terrorprozesses am Oberlandesgericht München. Auch das Gericht wies zu Beginn des Prozesses darauf hin, dass eine mögliche psychische Erkrankung des 26-Jährigen und die Unterbringung in einer Klinik im Raum stehe.

Angeklagter will sich "unbewusst radikalisiert" haben

Als Jugendlicher habe er zunehmend Drogen konsumiert, so der Angeklagte. Er sei "durch das Internet zum IS" gekommen, habe einen "Tunnelblick" bekommen und habe sich "unbewusst radikalisiert". Kriegsvideos - auch Filme über Enthauptungen, wie er auf Nachfrage des Richters sagte - hätten "mein Gehirn gewaschen". Seinen Hass gegen Türken erklärte er damit, dass es "in den Videos immer um die Türken" ging. Im Netz habe er er auch Videos zur Bombenherstellung gesehen, und "ich wollte das umsetzen". Er habe dann angefangen, das Material zu beschaffen, zu planen und schließlich zu "praktizieren".

Im Rückblick bereue er zehn Jahre seines Lebens und die Taten. Ihm sei mittlerweile klar geworden, "dass die Welt bunt ist", und "dass es nicht immer um Schlachten geht". Künftig wolle er auch nicht mehr in Moscheen geben, versicherte der 26-Jährige: "Ich werde einfach ein Muttersöhnchen bleiben und bei meiner Familie verweilen."

Bundesanwaltschaft: Täter hat Tod der Bewohner in Kauf genommen

Die Ermittler vermuteten anfangs einen rechtsradikalen Hintergrund, weil sich die Anschläge im April und Mai 2020 gegen türkisch geführte Geschäfte und eine Moschee richteten. Zuerst wurde in einem Wohnhaus neben der Sultan-Ahmet-Moschee ein Brandsatz deponiert, dann wurden Fensterscheiben von Läden eingeworfen, in einem weiteren Geschäft kam es zu einer Detonation und zu einem Brand.

In dem Gebäude wohnten auch 26 Menschen. Mehrere von ihnen bemerkten das Feuer und konnten ihre Nachbarn rechtzeitig warnen. Vier Menschen erlitten aber bei der Flucht eine Rauchgasvergiftung. Der Täter, so die Bundesanwaltschaft, habe den Tod der Bewohner in Kauf genommen.

Für die Anklage war der damals 25-Jährige, der ab Dienstag vor Gericht steht, verantwortlich. Schon seit 2017 habe er sich religiös radikalisiert und sei Anhänger der Terrorgruppe "Islamischer Staat" geworden. Sein Hass habe sich gegen Menschen türkischer Abstammung gerichtet, weil er etwa mit der Haltung der Türkei im Syrienkrieg nicht einverstanden gewesen sei.

23 Rohrbomben und 45 Kilogramm Sprengstoff

Die Anschläge soll der junge Mann systematisch vorbereitet haben: Laut Bundesanwaltschaft hat er eine Pistole gekauft, sich im Internet über die Herstellung von Sprengstoffen informiert und die nötigen Materialen vor allem über den Versandhandel organisiert. Rund 100 Kilogramm Chemikalien habe er dort bestellt. In Baumärkten habe er außerdem Eisenwaren für die Hüllen und Splitterladungen von Rohrbomben gekauft. Schließlich soll der Mann 23 Rohrbomben und 45 Kilogramm Sprengstoff hergestellt und in seinem Auto deponiert haben.

Anschlagsziele: Geschäfte und Moscheen

Den Ermittlungen zufolge wollte er zunächst über Münchner Moscheen Kontakt zu IS-Mitgliedern bekommen. Er habe nach Syrien ausreisen und sich dort der terroristischen Vereinigung anschließen wollen, ist die Bundesanwaltschaft überzeugt. Weil das nicht gelungen ist, habe er die Vorbereitungen für seine Anschlagspläne in Deutschland weiter vorangetrieben. Ziel seien mehrere Moscheen im näheren Umkreis von Waldkraiburg, aber auch die DITIB-Zentralmoschee in Köln und das türkische Generalkonsulat in München gewesen. Bei den Anschlägen auf die Moscheen sollten die Imame erschossen werden.

Auftakt der Anschlagserie

Weil es noch Probleme mit den Zündern der Rohrbomben gab, soll sich der 25-Jährige dann zunächst für einen Brandanschlag auf die Sultan-Ahmet-Moschee in Waldkraiburg entschieden haben. Allerdings habe sich die Eingangstüre nicht öffnen lassen, so die Anklage, deshalb sei der Täter auf das Nachbarhaus ausgewichen. Es soll der Auftakt der Serie gewesen sein.

Der Prozess im Oberlandesgericht München findet unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. 44 Verhandlungstage sind angesetzt, das Urteil soll es dann im August geben.

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