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Crystal Meth

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    Alltagsdroge Crystal Meth: Der Rausch der Dunkelziffer

    In den 2010er-Jahren war Crystal Meth ein großes Thema, als günstiger Drogenrausch der östlichen Grenzregionen. Dann verschwand die Droge aus den Schlagzeilen. Dabei ist sie nun in allen Gesellschaftsschichten und allen Landesteilen angekommen.

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    Von
    • Claudia Erl

    In den letzten Jahren wurde es still um Crystal Meth. Ein gutes Zeichen? Wohl eher ein Anzeichen dafür, dass die Droge Alltag geworden ist. Denn: Der Zuwachs an Konsumenten ist enorm. Mancherorten dramatisch. Die Dunkelziffer? Nicht überschaubar.

    Nach einer gewissen Zeit ist dann Ruhe, was dann oft zu der falschen Einschätzung führt, ja, wir haben die Geschichte im Griff", sagt Julius Krieg, Leiter der Drogenberatung der Caritas in Passau. "In Wirklichkeit ist das für mich immer ein Zeichen: Hat die Droge einen festen Platz gefunden in der Gesellschaft, gehört sie dazu, dann wird sie nicht mehr zum Thema gemacht."

    Ähnliche Erfahrungen macht auch Norbert Wittmann vom Jugend- und Drogenhilfe-Verein "Mudra". "Crystal Meth hat eine Normalität, in Anführungszeichen, erreicht. Man kann sagen: Ja, es hat einen Platz in unserer Gesellschaft bekommen, es wird konsumiert", schildert er.

    Von der Mutter bis zum Manager

    Längst sind es nicht mehr nur Drogenjunkies, die Crystal Meth konsumieren. Es sind vielmehr alleinerziehende Mütter, Handwerker, Manager oder Party-Gänger. Menschen mit einem hohen Arbeitspensum, Menschen unter Druck und Stress. Denn: Mit Crystal Meth ist man nie mehr müde, nie mehr durstig und immer satt. Man ist euphorisch, angstfrei und bereit zu jedem Spaß.

    Crystal Meth regt die Nervenzellen an, indem es sie langfristig schädigt und ein depressives Syndrom auslöst. Die Kontrolle über die Droge behalten oder Aufhören ist extrem schwer. Die mentale Sucht ist eklatant. Der körperliche Verfall lässt sich - wohl dosiert - aber über Jahre strecken. So kann ein Crystal-Meth-Konsum im Umfeld lange Zeit unentdeckt bleiben. "Ein jeder muss toll im Beruf, super in der Freizeit sein. Bei Frauen ist die Problematik: Mutterrolle, Hausfrauenrolle. Alle Rollen müssen zu 120 Prozent erfüllt werden", erklärt die Diplom-Psychologin Mayka Holst.

    Dunkelziffer enorm gestiegen

    Gerade dieses "Crystal im Heim und am Herd" lässt die Dunkelziffer immens steigen. Nachgegangen wird dem aber nicht. Dabei gäbe es Werkzeuge dafür: Bereits seit 2013 existiert beispielsweise das europäische Siedlungshydrologie-Projekt SCORE, das Drogenrückstände aus dem Abwasser von Kläranlagen analysiert und dadurch exakte Zahlen über den Konsum von Drogen in Regionen und Städten liefert. Damit könnte eine Art "Frühwarnsystem" an den Start gebracht werden, das nicht nur den Konsum, sondern auch den Drogenhandel beleuchten könnte. Ein Gesetz, das Drogen-Abwasserproben und -analysen kontinuierlich und flächendeckend durchsetzen würde, wurde bisher nicht debattiert.

    Ursprung in Tschechien

    Der Schwerpunkt von Crystal-Meth-Produktion und -Handel ist längst nicht mehr nur der Osten Europas. Auch wenn hier alles begonnen hat. Schon in Zeiten des Kalten Krieges wurde in Prag Crystal Meth gekocht – privat und im kleinen Rahmen. Erst nach dem Mauerfall entwickelte sich das Land zur Hochburg für Crystal-Produzenten und ihre deutschen Konsumenten. Mittlerweile ermitteln 760 Beamte hier speziell in der Meth-Drogenfahndung. In den vergangenen fünf Jahren wurden rund 230 Labore in Tschechien ausgehoben. Die Folge: Die Produktions-Orte verlagern sich – vor allem in die Niederlande.

    Produziert in den Niederlanden, gesteuert von mexikanischen Kartellen

    In den Niederlanden hat man schnell gemerkt, dass Crystal für die Dealer deutlich lukrativer ist als andere synthetische Drogen wie "Speed" oder "Ecstasy". Allerdings werden dort auch mexikanische kriminelle Gruppen immer aktiver, die größere Mengen produzieren. Große Mengen für den großen Markt – verkauft wird übers Darknet oder durch Kuriere. Der Crystal-Markt hat damit eine völlig neue Dynamik und Dimension erreicht.

    Weniger Drogenmengen bei mehr Süchtigen?

    Doch polizeistatistisch stagnieren oder sinken die Crystal-Meth-Mengen. Das bayerische Gesundheitsministerium verzeichnet jedoch zeitgleich einen Anstieg bei den Drogentoten und den ambulant versorgten Suchtpatienten. Verwirrende Zahlen, die einen simplen Hintergrund haben: Wenn die Polizei wenig kontrolliert und ermittelt, dann wird auch wenig gefunden. Und je weniger in der Statistik steht, desto weniger Ressourcen müssen für die Drogenfahndung mobilisiert werden. Ein Teufelskreis? Oder bewusstes Handeln?

    "[…] Würde ein Land sich entschließen, alle Dienststellen dicht zu machen, die Rauschgiftkriminalität bekämpfen, wäre die Statistik nahe null und Sie würden immer noch Innenminister finden, die das als positiv darstellen würden", sagt Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

    Ein Umdenken findet laut Sebastian Fiedler nur zögerlich statt. Im "Pakt für den Rechtsstaat" hat die Bundes- mit den Länderregierungen Vereinbarungen getroffen, das Personal langsam wieder aufzustocken. Und die einzelnen Kommunen? Die werden größtenteils auch nicht aktiv – denn ein Crystal-Meth-Problem will offiziell niemand haben. Das kommt nicht gut an. Nicht in der Politik. Und nicht beim Wähler.

    Die Folge: In der öffentlichen Wahrnehmung gerät die Gefahr der modernen Alltagsdroge in Vergessenheit. Bei gleichzeitiger Steigerung des Verbrauchs. Die neue, gefährliche "Crystal-Welle" rollt. Und nur eine tabulose Debatte über die alte und neue Alltagsdroge Crystal Meth könnte ihr entgegenwirken. "Auf der Grundlage allgemeiner politischer Ignoranz wird der immens lukrative Crystal-Handel weiter zunehmen, die Crystal-Produktion von der Organisierten Kriminalität zunehmend übernommen und unser Kampf immer aussichtsloser", sagt Jakub Frydrich, europäischer Crystal-Experte und Leiter des tschechischen Dogendezernats.

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