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Als Behinderte zum Kostenfaktor wurden | BR24

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Ist es billiger, die Geburt behinderter Kinder durch Pränataldiagnostik zu verhindern als sie zu versorgen? Heute ist diese Frage ein Tabubruch. Wie das BR-Magazin Kontrovers recherchiert hat, wurde aber damit in den 70ern in Bayern Politik gemacht.

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Als Behinderte zum Kostenfaktor wurden

Ist es billiger, die Geburt behinderter Kinder durch Pränataldiagnostik zu verhindern als sie zu versorgen? Heute ist diese Frage ein Tabubruch. Wie das BR-Magazin Kontrovers recherchiert hat, wurde aber damit in den 70ern in Bayern Politik gemacht.

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April 1975: Der bayerische Ärztekammer-Präsident Hans Joachim Sewering und der Vizepräsident des Bayerischen Roten Kreuzes, Bernhard Kläß, hatten die Finanzierung von Stellen für die genetische Beratungsstelle in München auf die Agenda des Bayerischen Senats gesetzt. Die Diskussion im Ausschuss für Sozialpolitik verläuft sich im Klein-Klein.

Den Forschern um den Genetiker und Kinderarzt Jan Murken drohte damals das Aus, weil Fördergelder für ihre Forschung und Beratung ausliefen. Nun kommt die Kostenfrage ins Spiel, und Bernhard Kläß holt aus zu einem Argument, dem auch später im Plenum niemand widersprechen wird:

"Senator Dr. Kläß verspricht sich von der Verhütung erbkranker Kinder - ein in den letzten 20 Jahren völlig vernachlässigtes Gebiet – ein Mehrfaches auch an finanziellem Gewinn, als man jetzt hier benötige." Protokoll Bayerischer Senat, 18. April 1975

Forscher kämpfen um Finanzierung der Diagnostik

Der "finanzielle Gewinn" war ein Argument, das sich in den Jahren wie ein Lauffeuer in der Genetik und auch der Politik verbreitete. Die Rechenlogik dabei war, dass die Untersuchung von Ungeborenen und die Abtreibung von Kindern mit einer Behinderung günstiger seien, als sie ein Leben lang zu versorgen. In den späten 60er-Jahren war die Fruchtwasseruntersuchung erforscht worden. Genetische Defekte, wie das dreifache Vorliegen des 21. Chromosoms, konnten vor der Geburt entdeckt werden.

Allerdings kämpften die Forscher in Deutschland um die Finanzierung der Diagnostik, denn die dafür zuständigen Bundesländer zögerten.

"Umgemein wichtig für die Volksgesundheit"

In Bayern waren das Kultus-, Innen- und Sozialministerium für die genetische Beratung und Wissenschaft zuständig. 1982 schrieb der leitende Medizinaldirektor der Regierung von Oberfranken einen Brief an das Innenministerium mit dem Vorschlag einer humangenetischen Beratung der Gesundheitsämter im Regierungsbezirk. Das Problem sei "ungemein wichtig für die Volksgesundheit".

Eine größere Zahl von Behinderungen ließe sich verhüten, die finanziellen Belastungen für die Allgemeinheit reduzieren. Als wissenschaftliche Quelle wird in dem Brief der Marburger Humangenetiker Georg Gerhard Wendt zitiert. In verschiedenen von den bayerischen Beamten archivierten Aufsätzen und Artikeln taucht sein Name auf. Wendt gilt heute Historikern als umstrittener Wissenschaftler. In einem Gutachten für den Bundestag erwog er sogar einen künftig notwendigen "Zwang zur Erbgesundheit", sollten nicht "sofort" ausreichend genetische Beratungsstellen eingerichtet werden.

Welche Wirkung dieser Lobbyismus hatte, lässt sich nicht genau nachvollziehen. Denn außer dem bayerischen Sozialminister äußerte sich kaum ein Spitzenpolitiker öffentlich zu den Kosten-Nutzen-Analysen.

"Ermutigende Ergebnisse" der Kosten-Studien

1978 trafen sich in München internationale Wissenschaftler zur 3. Europäischen Konferenz zur "Pränatalen Diagnostik genetischer Defekte". Das Grußwort für die Staatsregierung hielt der CSU-Politiker und Sozialminister Fritz Pirkl. In seiner Rede nennt er die Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Analysen angesichts knapper Kassen der Sozialsysteme "ermutigend". Das Sozialministerium listete 1979 in internen Arbeitspapieren die Kosten für einen Menschen mit Behinderung mit bis zu 200.000 DM auf. Die Kosten für eine Fruchtwasseruntersuchung würden sich dagegen auf nur 600 DM belaufen.

Aufklärung gefordert

Der bayerische Behindertenbeauftragte möchte sich zur BR-Recherche nicht äußern. Seine Kollegin aus Hessen, Maren Müller-Erichsen, hat 1975 einen Sohn mit Downsyndrom geboren. Sie fordert eine Aufarbeitung der Vorgänge.

"Weil ich hoffe, dass nochmal bewusst wird, dass es solche Ideen gab, Finanzen einzusparen. Und was das bedeutet, für eine Gruppe Menschen, die dann ausgemerzt wird. Das sollen die nochmal prüfen in ihren Unterlagen." Maren Müller-Erichsen, Behindertenbeauftrage Hessen

Gesundheitsministerium: "aus heutiger Sicht befremdlich"

Zu den damaligen Vorgängen wollen sich heute weder die bayerische Sozialministerin Kerstin Schreyer noch die Gesundheitsministerin Melanie Huml äußern. Das Gesundheitsministerium hält die Ergebnisse der BR-Recherche aus "heutiger Sicht für befremdlich". Das Ministerium habe aber keine solchen Vergleiche angestellt - Aufklärungsbedarf bestehe nicht. Allerdings wurde das Gesundheitsministerium erst 2013 gegründet, in den 70ern gehörte der Bereich Gesundheit zum Sozialministerium. Für die Vergangenheit fühlt sich keines der beiden Häuser zuständig.

© BR

Würde man heute sagen: Behinderte sind teuer, weil sie viel Hilfe brauchen. Es wäre günstiger, Untersuchungen zu zahlen, um zu verhindern, dass sie überhaupt geboren werden - es wäre ein Skandal. Nicht lange her, da wurde so in Bayern gedacht.