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Söder und Seehofer
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Petr Jerabek
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Söder und Seehofer

Es ist, als gäbe es ein unveröffentlichtes CSU-Drehbuch, das nach wenigen Monaten neu verfilmt wird. Die Handlung ist nahezu identisch, die Hauptdarsteller sind die gleichen, nur die Neben- und Komparsenrollen wurden neu besetzt: Die CSU inszeniert in diesen Tagen das Remake ihres Machtdramas vom Herbst 2017.

Der Plot: Die stolze CSU erleidet ein Wahldebakel, das viele dem Parteichef Horst Seehofer ankreiden; vor allem Markus Söders Getreue scharren mit den Füßen. Der CSU-Vorstand verlangt zwar eine gründliche Ursachenforschung, wagt aber nicht den Aufstand. Dafür kommt aus einem kleinen CSU-Unterverband irgendwo im Söderland Franken eine erste forsche Rücktrittsforderung. Nach und nach stimmen vereinzelt Kommunal- und Landespolitiker mit ein, auch sie überwiegend Franken. Der Druck nimmt zu, doch Seehofer zeigt sich unbeeindruckt - und spielt auf Zeit.

Für einen Tag berühmt

Vor zwölfeinhalb Monaten, am Tag nach der Bundestagswahl, erlangte der CSU-Ortsverband Großhabersdorf - einer Gemeinde in Söders Heimatregion Mittelfranken - für kurze Zeit bundesweite Berühmtheit, als er vorpreschte und Seehofers Sturz vom Parteivorsitz forderte. Jetzt, nach der Landtagswahl, war es der CSU-Kreisverband Kronach, der am Montagabend als erster Seehofers Rücktritt anmahnte und dafür sogar italienischen Medien eine Meldung wert war.

Der CSU-Vorstand dagegen folgte wie schon vor einem Jahr Seehofers Vorgabe, die Debatte über Ursachen und Konsequenzen aus dem Wahldebakel vorerst zurückzustellen – aus Rücksicht auf die anstehenden Koalitionsverhandlungen.

Söder hintersinnig

Söder überlässt Rücktrittsforderungen anderen, lässt aber auch nicht den Hauch einer Unterstützung für den angeschlagenen Parteichef erkennen. Der Söder von 2017 - damals noch Kronprinz in Lauerstellung - forderte hintersinnig eine schonungslose Analyse und ein Hineinhorchen in die Basis. Der Söder von 2018 - mittlerweile Ministerpräsident - mahnt, die Stimmen der Basis müssten sehr ernst genommen werden. Für die Rufe nach Erneuerung zeigt er Verständnis: "Es ist auch normal, dass nach einem solchen Wahlergebnis eine Partei reden möchte."

Es fällt Söder leicht, das zu sagen - denn nicht über ihn möchte die Partei im Moment reden, sondern lieber über Seehofer. Das ist - mit Abstand betrachtet - zumindest bemerkenswert. Denn so sehr die Bundespolitik sich auf die Landtagswahl in Bayern auch ausgewirkt haben mag, das CSU-Gesicht im Wahlkampf war Spitzenkandidat Söder, er legte die Strategie fest. Schon vor zwei Wochen hatte Seehofer süffisant darauf hingewiesen, dass er im Wahlkampf "kein Plakat von mir gesehen" habe.

Seehofer kämpft

Auch bei seinem Auftritt vor der Hauptstadtpresse am Dienstagmittag verwies Seehofer einmal mehr darauf, dass die harte Linie im Asylstreit mit der CDU, die ihm viele in der CSU ankreiden, keineswegs ein Alleingang gewesen sei. Vielmehr habe er in vollem Einvernehmen mit der bayerischen Staatsregierung sowie den CSU-Bundestags- und Landtagsabgeordneten gehandelt.

Solche Äußerungen aber verhallen derzeit wirkungslos in der CSU. Viele haben sich auf Seehofer als Schuldigen für das Wahldebakel festgelegt - und sind heilfroh, einen Sündenbock gefunden zu haben. Während sich Seehofer in Berlin vor der Bundespressekonferenz kritischen Journalisten-Fragen stellte, nominierte die dezimierte CSU-Landtagsfraktion in München Söder einstimmig erneut für das Ministerpräsidenten-Amt.

Ende offen

Am Finale ihres Drehbuchs müssen sie noch arbeiten in der CSU. Denn das Ende des Machtdramas aus dem Vorjahr lässt sich für das Remake nicht eins zu eins übertragen. Damals befriedete Seehofer seine Kritiker, indem er ankündigte, Söder das Amt des Ministerpräsidenten anzubieten. Dafür durfte er sich im Dezember für zwei weitere Jahre zum Parteivorsitzenden wählen lassen. Müsste er jetzt noch ein Amt abgeben, wäre es das tragische Ende der langen Parteikarriere Seehofers. Ob er sich dann als Bundesinnenminister halten könnte, ist nicht absehbar.

Großes Finale auf einem Parteitag

Nach der optimalen Location für das große Finale sucht die CSU schon fieberhaft - es wird aber wohl ein Parteitag werden. Der größte CSU-Bezirksverband Oberbayern hat bereits einen Sonderparteitag verlangt. Auch die bayerische Junge Union, in deren Reihen Söder viele Anhänger hat, forderte auf Facebook, die Erneuerung der CSU auf einem großen Parteitag einzuleiten.

Dass ein solches Treffen wieder zu einer so opulenten Harmonie-Show wie der Parteitag Ende 2017 geraten würde, darf im Moment bezweifelt werden. Doch die CSU-Strategen wissen auch, dass die Partei es nicht übertreiben darf mit der Selbstzerfleischung, schließlich steht mit der Europawahl im Frühjahr der nächste wichtige Urnengang vor der Tür. Seehofer lässt sich bisher nicht in die Karten schauen, welche überraschende Wendung er noch parat hat.

BR-Reporter Achim Wendler über die Situation von Seehofer und Dobrindt

BR-Reporter Achim Wendler über die Situation von Seehofer und Dobrindt