| BR24

 
 
© picture alliance/imageBROKER

Hand hält Kreuzkette

Bamberg in den 1970er Jahren: Ein katholischer Jugendverband und ein Priester, der als offen und modern gilt. Er legt viel Wert auf Sport und ein enges Verhältnis zu den Jugendlichen, die jeden Freitagabend zu den Treffen kommen. So wie Thomas (Name geändert), der sich an das gemeinsame Duschen nach dem Sport erinnert.

"Es war schon etwas merkwürdig, dass der Präses dieses Jugendverbands, ein älterer Religionslehrer und Priester, ständig in der Dusche anwesend war und immer wieder die Genitalien seiner ihm anvertrauten Jugendlichen untersucht hat." Thomas

Thomas ist heute fast 60 Jahre alt. Er hat all das lange verdrängt, aber nicht vergessen. Als die katholische Kirche 2008 in Bamberg und 2010 in ganz Deutschland von dem Missbrauchsskandal erschüttert wurde, kommt die Erinnerung wieder. "Ich habe mit dem Missbrauchsbeauftragten Kontakt aufgenommen", erzählt Thomas. "Der hat mich gleich zur Staatsanwaltschaft geschickt und gesagt: Das hat zwar keine Chance mehr, dass das zu einer Verhandlung kommt, aber es ist wichtig, dass das zu den Akten kommt und protokolliert wird." Die Tat war bereits verjährt, außerdem war der Priester inzwischen verstorben.

Missbrauchsstudie reißt alte Wunden auf

Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie vor einem Monat melden sich wieder Betroffene aus der alten Jugendgruppe. In geschlossenen Facebook-Gruppen wird der Fall diskutiert. Das Erzbistum Bamberg hat vor zwei Wochen mögliche Opfer aufgefordert, sich zu melden. "Wir wollen Aufklärung. Wir wollen, dass alle Fälle schonungslos offengelegt werden", sagt Bistumssprecher Harry Luck. Das Bistum sei gesprächsbereit.

"Vielen geht es vor allem darum, dass ihr Fall bekannt wird, dass sie reden können. Im Einzelfall ist es möglich, dass auch 'Leistungen zur Anerkennung des Leids' gezahlt werden. Das muss im konkreten Einzelfall entschieden werden." Harry Luck, Sprecher des Bistums Bamberg

400 bis 500 mögliche Opfer

Thomas schätzt im Interview mit dem BR Magazin "Stationen" die Zahl der möglichen Opfer auf 400 bis 500 Personen. Doch längst nicht alle wollen darüber sprechen. "Vor acht Jahren habe ich Bekannte gebeten, mich zu unterstützen, auch Anzeige zu erstatten", sagt Thomas. "Lasst die Toten ruhen", sei oft die Antwort gewesen. "Da sind auch Freundschaften zerbrochen, an dieser Nicht-Unterstützung."

"So stehen gelassen zu werden – das interessiert keinen mehr – das ist demütigend." Thomas

Thomas will keine Ruhe geben. Das mag auch an seinem Beruf liegen. Er ist selbst Priester geworden und als solcher vertritt er eine Institution, die Missbrauchstäter in der Vergangenheit immer wieder geschützt und sich zu wenig um die Opfer gekümmert hat. Der Präses des Jugendverbandes starb Mitte der 2000er Jahre als angesehene Persönlichkeit. Er habe hunderte von Jugendlichen in ihrem Entwicklungsprozess gefördert, heißt es im Nachruf. Und er habe sie ermutigt, nicht zu schweigen.