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Altersarmut: Corona verschärft Situation von Senioren in Bayern | BR24

© BR / Lilian Landesvatter

Altersarmut: Corona verschärft Situation von Senioren

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    Altersarmut: Corona verschärft Situation von Senioren in Bayern

    12 Euro am Tag – das ist alles, was manchen Senioren im Alltag bleibt. Der Schuldneratlas 2020 verzeichnet bei Senioren einen Anstieg um 23 Prozent innerhalb eines Jahres. Corona erschwert ihre Lage zusätzlich.

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    Von
    • Lilian Landesvatter

    Michael Valentin steht vorm Museum Lichtspielhaus im Stadtteil Au in München und schaut hoch an die leere Kinotafel. Vor Corona hat sich der 73-Jährige hier gerne Filme angeschaut. Weil man ihn in der Gegend kennt, wurde der Rentner immer für kleines Geld reingelassen. Durch die Einschränkungen im zweiten Teil-Lockdown musste das Kino schließen. "Das fehlt mir sehr. Es war einfach ein kleines Hobby von mir", erzählt Michael Valentin. Jetzt will der Rentner aber weiter zur LichtBlick Seniorenhilfe. Der Verein setzt sich für arme Senioren ein. Heute hat er dort einen Beratungstermin. Es geht um einen Zuschuss für seine Medikamente und Mundschutzmasken.

    Zahl der überschuldeten Rentner steigt stark an

    Dem Schuldneratlas 2020 zufolge hat die Zahl der überschuldeten Senioren im letzten Jahr um 23 Prozent zugenommen. Im Freistaat sind es 592.923 Menschen über 65, die von Armut bedroht sind (Quelle: Sozialverband VdK Bayern e.V.). Einer von ihnen ist Michael Valentin. Vor zehn Jahren erkrankte der gelernte Bauingenieur an Leberkrebs. Lange wartete er auf eine Organspende. In dieser Zeit konnte er nicht arbeiten und brauchte seine Ersparnisse auf. Jetzt lebt er von seiner schmalen Rente. "Aktuell kriege ich 500 Euro Rente und die fließt in meine Miete. Durch die Unterstützung vom Sozialamt habe ich so 12 Euro am Tag zur Verfügung. Das ist selbst bei äußerster Sparsamkeit hart", erzählt der 73-jährige Michael Valentin.

    Nicht alle Medikamente, die er seit seiner Organspende nehmen muss, übernimmt die Kasse. 20 bis 30 Euro sind es allein für Magnesium- und Kaliumpräparate. Das zeigen die Quittungen, die er für das Beratungsgespräch mit Jelica Komljenovic dabei hat. Die Sachbearbeiterin von LichtBlick ist für die Seniorenhilfe zuständig und betreut Michael Valentin schon lange. Insgesamt 150 Euro bekommt Michael Valentin diesen Monat von LichtBlick bar ausgezahlt. Anhand der Kostenaufstellung stellt auch Jelica Komljenovic fest: "Die Situation für die Senioren hat sich extrem verschärft".

    Seit Beginn der Corona-Krise mehr Ausgaben

    Um sich vor Infektionen zu schützen, müssen Desinfektionsmittel und Mundschutz her. Und das kann teuer werden, wie Michael Valentin aus eigener Erfahrung weiß: "Ich bin zur Apotheke gegangen und habe ein Fläschchen Desinfektionsmittel holen wollen. Früher hat das, glaube ich, 1,95 Euro gekostet und jetzt auf einmal 7 Euro! Da geht einem schon ein bisschen Freude am Leben flöten". Wo es geht, versucht LichtBlick mit Spenden auszuhelfen - von FFP2-Masken bis zu Desinfektionsgels. Außerdem: Essensgutscheine. Denn Lebensmittel sind teurer geworden, meint Jelica Komljenvic von LichtBlick Seniorenhilfe. "Außerdem wird es schwerer, weil Tafeln und andere Stellen, wo man einige Lebensmittel kostenlos bekam, jetzt gar nicht mehr zur Verfügung stehen", erzählt die Sachbearbeiterin.

    Auch psychischer Druck bei Senioren nimmt zu

    Geld und Lebensmittel sind lebensnotwendig. Aber nicht alles. Lydia Staltner ist Vereinsvorsitzende von Lichtblick. Sie beobachtet: "Auch jetzt im zweiten Lockdown rufen wieder viele Rentner bei uns an, weil sie einfach sprechen möchten. Weil sie Angst haben und unsicher sind. Die ganzen Informationen von der Politik können viele gar nicht nachvollziehen". Hilflosigkeit, Einsamkeit, Angst – vor allem an Perspektive fehle es den Senioren, meint Lydia Staltner. "Ich habe erlebt, dass manche Rentner gesagt haben 'Der Krieg war noch schlimmer. Aber da wussten wir: Der hört auf. Aber jetzt wissen sie nicht, wann es aufhört'". Wertvolle Kontakte blieben immer länger auf der Strecke, egal, ob es das Treffen mit den Enkelkindern oder Freundinnen auf der Parkbank sei. "Die haben nicht mehr so viel Zeit, das bisschen Leben mit Leben zu füllen", sagt Lydia Staltner. Das erhöhe den Druck.

    Sorge auch beim Blick auf Weihnachten

    Bevor Michael Valentin das Vereinsbüro verlässt, schaut er noch am kleinen Spendentisch vorbei. Hier liegen allerhand Kleinigkeiten wie Desinfektionsmittel, Rasierer, selbstgestrickte Socken und Weihnachtsplätzchen. Alles zum Mitnehmen. Heute aber gibt es was Besonderes für den Senior: Ein großes Päckchen als Aufmerksamkeit in der Vorweihnachtszeit. "Sonst haben wir Heiligabend hier im Vereinsbüro gefeiert, das wird dieses Jahr leider nicht funktionieren", bedauert Lydia Staltner. Die Senioren leiden unter der Unwissenheit, wie Weihnachten dieses Jahr ablaufen wird. Denn für viele ist es eine der wenigen Gelegenheiten, um bei Familienfesten dabei zu sein. Auch Michael Valentin hofft, dass er Weihnachten mit seinem Enkel verbringen kann. Und, dass sein Kino in der Au bald wieder für ihn geöffnet hat.

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