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Straubing: Ein Schüler der sechsten Klasse an einem Gymnasium meldet sich im Unterricht.

Straubing: Ein Schüler der sechsten Klasse an einem Gymnasium meldet sich im Unterricht.

Bildrechte: picture alliance / Armin Weigel/dpa +++ dpa-Bildfunk
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    An Bayerns Gymnasien fehlen Sozialarbeiter

    Etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler leidet laut einer Studie des Hamburger Uniklinikums an psychischen Erkrankungen – auch wegen Corona. Schulsozialarbeiter könnten frühzeitig helfen. Aber vor allem an Gymnasien fehlt es an Stellen.

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    Astrid UhrAstrid Uhr
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    Alarmierender Befund einer Hamburger Studie: Etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler sind psychisch auffällig. Schulsozialarbeiter könnten hier helfen. Aber an Gymnasien im Freistaat mangelt es an Stellen.

    Leon fehlt oft. Seit Beginn dieses Schuljahres wurde er schon an 22 Tagen von seiner Mutter krankgemeldet. "Wegen Bauchweh", sagt seine Mutter der Klassenlehrerin am Telefon. Der 12-Jährige besucht die 6. Klasse eines bayerischen Gymnasiums. Auch seine Noten werden schlechter. Die Klassenleiterin macht sich Sorgen, redet mit Kollegen und lässt Leon eine Attestpflicht erteilen.

    Davon erhofft sich die Schule, dass ein Arzt herausfindet, was hinter dem Bauchweh steckt. Schulangst, Depressionen, familiäre Probleme oder im schlimmsten Fall häusliche Gewalt? Zeit für einen Hausbesuch hat die Fachlehrerin aber nicht, denn sie unterrichtet etwa 200 Schüler. Leon heißt in Wirklichkeit anders – seine Geschichte ist kein Einzelfall.

    Sozialarbeiter nur an Grund-, Mittel- und Realschulen staatlich gefördert

    Wäre Leon an einer Mittelschule, dann würde sich nun vermutlich eine Jugendsozialarbeiterin einschalten, die Familie daheim aufsuchen. Denn in Bayern gibt es heute an fast allen Grund- und Mittelschulen Sozialpädagogen. Die Mittel stammen aus dem Förderprogramm "Jugendsozialarbeit an Schulen" (JaS).

    Das Angebot der Staatlichen Jugendhilfe unter Federführung des bayerischen Sozialministeriums gibt es seit 2002. Die Jas-ler sind bei freien oder öffentlichen Trägern der Jugendhilfe angestellt. Sie werden mit staatlichen Fördergeldern finanziert. Bei JaS liegt der Schwerpunkt auf Einzelfallarbeit. Das heißt: Der Sozialpädagoge arbeitet im Idealfall eng mit dem Elternhaus, dem Jugendamt und den Einrichtungen der Jugendhilfe zusammen. Darüber hinaus soll er auch noch soziale Projekte anbieten, etwa zu den Themen Konfliktfähigkeit oder Suchtprävention.

    Alle Schüler könnten von Sozialarbeit profitieren

    "Immer mehr Kinder und Jugendliche driften momentan ab, es geht schon in Richtung Schulabsenz", sagt Linda Summer-Schlecht, Vorsitzende der LAG Schulsozialarbeit Bayern e. V. Nach monatelangem Homeschooling hätten manche junge Menschen den Anschluss in der Schule verpasst. Auch Schulleiter Ansgar Stich vom Johannes-Butzbach-Gymnasium Miltenberg bemerkt, dass einzelne Schülerinnen und Schüler seit Beginn der Pandemie an Sozialkompetenz verloren haben.

    "Manche ertragen das Miteinander im Klassenzimmer nicht mehr." Schulleiter Ansgar Stich, Johannes-Butzbach-Gymnasium Miltenberg

    Jedes Kind, jeder Jugendliche würde von Sozialarbeit an der Schule profitieren, so Stich. Sein Wunsch: "Egal, ob Grundschule, Realschule oder Gymnasium: An jeder Schule sollte es einen Sozialarbeiter geben." Und zwar als staatlich finanzierte Stelle, damit der Sozialarbeiter fester Bestandteil des Kollegiums wäre.

    Wenig Unterstützung durch das Kultusministerium

    Seit dem Schuljahr 2018/2019 unterstützt Bayerns Kultusministerium die Bildungs- und Erziehungsarbeit an Schulen mit neuen Stellen für Sozialpädagogen mit dem Programm "Schule öffnet sich". Mit dem auf fünf Jahre angelegten Programm sollen unter anderem insgesamt 200 Stellen für Schulsozialpädagogen geschaffen werden, davon sind im laufenden Schuljahr bereits 165 Stellen realisiert.

