BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Angst vor Corona? Patienten meiden Untersuchungen in Kliniken | BR24

© BR/Nikolaus Nützel

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie beobachten Ärzte, dass weniger Patienten in die Notaufnahmen kommen. Auch Früherkennungsuntersuchungen werden seltener genutzt. Im zweiten Lockdown setzt sich die Entwicklung offenbar fort - und kann dramatisch sein.

90
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Angst vor Corona? Patienten meiden Untersuchungen in Kliniken

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie beobachten Ärzte, dass weniger Patienten in die Notaufnahmen kommen. Auch Früherkennungsuntersuchungen werden seltener genutzt. Im zweiten Lockdown setzt sich die Entwicklung offenbar fort - und kann dramatisch sein.

90
Per Mail sharen
Von
  • Nikolaus Nützel

In die Notaufnahme des Münchner Uni-Klinikums Großhadern kamen während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr um bis zu 60 Prozent weniger Patienten als in normalen Zeiten. Während des zweiten Lockdowns sei der Rückgang nicht ganz so dramatisch, berichtet der Leiter der Notaufnahme, Matthias Klein, aber es gebe immer noch Rückgänge im zweistelligen Prozentbereich.

Sorge vor nicht erkannten Erkrankungen

Es sei denkbar, dass Patienten nicht kommen, weil ihnen nichts wirklich Schwerwiegendes fehlt, sagt Klein. Aber Herzprobleme oder Hinweise auf einen Schlaganfall zu ignorieren, aus der Angst, sich in der Klinik mit Corona anzustecken, könnte ein grober Fehler sein, warnt er. Denn das könnte schwerwiegende Folgeschäden nach sich ziehen.

Immer weniger Früherkennungsuntersuchungen

Auch in den Arztpraxen sind die Patientenzahlen im ersten Lockdown deutlich zurückgegangen. Das zeigen Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung. Und die Rückgänge wurden im Anschluss in den meisten Bereichen nicht wieder aufgeholt, schon gar nicht während des zweiten Lockdowns, berichtet der Geschäftsführer des Instituts, Dominik von Stillfried.

Vor allem Früherkennungsuntersuchungen in den Bereichen Hautkrebs, Brustkrebs und Darmkrebs seien seit Ausbruch der Corona-Pandemie insgesamt stark rückläufig.

Deutlich weniger Krebsoperationen

Nicht nur die Untersuchungen zur Früherkennung haben abgenommen, sondern auch Krebsoperationen. Das zeigen Daten der Tumor-Register, die Monika Klinkhammer-Schalke von der Uniklinik Regensburg ausgewertet hat. Je nach Krebsart seien Rückgänge um 10 bis 40 Prozent zu beobachten, sagt Klinkhammer-Schalke.

Es komme regelmäßig vor, dass der Krebs erst in einem fortgeschrittenen Stadium operiert werde. Was das für den Behandlungserfolg bedeutet, und wie sich diese Entwicklung im zweiten Lockdown fortgesetzt hat, lasse sich zwar noch nicht sagen, sagt die Krebs-Spezialistin. Aber sie empfiehlt Patienten, sie sollten Früherkennungsmaßnahmen wahrnehmen: "Je früher ein Krebs erkannt wird, desto besser ist es."

Debatte um unnötige Eingriffe

Matthias Klein, der Leiter der Notaufnahme des Münchner Uni-Klinikums Großhadern, räumt dabei ein, dass der Rückgang der Behandlungszahlen in deutschen Krankenhäusern die Diskussion befeuern könnte, welche Eingriffe wirklich notwendig und welche verzichtbar sind. So schrieb der Medizin-Journalist Jörg Blech im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vor kurzem: "Corona macht sichtbar, wo Ärzte zu viel behandeln."

Der Notfallmediziner Klein hält es für möglich, dass bei bestimmten Diagnosen in deutschen Krankenhäusern öfter operiert wird, als es zwingend nötig ist. Für die Notaufnahmen gelte dieser Vorwurf aber definitiv nicht, betont er.

Zwischen Über- und Unterversorgung

Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Uni Duisburg-Essen will sich bei der Frage, wie der Rückgang der Behandlungszahlen während der Corona-Pandemie zu bewerten ist, noch nicht festlegen. Der Mitautor des jährlich erscheinenden "Krankenhaus-Reports" hält es für denkbar, dass nicht nur wünschenswerte Operationen verschoben wurden, sondern auch überflüssige.

Aber klare Aussagen dazu könne man noch nicht machen: "Ob wir einen Abbau von Überversorgung oder einen Einstieg in die Unterversorgung haben, kann niemand wirklich belastbar sagen."

"Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!