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Viele Museumsbetreiber in Bayern überprüfen nach dem Gold-Diebstahl aus dem Kelten-Römer-Museum in Manching ihr Sicherheitskonzept.

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Alarm nach Gold-Diebstahl: Bayerische Museen in Aufruhr

Alarm nach Gold-Diebstahl: Bayerische Museen in Aufruhr

Viele Museumsbetreiber in Bayern überprüfen nach dem Gold-Diebstahl aus dem Kelten-Römer-Museum in Manching ihr Sicherheitskonzept. Doch hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Bleibt die Frage: Schätze ausstellen oder lieber einsperren?

Bayerns Museen sind nach dem Diebstahl des Goldschatzes aus dem Kelten-Römer-Museum in Manching in Alarmstimmung. Obwohl viele hochgerüstete Sicherheitssysteme haben, wird in den Häusern nun diskutiert, ob und wo die eigene Sammlung gefährdet sein könnte.

Kunstministerium will Sicherheitskonzept überprüfen

"Unsere Museen verfügen über sehr gute Sicherheitskonzepte, die mit den Sicherheitsbehörden erstellt und immer wieder überprüft und angepasst werden", betont eine Sprecherin des Kunstministeriums. Doch sicherlich werde der aktuelle Fall Anlass sein, das jeweilige Sicherheitskonzept noch mal zu hinterfragen. Auch die Bayerische Schlösserverwaltung will die Sicherheitsvorkehrungen nun überprüfen.

Die staatlichen Museen sichern ihre Exponate ebenso wie die meisten anderen Häuser im Freistaat durch ein Zusammenspiel aus baulichen, technischen, personellen und organisatorischen Maßnahmen. Und dennoch wird nun überall noch mal nachgedacht, wie Umfragen von BR24 und der Nachrichtenagentur dpa ergeben haben.

Münchner Generaldirektor fordert mehr Geld für Sicherheitsmaßnahmen

"Wir wähnten uns immer gut gesichert", schildert etwa Martin Hirsch, kommissarischer Leiter der Staatlichen Münzsammlung in München. "Wir haben eine moderne Alarmanlage mit mehreren Sicherheitsstufen, so dass es nicht reicht, wenn Sie ein, zwei Kabel erwischen. Deswegen herrscht jetzt kein Alarmzustand bei uns." Trotzdem bleibt bei Hirsch ein mulmiges Gefühl, das er mit vielen Museumsverantwortlichen teilt. Schließlich gab es solche spektakulären Diebstähle wie im Berliner Bode-Museum oder im Dresdner Grünen Gewölbe in Bayern bislang nicht. Noch dazu war Manching bis dato eher nur einem kleineren Kreis als Museums-Kleinod bekannt.

"Kunstdiebstähle gibt es schon, solange es Museen gibt", sagt Frank Matthias Kammel, der Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums in München, in der radioWelt von Bayern 2. Das ganze habe in der letzten Zeit aber noch mal andere Dimensionen erreicht – mit steigender krimineller Energie. "Manching hat gezeigt, dass das Museum sicher zu machen das eine ist. Das andere ist die Infrastruktur. Wenn uns jemand irgendwelche Kabel durchsägt, so dass die Infrastruktur nicht mehr funktioniert, dann ist das eine neue Dimension, über die wir neu nachdenken müssen."

Um die Sicherheit der Kulturschätze in Museen zu erhöhen, seien auch höhere Mittel für Sicherheitsmaßnahmen nötig, sagt Kammel. "Sicherheit ist nicht zu schaffen, ohne dass man Geld in die Hand nimmt. Insofern ist das nun die Stunde, in der wir nachdenken, wie effektiv wir etwas tun können mit Mitteln, die eingesetzt werden, um diese neuartige Form von Kriminalität wirkungsvoll zu bekämpfen."

Nürnberg: Mehr Zurückhaltung bei Exponat-Werten

Besorgt klingt auch der Direktor der Museen der Stadt Nürnberg, Thomas Eser. "Wir sind jetzt natürlich im doppelten Alarmmodus, nachdem wir in den letzten Wochen schon mit den Klebeattentaten zu tun hatten", wie Eser es ausdrückt. Die Tat in Manching werde Folgen haben. "Bei dieser besonders barbarischen Art des Kunstraubs - das ist ja kein Gentlemen-Kunstdiebstahl, wie wir es aus Hollywood kennen - geht es nur um den Materialwert. Das wird dazu führen, dass wir über die Materialität in Zukunft zurückhaltender Auskunft geben." Sprich: Auf den Schildern wird oft nicht mehr draufstehen, dass etwas aus Gold oder Silber ist.

