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Alkoholsüchtig wegen Corona | BR24

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Jeder Dritte trinkt wegen Corona daheim mehr Alkohol. Damit aufgrund der langen Dauer der Pandemie die Gewohnheit nicht zur Sucht wird: Ein achtsamer Umgang mit Alkohol ist in diesen Krisenzeiten besonders wichtig.

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Alkoholsüchtig wegen Corona

Einsam im Homeoffice. Der Austausch mit Kollegen oder das Treffen am Abend fehlen, viele bleiben mit ihren Sorgen allein. Mehr als jeder dritte Erwachsene trinkt mehr Alkohol als vor Corona. Aber wie erkenne ich, ob ich gefährdet bin?

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  • Astrid Uhr

Ein Bier zum Abendessen, ein Glas Wein auf der Couch: Nach einem Tag im Homeoffice beginnen viele Menschen ihren Feierabend daheim mit Alkohol. Suchtforscher vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim haben nun herausgefunden: Mehr als jeder Dritte Erwachsene trinkt seit der Corona-Krise mehr als früher. Und wer sich an das regelmäßige Trinken daheim gewöhne, der könne süchtig werden, warnen Ärzte.

Doppelt so viele Anfragen bei "Anonymen Alkoholikern"

Auch die Selbsthilfe-Vereinigung "Anonyme Alkoholiker" warnen vor den Gefahren von Alkohol für vereinsamte Menschen. Die Zahl der Anrufe und die Zahl der Neuen bei Treffen bei den Anonymen Alkoholikern habe sich seit März fast verdoppelt, erzählt Peter, der anonym bleiben möchte. Der 51-Jährige Bankkaufmann hat schon als Jugendlicher mit dem Trinken begonnen.

Mittlerweile hat er seine Sucht im Griff. Seit seiner Heilung möchte er anderen Betroffenen helfen, am Telefon oder bei Gruppengesprächen. Jeden Abend um 19 Uhr steht die Münchner Kontakt-Stelle für Beratungen offen, für jedermann, auch ohne Anmeldung. Ein erfolgreiches Konzept: Mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern weltweit sind die Anonymen Alkoholiker eine der größten Selbsthilfegruppen. Die Hotline ist rund um die Uhr besetzt.

Immer mehr Rückfälle bei Alkohol, Drogen- und Spielsucht

Nicht nur das allgemeine Sucht-Risiko steige, sagt Marion Santl, die Leiterin der Regensburger Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme. Bei ihr melden sich auch vermehrt Menschen, die rückfällig geworden sind, und zwar in unterschiedlichen Konsumbereichen, nicht nur beim Alkohol, sondern auch bei illegalen Drogen, beim Online Glücksspiel und Medikamenten. Viele Fälle führt Santl eindeutig auf Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, Kurzarbeit oder den Verlust des Arbeitsplatzes zurück.

Je länger die Krise, umso größer die Suchtgefahr

Mehr Alkohol über einen längeren Zeitraum erhöht signifikant das Risiko für eine Abhängigkeit. Thomas Hillemacher, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg, warnt: je länger die Krise andauere, desto schwieriger werde es, zum normalen Konsum zurückzukehren. Denn wer längere Zeit regelmäßig trinkt, der gewöhnt sein Gehirn an Alkohol. Daraus kann eine Sucht werden. Vor allem jetzt, in diesen Krisen-Zeiten.

Vorsicht beim Alkohol-Genuss daheim

Neu ist: Während "Gelegenheitstrinker", die sonst auswärts bei Festen trinken, nun weniger Alkohol konsumieren, trinken "Daheim-Trinker" mehr. Also Menschen, die schon immer mal gerne eine Flasche Bier oder Wein daheim öffnen. Weil sie jetzt im Teil-Lockdown mehr Zeit daheim verbringen, wegen Homeoffice, Kurzarbeit, Jobverlust, könnte mancher die offene Flasche Wein vom Vorabend schon mittags in die Hand nehmen, fürchten Suchtforscher.

Zuviel Alkohol bei Online-Partys

Sorgen machen Peter vom Münchner Selbsthilfeverein "Anonyme Alkoholiker" auch das Phänomen der Online-Partys. Statt in der Bar oder Disco werde nun bei einer Videokonferenz getrunken. Für ihn eine traurige Begleiterscheinung der Corona-Krise.

"Mir hat eine 19-Jährige erzählt, dass sie samstags früh um drei mit der Schnapsflasche vorm Computer sitzt, da haben sie sich die Kante gegeben." Peter von den Anonymen Alkoholikern

Empfehlungen: Zwei trinkfreie Tage pro Woche

Die Empfehlung der meisten Suchtgesellschaften ist, möglichst zwei trinkfreie Tage pro Woche einzubauen. Thomas Hillemacher, Chefarzt am Klinikum Nürnberg, empfiehlt zum Beispiel ein Trink-Tagebuch zu führen. Pro Tag sollen Frauen nicht mehr trinken als 20 Gramm Alkohol, also ein Glas Wein, Männer nicht mehr als 30 Gramm, einen knappen Liter Bier, so die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Peter hat damals am meisten die Aufforderung einer Freundin geholfen, er solle sich Hilfe holen. Einen Alkoholiker auf sein Problem aufmerksam zu machen, sei der größte Freundschaftsdienst, den man ihm erweisen könne, meint der ehrenamtliche Mitarbeiter des Selbsthilfevereins "Anonyme Alkoholiker".

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