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Angehörige entsetzt: Intensivpflegepatienten sollen ins Heim | BR24

© BR / Kontrovers 2019

Gesundheitsminister Spahn plant ein Gesetz, wonach Patienten mit 24-Stunden-Pflege ins Heim müssen. Angehörige sind empört, die bayerische Landesärztekammer übt deutliche Kritik.

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Angehörige entsetzt: Intensivpflegepatienten sollen ins Heim

Gesundheitsminister Spahn plant ein Gesetz, wonach Patienten mit 24-Stunden-Pflege ins Heim müssen. Angehörige sind empört, die bayerische Landesärztekammer übt deutliche Kritik.

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Sonja hat schwere Behinderungen. Sie kann nicht sprechen, nicht schlucken, sie kann sich kaum bewegen. Das war nicht immer so. Sonja war ein ganz normales aufgewecktes Mädchen. Mit sechs Jahren hatte sie eine Infektion, hohes Fieber - und dann epileptische Anfälle. Ihre Mutter Susanne Zehetbauer erzählt:

"Sie ist in so einem epileptischen Status, das Gehirn krampft dauernd. Ein ganz fürchterlicher Zustand, sie wurde beatmet, es wurden ganz viele Medikamente ausprobiert. Es hat nichts geholfen. Es ist einfach eine Epilepsie, die nicht behandelbar ist." Susanne Zehetbauer, Mutter von Sonja

24 Stunden Betreuung

18 Jahre ist das her. Sonja lebt seitdem zu Hause, und neben ihrer Mutter kümmert sich ein Pflegedienst um sie. Sieben Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag. Doch jetzt fürchtet Sonjas Mutter, dass ihre Tochter in eine stationäre Einrichtung muss:

"Für uns ist das eine Katastrophe und ich denke, das geht anderen betroffenen Familien genauso. Das würde bedeuten, dass diese Menschen aus ihren Familien gerissen werden, dass die Sonja nicht mehr mit uns zusammenleben dürfte. Die einzige Inklusion, die sie haben kann, nämlich die Integration in ihre Familie, würde ihr so genommen." Susanne Zehetbauer, Mutter von Sonja

Per Gesetz ins Pflegeheim

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat eine Gesetzesinitiative vorgelegt, das Reha- und Intensivpflegestärkungsgesetz. Darin heißt es: "Die Leistungen der außerklinischen Intensivpflege werden künftig regelhaft in vollstationären Pflegeeinrichtungen […] erbracht." Im Klartext: Wer rund um die Uhr gepflegt werden muss und älter als 18 Jahre alt ist, soll in eine Pflegeeinrichtung. Auch Sonja könnte davon betroffen sein. Sylvia Siebenlist pflegt sie nun schon seit fast sechs Jahren. Sie glaubt, dass es dramatische Folgen für Sonja hätte, wenn diese in eine Pflegeeinrichtung müsste.

"Dann würde sie ihren ganzen Lebenswillen verlieren. Ich denke, für die Sonja wäre das der sichere Tod, ich denke, sie wollte da nicht mehr." Sylvia Siebenlist, Pflegerin
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Gesundheitsminister Spahn plant ein Gesetz, wonach Patienten mit 24 Stunden-Pflege ins Heim müssen, um die Qualität der Pflege zu verbessern. Angehörige sind entsetzt, Patientenverbände schlagen Alarm, die bayerische Landesärztekammer übt Kritik.

Kritik von Ärztekammern

Bei der Bayerischen Landesärztekammer kritisiert man den Gesetzentwurf und weist darauf hin, dass man das Selbstbestimmungsrecht und das Patientenwohl stärker berücksichtigen müsse. Dr. Gerald Quitterer von der Bayerischen Landesärztekammer appelliert:

"Wenn es eines meiner Kinder betreffen würde, würde ich mir wünschen, dass die bei mir im häuslichen Umfeld bleiben können, weil dieser familiäre Kontakt aus meiner Sicht einfach ganz wichtig ist." Dr. Gerald Quitterer, Bayerische Landesärztekammer

Das Bundesgesundheitsministerium erklärt auf Anfrage des BR-Magazins Kontrovers: "Versicherte, die trotz 24-Stunden-Intensivbetreuung durch eine Pflegefachkraft am sozialen Leben teilnehmen, werden weiterhin Anspruch auf Pflege zu Hause haben."

Teilnahme am sozialen Leben

Doch wann nimmt ein Mensch am sozialen Leben teil? Und wann nicht? Sonjas Mutter findet die Auskunft des Ministeriums zynisch:

"Was bedeutet soziale Teilhabe eigentlich? Sonja nimmt an unserem Familienleben teil, das ist die einzige Form sozialer Teilhabe, die sie tatsächlich haben kann in ihrem Zustand." Susanne Zehetbauer, Mutter von Sonja

Zuhause kommt Sonja jeden Tag an die frische Luft. Das hilft ihr die Atemwege freizubekommen. An guten Tagen nimmt sie dabei auch viele Eindrücke auf, so gut es eben geht, sagt Sylvia Siebenlist. "Der Kopf geht immer wieder runter. Sie macht ihn dann eigenständig immer wieder hoch und schaut und möchte das erleben, wo wir sind. Ob wir mit der U-Bahn in die Stadt fahren oder mit dem Bus in den Botanischen Garten, das ist eigentlich egal."

Für Sonjas Mutter ist es ungemein wichtig, dass Sonja bei ihr zu Hause ist.

"Das Einzige, was man für sie machen kann, ist ihr Leid zu lindern, sie eben palliativ zu versorgen. Und das Einzige, was wir als Angehörige machen können, ist diese Menschen zu begleiten." Susanne Zehetbauer, Mutter von Sonja

Zu Hause sein - das ist für viele Menschen wie Sonja der einzige Trost.