    Weitere 35 Stellen sollen bis zum Schuljahr 2022/ 2023 folgen. Das zusätzliche pädagogische Personal untersteht der staatlichen Schulaufsicht. Das Programm berücksichtigt alle Schularten, also profitieren auch die Gymnasien davon. Aber nur im geringen Maße.

    Sozialarbeit an Gymnasien: Zu wenig Stellen, zu wenig Fördergeld

    21 volle Sozialpädagogen-Stellen sind im Rahmen des Programms "Schule öffnet sich" an 325 staatlichen Gymnasien derzeit angesiedelt. Das bedeutet: An weniger als jedem 15. Gymnasium im Freistaat. 200 neue Stellen für alle Schularten sind also nicht ausreichend für eine flächendeckende Versorgung. Das zeigt auch das Beispiel Nürnberger Land: Während an allen neun Mittelschulen im Landkreis ein eigener Jugendsozialarbeiter arbeitet, gibt es an den vier staatlichen Gymnasien keinen einzigen.

    Außerdem setzt "Schule öffnet sich" andere Schwerpunkte. Während die "JaS-ler" verstärkt Einzelfall-Hilfe leisten, sollen die Schulsozialpädagogen eher präventiv arbeiten, etwa Medienkompetenz vermitteln oder über Suchtprobleme aufklären. Auch die Dienstherren unterscheiden sich: JaS-Ler sind dem Sozialministerium zugeordnet, Schulsozialpädagogen dem Kultusministerium. Diese strikte Aufgabentrennung kritisiert die LAG Schulsozialarbeit. "Schulsozialarbeiter brauchen Freiheit, um den Kindern dort zu helfen, wo es brennt", sagt Sprecherin Summer-Schlecht.

    Kulmbacher Gymnasium: Sozialarbeit mit Elternspenden finanziert

    Es gibt aber auch erfolgreiche Beispiele in der Schulsozialarbeit an Gymnasien: Das oberfränkische Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium hat schon seit zwölf Jahren eine eigene Sozialpädagogin. Auf Elternwunsch wurde Sozialpädagogin Angelika Sachs bei der Einführung der Ganztagsbetreuung eingestellt. Jedoch wurde sie nicht vom Staat bezahlt, sondern über einen privaten Förderverein.

    Schulleitung, Kollegen und Eltern wertschätzen ihre Arbeit sehr - ebenso wie die Schüler. "Frau Sachs hört uns immer zu, und sie kann Geheimnisse behalten", erklärt der elfjährige Max. Sachs fragt nach, wenn Kinder oft fehlen und arbeitet eng mit Schulleitung, Schulpsychologin und Schulberaterin zusammen. Mittlerweile hat auch dieses Kulmbacher Gymnasium eine halbe staatliche Stelle über das Projekt "Schule öffnet sich" bekommen, die andere halbe Stelle hat ein Nachbar-Gymnasium. Ihre weiteren Stunden bekommt Sachs aus dem Etat der Ganztagsschule finanziert und aus einem Fonds für Kinder mit Migrationshintergrund.

    Ähnlich ist es auch bei anderen Gymnasien, die keine staatliche Stelle haben und dann aus anderen Töpfen Geld einsetzen für Schulsozialarbeit, etwa aus ihrem Etat zur eigenen Bewirtschaftung. Dieser Etat ist eigentlich für Wahlfachangebote oder für Krankheitsvertretungen gedacht. Insgesamt gibt es in ganz Oberfranken für 33 staatliche Gymnasien nur zwei staatlich finanzierte Stellen für Schulsozialpädagogen. Sachs hat eine halbe davon.

    Lehrerverbände: Soziales Miteinander wichtig für Lernerfolg

    Von Chor bis Orchester, von Robotik bis Rudern: Bayerische Schulen wollen immer mehr freiwillige AGs anbieten, zusätzlich zum wachsenden Anspruch an die Qualität von Ganztagsschulen. Viele junge Menschen verbringen also immer mehr Zeit an ihrer Schule, beim Lernen, Essen, Freizeitgestalten.

    Deswegen fordert Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), einen ganzheitlichen Blick auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. "Kinder können nur dann erfolgreich lernen, wenn sie sich wohlfühlen in der Schule", so Fleischmann. Dazu könne ein Netz aus multiprofessionellen Teams an jeder Schule beitragen: Lehrer, Schulpsychologen und Sozialpädagogen und weitere Fachleute sollten eng vernetzt arbeiten können.

    Auch der Bayerische Philologenverband, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt, hält eine flächendeckende Einstellung staatlich angestellter Schulsozialpädagogen für einen Vorteil, sieht allerdings den Personal- und Stundenausbau bei den Beratungslehrkräften und Schulpsychologen als vorrangig an.

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