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Alternativ Wohnen: "Wahlverwandte" in Nürnberg | BR24

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Rund zehn Jahre dauerte die Entstehung des Wohnprojekts "Wahlverwandtschaften" in Nürnberg. Seit Ende 2019 wird das Gebäude nun bewohnt. Das Besondere: Der Nachbar ist hier mehr Verwandter als Unbekannter. Hier wird Wert auf Gemeinschaft gelegt.

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Alternativ Wohnen: "Wahlverwandte" in Nürnberg

Rund zehn Jahre dauerte die Entstehung des Wohnprojekts "Wahlverwandtschaften" in Nürnberg. Seit Ende 2019 wird das Gebäude nun bewohnt. Das Besondere: Der Nachbar ist hier mehr Verwandter als Unbekannter. Hier wird Wert auf Gemeinschaft gelegt.

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Drei Familien starteten die Initiative zum Wohnprojekt "Wahlverwandtschaften" in Nürnberg. Es dauerte sehr lange, bis ein geeignetes Grundstück in der Stadt gefunden wurde. Ohne Zuschüsse und Unterstützung der Stadt entstand das komplett privat finanzierte Wohnprojekt am Bielingplatz. Seit Ende 2019 ist es fertig und inzwischen sind 38 Erwachsene und 16 Kinder in das Mehrgenerationenhaus eingezogen.

Solidarisch Leben

Die Bewohner des Mehrgenerationenhauses nennen sich selbst "Wahlverwandte". Die Idee dahinter ist, in einer Gemeinschaft mit allen Bewohnern zu leben, obwohl jeder seine eigenen vier Wänden hat. "Für mich ist das wie eine neue Familie," erklärt Isabell Gregor, die mit ihrem Mann und zwei Kindern eingezogen ist. Für die junge Mutter ist es schön, dass ihre Kinder und auch sie selbst immer Gesellschaft haben können, wenn sie es möchten. Grundlage des Zusammenlebens ist auch, dass alle Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen werden. Es werden keine Mehrheiten gebildet, die sich durchsetzen, sondern immer im Konsens entschieden. Das bedeutet, dass ein Kompromiss gefunden werden muss, mit dem alle Bewohner leben können.

Nachhaltige Bauweise

Das Gebäude der "Wahlverwandten" hat fünf Stockwerke mit insgesamt rund 2.000 Quadratmetern Wohnfläche. Die insgesamt 31 Wohnungen sind meistens barrierefrei und haben zwischen 26 und 109 Quadratmeter Wohnfläche. Die Bewohner konnten je nach Platzbedürfnis aus sieben Wohnungstypen – vom Studentenapartment bis zur Familienwohnung – auswählen. Um Platz zu sparen, gibt es auf jedem Stockwerk Waschmaschinenräume und im Keller eine gemeinsame Werkstatt. Im Dachgeschoss gibt es einen großen Gemeinschaftsraum mit Küche und Zugang zur Dachterrasse und Gemüsegarten. Auch der begrünte Innenhof steht allen zur Verfügung. Das Erdgeschoss ist an eine Kindertagesstätte vermietet.

Privates Genossenschaftsmodell

Die Bewohner des Wohnprojekts haben sich in einer eigenen Genossenschaft organisiert. Die Genossenschaft ist demnach die Eigentümerin des Gebäudes. Jeder Bewohner wurde aber durch Eigenkapitaleinlagen ein Genosse und er ist zugleich auch Mieter einer Wohnung. Denn die Mietpreise liegen je nach Eigenkapitaleinlage der Bewohner – als Genossenschaftsanteile hinterlegt – zwischen 8,50 Euro bis maximal 12 Euro pro Quadratmeter. Neben Eigenkapital wurde das Bauprojekt auch über andere Darlehen finanziert.

Projektbegleitung als Stütze

Mehrgenerationenwohnhäuser sind komplexe Bauvorhaben und gerade zu Beginn kann das Baugemeinschaften überfordern, erklärt die Architektin Margarete Weidinger vom Verein "der Hof e.V.". Die Interessierten kennen sich noch nicht lange, stehen aber in der Verantwortung, ein großes Bauprojekt finanziell zu stemmen und sich immer wieder einigen zu müssen. Daher holen sich solche Bau-Gemeinschaften oft Berater an die Seite. Die "Wahlverwandten" haben sich den Nürnberger Verein "Der Hof e.V." als Projektbegleiter an die Seite geholt. Der Verein ist eine Vernetzungs-, Informations- und Beratungsstelle, für Menschen, die ein Wohnprojekt gründen wollen oder in ein Wohnprojekt ziehen wollen. Die Projektbegleitung hilft bei schwierigen Fragen bezüglich der Umsetzung, angefangen von der Wahl der Gesellschaftsform bis zur Unterstützung bei Unstimmigkeiten.

Wohnmodell mit Zukunft

Mittlerweile sind im Großraum Nürnberg einige solcher alternativen Wohnprojekte entstanden. Sie unterscheiden sich aber erheblich in ihrer Organisationsform und Größe. Manche sind privat organisiert, andere durch Vereine, soziale Organisationen wie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) oder manche durch Wohnungsbaugenossenschaften wie der Nürnberger wbg oder der Gewobau in Schwabach. Private Initiativen wie die der "Wahlverwandtschaften" sind eher selten. Oft scheitert es daran, überhaupt ein Grundstück für privat-initiierte Wohnprojekte zu bekommen. Geglückt ist das auch dem Mehrgenerationenwohnprojekt "Spiegelfabrik" in Fürth, das fast bezugsfertig ist und dem Bauprojekt "Raumteiler" in Erlangen, die noch in der Planungsphase sind.

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