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Alt und umworben: Warum Firmen gut ausgebildete Rentner suchen | BR24

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Es hat sich was getan auf dem Arbeitsmarkt: Wurden Ende der 1980er-Jahre selbst Führungskräfte mit 57 in Frührente geschickt, holen jetzt die Unternehmen erfahrene Mitarbeiter aus dem Ruhestand zurück.

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Alt und umworben: Warum Firmen gut ausgebildete Rentner suchen

Auf dem Arbeitsmarkt setzt ein Umdenken ein: Ende der 1980er-Jahre wurden Führungskräfte schon mit 57 in Frührente geschickt. Jetzt holen die Unternehmen immer öfter erfahrene Mitarbeiter aus dem Ruhestand zurück - immer mehr Rentner arbeiten weiter.

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Fritz Obojkovits liegt im Garten auf dem Liegestuhl und versucht zu entspannen. Aber es klappt nicht. Der 70-Jährige schüttelt den Kopf. 49 Jahre hat er gearbeitet und es bis zum Küchenmeister gebracht. Jetzt könnte er seinen Ruhestand genießen, aber das will er gar nicht. Der Fachmann arbeitet weiter.

Fritz Obojkovits baut für Hotels im Ausland Großküchen auf. Monatelang fährt er dafür immer wieder nach Kasachstan, Russland oder in die Mongolei und zwar sehr gerne, meint der Unruheständler: "Die Wertschätzung des Alters ist dort eine ganz andere als bei uns. Da wird man respektiert, ich werde eingeladen zum Beginn vom Ramadan, zu diesen ganzen Familienfesten – da ist man voll integriert", so der Rentner.

Neue Sprache mit 65 Jahren

Erst mit 65 Jahren hat Obojkovits Russisch gelernt. Die Aktivität im Ruhestand gibt dem Küchenchef das Gefühl, immer noch mitten im Leben zu stehen, erzählt er, denn so gehöre er "nicht zum alten Eisen, ich kann mit der Jugend mithalten - das hält mich auch wahnsinnig jung und frisch."

Experten fürs Ausland

Der Küchenmeister arbeitet ehrenamtlich. Seinen Job hat ihm der SES vermittelt. Der Senior-Experten-Service mit Sitz in Bonn ist die größte deutsche Agentur für Fachleute im Ruhestand. Klaus Mosch leitet das Münchner Büro und hat alle Hände voll zu tun. Hauptsächlich vermittelt der SES Experten ins Ausland. "Im Jahr 2000 hatten wir 970 Einsätze, in 2010 1.410, und im letzten Jahr waren es 2.200", listet Mosch auf und zieht den Schluss: "Aus den Einsatzzahlen kann man ja erkennen, dass die Nachfrage erheblich gewachsen ist."

Fachwissen und Netzwerke

Mosch ist selbst 77 Jahre alt und arbeitet seit 15 Jahren für den SES, ebenfalls ehrenamtlich. Aber viele Ruheständler bekommen auch gutes Geld. Siemens zum Beispiel hat schon seit über zehn Jahren ein internes Programm, das erfahrene Mitarbeiter auf Honorarbasis aus dem Ruhestand holt.

Auch beim BMW-Konzern wurde Anfang 2019 ein hauseigenes Senior-Experten-Programm installiert, erklärt der dortige Leiter für Personalpolitik und Strategie, Per Wiek: "Die Senior-Experten verfügen über fundiertes Fachwissen, über Prozesskenntnisse und auch über Netzwerke." Diese Experten wüssten eben, wen man fragen kann, um ein Problem zu lösen, und dieses Wissen wolle BMW sich im eigenen Haus bewahren. "Das war der Hauptgrund, das Senior-Experten-Programm ins Leben zu rufen", bestätigt Wiek.

Reaktion auf Fachkräfte-Mangel

Die Konzerne wollen nicht mehr tatenlos zusehen, wie die teuer erworbenen Erfahrungswerte zusammen mit den Baby-Boomern in den Ruhestand verschwinden. Das gilt für Industrie und Handwerk gleichermaßen.

Hans Schmidt von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz glaubt, dass sich hier gerade ein Trend verfestigt: "Wir haben einen Riesen-Fachkräftemangel in allen Branchen." Deshalb müssten auch die Unternehmen und die Handwerkskammern künftig immer stärker auf die Erfahrung der Ruheständler zugreifen.

Senioren-Berufstätigkeit als Jungbrunnen

Und die neue Rentner-Generation macht mit. In der Datenbank des Senior-Experten-Service haben sich über 12.000 ehemalige Fachkräfte registrieren lassen, die bereit sind, Ihren Wissensschatz weiterzugeben. Darunter eben auch Küchenmeister Fritz Obojkovits.

Er plant schon wieder seinen nächsten Kücheneinsatz für die Zeit nach Corona in Kasachstan: "Ich freue mich, wieder alte Bekannte, Freunde zu treffen und auch zu sehen, was habe ich bewirkt, wie ist die Nachhaltigkeit von meinen vorangegangenen Einsätzen und wenn die Zeit reif ist, ob heuer oder nächstes Jahr, dann fliege ich wieder hin."

Dass die Fertigkeiten der Senior-Experten jetzt mehr gefragt sind als früher, kommt dem Arbeits-Ethos dieser Generation entgegen und wirkt für manche offenbar wie ein Jungbrunnen. Einer Studie der Oregon-State-University zufolge sinkt mit jedem Arbeitsjahr im Rentenalter die Wahrscheinlichkeit vorzeitig zu sterben, um elf Prozent.

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Anton Luginger, Meister bei der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz (Mitte), berät jüngere Berufstätige.

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