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Angie auf Achse: Unterwegs mit einer Zeitungszustellerin | BR24

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Ohne Zeitungszusteller wären viele Leser und Verlage aufgeschmissen, aber kaum jemand will den Job noch machen. Zu weit sind die Wege von Kunde zu Kunde, zu lang die Arbeitszeiten. Und doch hat der Zusteller-Job seinen Reiz. Eine Reportage.

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Angie auf Achse: Unterwegs mit einer Zeitungszustellerin

Ohne Zeitungszusteller wären viele Leser und Verlage aufgeschmissen, aber kaum jemand will den Job noch machen. Zu weit sind die Wege von Kunde zu Kunde, zu lang die Arbeitszeiten. Und doch hat der Zusteller-Job noch seinen Reiz. Eine Reportage.

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Angie Binder macht die Nacht zum Tag. Um 0.30 Uhr verlässt die Zeitungszustellerin ihr Haus und fährt in die Verteilstelle in Ottobrunn im Kreis München. Hier bereitet sie ihre Tour vor und wartet auf die Zeitungen, die frisch aus der Druckerei angeliefert werden. Dann geht der Stress richtig los: Rund 500 Zeitungen muss sie verteilen. Bis 6.30 Uhr sollen sie in den Briefkästen liegen. Sonst könnten sich die Kunden beschweren. Ihr Gebiet: Ottobrunn, Neubiberg und Waldperlach. Die 51-Jährige ist ständig unter Druck. Raus aus dem Auto, Zeitung einwerfen, wieder rein ins Auto und weiter. Der nächste Kunde wohnt nicht gleich nebenan wie früher, denn die Abonnentenzahlen sinken.

Der Zeitdruck ist groß, die Wege lang

Seit 16 Jahren arbeitet Angie Binder als Zeitungszustellerin. Sie mag ihren Job: "Es ist optimal. Man hat seine Ruhe, die Vögel zwitschern, nach der Arbeit habe ich noch den Tag vor mir, ich habe Zeit für die Familie", sagt die gebürtige Münchenerin. Aber der Job sei im Laufe der Jahre immer anstrengender geworden. Früher habe Angie Binder einen Packen Zeitungen in die Hand genommen und sei zu Fuß losmarschiert. Heute aber liegen die Abonnenten so weit auseinander, dass die Zeitungszusteller ihr Auto nehmen müssen.

Unerwartete Ereignisse verzögern die Zeitungszustellung

Die Zahl der Abos hat abgenommen. Immer weniger Menschen lesen laut Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) die Printausgabe. Die Wege sind daher länger, die Bezirke größer geworden. Dazu kommt der Zeitdruck. Todesmeldungen, Anschläge oder auch Sportmeldungen: Außergewöhnliche Ereignisse, die spät am Abend passieren, verzögern die Auslieferung zusätzlich.

"Als Michael Jackson gestorben ist, da wurde die Zeitung dreimal in der gleichen Nacht gedruckt, immer mit einem Update", erzählt Angie Binder auf dem Weg zum nächsten Briefkasten. Für die Zeitungszusteller bedeuten solche Ereignisse: Stundenlanges Warten, bis die Zeitungen aus dem Druck kommen. Jetzt in der kalten Jahreszeit ist es noch schwieriger: Eis und Schnee behindern die Auslieferung. Es kommt zu Verzögerungen.

20.000 Zeitungszusteller gibt es in Bayern – zu wenige

Angie Binder hat kaum Zeit zum Reden. Sie muss weiter, immer weiter. Die Zeit sitzt ihr im Nacken. Jeden Morgen. Die Arbeitsbelastung der Zeitungszusteller ist gestiegen. Trotzdem macht Angie Binder als "Zeitungszustellerin mit Herz" weiter. Sie ist pflichtbewusst, will die Kollegen nicht hängen lassen. Dick eingemummelt in Daunenjacke, mit Cap und Kapuze tourt sie noch vor Sonnenaufgang durch die Straßen in ihren Bezirken. Es ist nicht immer der klassische Briefkasten, in dem die Zeitung landet. Angie Binder kennt die teils kuriosen Wünsche ihrer Kunden inzwischen aus dem Effeff. Auf Balkone, Terrassen, ans Fenster, unter die Fußmatte, hinters Fallrohr: Die Orte, an denen die Zeitung abgelegt werden soll, sind vielfältig.

Zeitungen zustellen als Fitnessprogramm

Zeitungzustellen ist auch Sport: Während sie von Briefkasten zu Briefkasten eilt, erzählt sie lachend: "Ein neuer Kollege hat nach ein paar Wochen acht Kilo abgenommen."

Doch neue Kollegen sind die Ausnahme. "Es fehlt Personal an allen Ecken und Kanten. Man soll immer mehr in der gleichen Zeit schaffen. Aber das ist ja überall so." Ihr größter Wunsch: mehr Leute. Dann wäre das Zeitungszustellen wieder angenehmer.

Dass der Job unattraktiv geworden ist, stellt auch Yurdanur Yaz-Karahan vom ZVT Zeitungsvertrieb fest. Sie ist die Chefin von Angie Binder. "Momentan ist es sehr schwierig, Zusteller zu bekommen. Ich weiß nicht, woran es genau liegt. Wir werben, wir sprechen Leute direkt an." Die Folge des Zusteller-Mangels: Zeitungen kommen immer wieder zu spät beim Kunden an. Yaz-Karahan versteht den Frust sowohl der Kunden als auch der Zusteller. Sie versucht die Wogen zu glätten – und springt auch selbst ein, wenn Not am Zeitungszusteller ist.

Zusteller-Alltag: Feierabend am Vormittag

Wenn alle Zeitungen zugestellt sind, ist Angie Binder am Ende ihrer Kräfte, mal früher, mal später. Ihre längste Schicht dauerte von 0.30 bis 11.30 Uhr. Auch da waren Kollegen ausgefallen, es lag Schnee, es gab Unfälle. Wenn sie nach solchen Einsätzen nach Hause kommt, macht sie das, was viele andere auch nach der Arbeit machen: Sie liest Zeitung und isst Abendbrot – aber eben vormittags.

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Von
  • Katrin Bohlmann
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