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Allgäuer Skandal-Betrieb: Jedes vierte Kalb stirbt | BR24

© pa/dpa/Karl-Josef Hillendbrand

Allgäuer Skandal-Betrieb: Jedes vierte Kalb stirbt

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Allgäuer Skandal-Betrieb: Jedes vierte Kalb stirbt

In dem umstrittenen Landwirtschaftsbetrieb in Bad Grönenbach sind mehr als doppelt so viele Kälber gestorben, wie im Landesdurchschnitt sterben. Nach Kritik der SPD im Bayerischen Landtag kündigt die Staatsregierung jetzt verbesserte Kontrollen an.

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Für die SPD-Fraktion im Landtag sind die Zahlen zum Allgäuer Tierskandal "erschütternd". Demnach seien auf dem rund 1.800 Tiere zählenden Milchviehbetrieb in den Jahren 2017 und 2018 jeweils "rund ein Viertel aller Kälber verendet". Normal sind - nach dem sogenannten Milchreport der Landesanstalt für Landwirtschaft - jedoch nur rund 10 Prozent. Es liege nahe, dass hier etwas nicht in Ordnung sei, so die SPD.

"Wenn so viele Kälber versterben, dann muss das doch auch mal die Behörde überprüfen oder auch der verantwortliche Tierarzt irgendwann sagen: 'Passt mal auf, wie Ihr mit Euren Tieren umgeht!'" Ruth Müller, SPD-Landwirtschaftsexpertin

Landratsamt: Veterinäramt hat Zahlen nicht ausgewertet

Laut dem Landratsamt Unterallgäu pflegt jeder Landwirt die Zahlen seiner gestorbenen Kälber selbst in eine gesamtbayerische Datenbank ein. Zu den Aufgaben des mit nur vier Veterinären besetzten unterallgäuer Veterinäramtes gehöre es nicht, diese Zahlen auszuwerten. Ob vorgesetzte Behörden dies täten, sei dem Landratsamt nicht bekannt.

"Wir sind mit der Aufstellung an Personal nicht imstande, zuverlässig die uns zugedachten Aufgaben zu erledigen." Hans-Joachim Weirather, Landrat des Landkreises Unterallgäu

Auch in der Tierkörperbeseitigungsanlage, wohin der Landwirt die toten Kälber gebracht habe, sei offenbar nichts aufgefallen, so das Landratsamt. Jedenfalls habe es keine Meldungen von dort gegeben.

Florian von Brunn: Tierschutz-Kontrollen funktionieren nicht

Der SPD-Verbraucherschutzexperte Florian von Brunn fordert deshalb, grundsätzlich mehr vom Freistaat bezahltes Personal, damit bessere Kontrollen überhaupt erst möglich werden. Außerdem sollten Experten aus dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) vor Ort kontrollieren oder die nach dem Bayern-Ei-Skandal geschaffene zentrale Kontrollbehörde KBLV. Diese hat bisher nur Hühnerbetriebe im Blick und nicht die Rinder und Schweine-Großbetriebe.

"Die Kontrollen sind in den letzten Jahren nur vom Landratsamt durchgeführt worden, das haben wir durch unsere Anfragen festgestellt. Die so genannte 'Spezialeinheit Tiergesundheit' hat diesen riesigen Betrieb nie untersucht." Florian von Brunn, SPD

Landrat: Jahrelang keine Hilfe vom Umweltministerium

Der Mindelheimer Landrat Weirather hat jedoch nach eigener Aussage jahrelang mit dem Umweltministerium Gespräche geführt. Er habe auch vorgeschlagen, dass Bayern im Bereich der Veterinärverwaltung ein Personalbemessungssystem einführe, weil die Aufgabenschwerpunkte von Veterinäramt zu Veterinäramt unterschiedlich seien.

"Ich hatte, glaube ich, gute Ideen, aber ich bin nicht durchgedrungen." Landrat Hans-Joachim Weirather

Umweltminister: Neue Kontrollstrukturen einrichten

Mittlerweile hat Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) reagiert. Zunächst würden zwei zusätzliche Spezialisten ins Unterallgäu geschickt. Es sei wichtig, bei so großen Betrieben neue Kontrollstrukturen anzulegen. Vorgestellt werden soll das neue staatlich Kontrollkonzept in der Tierskandal-Sondersitzung des Umweltausschusses am 25. Juli im Bayerischen Landtag.

Soko Tierschutz deckte Tierquälerei auf

Die Missstände in dem Großbetrieb waren von der Tierrechtsorganisation "Soko Tierschutz" aufgedeckt worden. Über mehrere Wochen hatte der Verein in den Ställen des Hofs mit 1.800 Kühen gedreht und die Aufnahmen dem ARD-Politikmagazin "Report Mainz", dem ARD-Magazin "Fakt" und der "Süddeutschen Zeitung" zur Verfügung gestellt. Sie zeigen, wie Kühe getreten und geschlagen oder mit einem Traktor durch einen Stall geschleift werden. Die Staatsanwaltschaft Memmingen ermittelt.

© BR

In dem unter Tierquälerei-Verdacht stehenden Milchviehbetrieb in Bad Grönenbach starben mehr Kälber als in anderen Betrieben.

+++ Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate bei Kälbern in der Viehzucht?

(19.07.2019) - "Rund 14 Prozent" aller Kälber sterben "normalerweise" während der Aufzucht, stand in einer ersten Version dieses Artikels. Wir haben diese Zahl wenig später nach unten korrigiert, auf "rund 10 Prozent". Die Zahlen sollen helfen, zu vergleichen. In den Ställen des Allgäuer Kälber-Züchter, der Anlass des beschriebenen Skandals ist, sind in den letzten beiden Jahren jeweils ein Viertel (25 Prozent) aller Tiere verendet.

14 Prozent tote Kälber im "Normalbetrieb"? Oder doch "nur" 10 Prozent? Beide Zahlen haben viele erstaunt und oft auch empört. Was stimmt? Richtiger - weil aktueller - ist die Zahl 10 Prozent. Sie steht im Milchreport der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft 2017. "14 Prozent" ist die ältere Zahl, ebenfalls von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft veröffentlicht, in ihrer Schriftenreihe aus dem Jahr 2005 (In der Einleitung: "Die Mortalitätsrate der in Bayern neu geborenen Kälber liegt derzeit bei mehr als 14% mit steigender Tendenz"). Basis der Prognose - "steigend" hat sich erfreulicherweise nicht bestätigt - waren die Zahlen der Jahre 1999 bis 2004. Als wir die neuere Studie recherchiert hatten, haben wir die neuen Zahlen auf Basis der "Mortalitätsraten" Jahre 2010 bis 2017 verwendet.