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© Markus Wessely / Anna Klein
Bildrechte: dpa / picture alliance

2019 hatte die Polizei mehrere Milchviehbetriebe im Allgäu durchsucht, jetzt wurden drei Landwirte schuldig gesprochen.

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Allgäuer Tierskandal: Landwirte zu Bewährungsstrafen verurteilt

Tierschutz-Verstöße in 43 Fällen: Dafür wurden drei Landwirte aus dem Oberallgäu jetzt zu Bewährungsstrafen verurteilt. Viele Rinder mussten notgeschlachtet werden, nachdem sie wochenlang unter gesundheitlichen Problemen gelitten hatten.

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Michaela NeukirchMichaela NeukirchVeronika ScheidlVeronika ScheidlAnna KleinAnna KleinTorsten ThierbachTorsten Thierbach
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Es ist der erste Prozess rund um den Allgäuer Tierschutzskandal, der bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Jetzt sind drei Landwirte aus Dietmannsried zu Bewährungsstrafen verurteilt worden, die auf drei Jahre festgesetzt wurden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass in dem Familienbetrieb in 43 Fällen massiv gegen Tierschutzgesetze verstoßen wurde.

Strafen zu drei Jahren auf Bewährung festgesetzt

Der Vater wurde vom Gericht zu einer Strafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt, die auf Bewährung ausgesetzt wird, beim Sohn sind es ein Jahr und sechs Monate. Die Mutter bekam eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Zusätzlich muss die Familie insgesamt 7.800 Euro an gemeinnützige Organisationen zahlen. Für alle drei Strafen ist die Bewährung auf drei Jahre festgesetzt.

Staatsanwaltschaft forderte Bewährungsstrafen

Laut Staatsanwaltschaft waren die Landwirte ihren Pflichten als Tierhalter nicht nachgekommen und über Jahre hinweg negativ aufgefallen. Kontrollen durch Tierärzte finden in Milchviehbetrieben eigentlich regelmäßig statt, zuständig dafür ist das Landratsamt. Die Angeklagten hätten dabei großes Desinteresse am Wohl der Tiere gezeigt, so die Staatsanwältin. Sie forderte eine Bewährungsstrafe von 1,5 bis zwei Jahren für die Mitglieder der Familie. Außerdem solle die Familie insgesamt 12.000 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen.

Verteidigung plädierte auf Unterlassen

Die Anwälte, die die drei Angeklagten verteidigten, sahen in den Fällen keinen aktiven Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, sondern höchstens ein Unterlassen. Der Anwalt des angeklagten Familienvaters verwies auf die enorme Belastung der Familie: Seit die Vorwürfe bekannt sind, sei die Familie "geächtet" und werde in sozialen Medien diffamiert.

Die zentrale Frage müsse sein, warum die Bauernfamilien nicht schon früher die Reißleine gezogen habe, so das Argument des Verteidigers der Mutter. Der Betrieb sei über 30 Jahre sogar immer wieder ausgezeichnet worden, bis ein Unfall des Sohnes zur "absoluten Überforderungssituation" geführt habe, weil dadurch die Arbeitskraft des Sohnes ausgefallen war. Sowohl der ältere Landwirt als auch sein Sohn meldeten sich vor Gericht noch zu Wort und entschuldigten sich für das Leid der Tiere.

Tiere mussten sofort eingeschläfert werden

Grund für die überfordernde Situation war laut Staatsanwaltschaft auch, dass sich der Betrieb vergrößert hatte - von 180 auf 600 Tiere. Jedes einzelne Tier in der Anklageschrift musste länger anhaltende Schmerzen und Leiden ertragen, ohne dass die Angeklagten die notwendigen Maßnahmen ergriffen hätten.

Eine Tierärztin sagte vor Gericht aus, dass es weder Heu noch frisches Wasser für die Kälber gegeben habe. Es hätte nur 27 Liegeplätze für insgesamt 42 Kühe gegeben. Bei einer Kontrolle hätten zudem fünf Tiere sofort eingeschläfert werden müssen.

Gericht: "Keine aktive Tierquälerei"

Das Gericht folgte der Argumentation der Verteidigung in Teilen: Der Unfall und die Erweiterung des Betriebs seien Gründe dafür, dass "alles den Bach runter ging", so der Richter. Weil die Familie den Betrieb ab da organisatorisch nicht mehr im Griff hatte, ging es auch finanziell bergab - und das Geld für Futter und Versorgung fehlte. Die Angeklagten hätten dies in Kauf genommen, so das Gericht in seiner Begründung, aber keine aktive Tierquälerei vollzogen. Stattdessen hätten sie die Hilfe unterlassen, die 43 ihrer Tiere nachweislich dringend benötigt hätten und dadurch deren Leid noch verschlimmert. Laut Gericht hätten sich die Angeklagten auch selbst bestraft, indem sie ihre ganze Existenz verloren hatten und den Hof verlassen mussten.

SoKo ermittelte im ganzen Allgäu

Ans Licht gekommen war der Fall im Zuge einer groß angelegten Razzia der Polizei, bei der im Juli 2019 mehrere Allgäuer Milchviehbetriebe untersucht worden waren. Insgesamt sieben Betriebe, zwei Tierarztpraxen und zwölf Wohnungen hatten die Beamten damals durchsucht. Um die Verstöße gegen den Tierschutz umfassend aufdecken zu können, war beim Polizeipräsidium Schwaben Süd/West eine 30-köpfige Sonderkommission gebildet worden.

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