Beim ebenfalls in Nürnberg beheimateten Germanischen Nationalmuseum wird der Fall Manching genau analysiert. "Wir überlegen dann, hätte das auch bei uns passieren können, und bessern gegebenenfalls bei uns nach", schildert Sprecherin Sonja Mißfeldt das grundsätzliche Vorgehen. Gekappte Telefonleitungen wären aber kein größeres Problem: "Wir haben rund um die Uhr Wachleute bei uns im Haus" - und die könnten schnell Verstärkung rufen.

Würzburger Domschatz: Ausstellen oder Einsperren?

Beim Würzburger Domschatz, der derzeit nicht zugänglich ist und ab Anfang 2023 wieder öffentlich präsentiert werden soll, führt Manching zu einem Umdenken - mit noch offenem Ausgang. "Der Domschatz ist natürlich gesichert mit einer modernen Anlage", sagte Wolfgang Schneider vom Museum am Dom. "Aber man muss tatsächlich in sich gehen und fragen, ob man alle Stücke wirklich präsentieren kann, oder ob man die Sicherheit eines Tresors sucht." Schließlich hätten die Diebe gezeigt, was man mit Hammer und viel Gewalt anrichten könne.

Auch das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt hat seine Sicherheitsvorkehrungen bereits wegen möglicher Aktionen von Klimaaktivisten erhöht. Im Museum seien die Sicherheitsvorkehrungen an den Vitrinen verstärkt worden, teilte Museumsleiter Wolf Eiermann dem BR bereits vor einem Monat mit. Außerdem sei das Aufsichtspersonal sensibilisiert und zusätzlich geschult worden. Ein komplett neues Sicherheitssystem ist in Planung und soll bis Ende des Jahres umgesetzt werden.

Coburg: Optimierung der Sicherheitssysteme ist Finanzfrage

Trotz neuester Technik werde man sich aber nicht zu einhundert Prozent schützen können, sagt der Museumsdirektor der Kunstsammlungen der Veste Coburg, Sven Hauschke, im Gespräch mit BR24. Oftmals lägen Daten- und Sicherheitskästen nicht im Bereich der Museen, sondern auf öffentlichem Grund. Dann ist entweder die Stadt oder der Versorger gefragt, so Hauschke. Jedes Museum hätte eine Handvoll Highlights, die ihr Herz, ihr Kern, ihre Identität seien. "Wenn das buchstäblich aus dem Museum gerissen wird, ist das fatal", sagt Hauschke.

Die Veste Coburg selbst hat in Sicherheitstechnik investiert, Alarmsysteme funken direkt zur Polizei. "Wir haben nun genau die Problematik diskutiert, wenn von außerhalb manipuliert wird", sagt der Direktor. Eine weitere Optimierung der Systeme sei aber nicht so einfach. Eine solche Finanzierung liege nicht im laufenden Etat. In dem Kontext wirft Sven Hauschke die Frage auf, ob nicht auch der Staat in der Pflicht sei.

Augsburger Museumsleiter: Sicherheit erst kürzlich optimiert

Der Diebstahl der Manchinger Goldmünzen hat auch Museumsleiter in Augsburg schockiert. "Prinzipiell ist jeder Schaden, der einem Kulturgut zugefügt wird, auch ein Schaden, der uns als Gesellschaft zugefügt wird", sagt Christof Trepesch, Leitender Direktor der Kunstsammlungen & Museen Augsburg, dem BR. Erst vor Kurzem habe man die Alarm-, Brandmelde- und Klimatechnik in den Augsburger Museen geprüft und noch einmal optimiert. "Wir bitten um Verständnis, dass wir zu Details aus Sicherheitsgründen keine weiteren Aussagen machen", so Trepesch weiter.

Was die Sicherheit der Originale betreffe, seien die Kunstsammlungen und Museen in Augsburg "bereits durch die Attacken der Klimaaktivisten sehr sensibilisiert" worden. Taschen dürfen daher beispielsweise prinzipiell nicht mehr mit in die Ausstellungen genommen werden. Auch das Personal wurde laut Trepesch entsprechend geschult. In den Augsburger Museen lagern bedeutende Münz-Funde aus der Römerzeit sowie wertvolle Exponate aus den Werkstätten der früheren Silberschmieden.

Regensburger Museumsleiterin: "Letztlich gefeit ist man nie"

Im Historischen Museum der Stadt Regensburg liegt ebenfalls ein Römerschatz. In einer Vitrine stellt das Museum 25 Gold- und über 600 Silbermünzen aus, die aus einem frühen Römerlager stammen. Schätze, die wohl römische Soldaten in einem Bronzekessel vergraben haben, aber nach Kämpfen nicht wieder abholen konnten. Die Nachrichten über den Diebstahl in Manching hat auch Doris Gerstl mit Sorge verfolgt. "Letztlich gefeit ist man nie", sagt die Museumsleiterin.

Der Römerschatz befinde sich hier in einer verschlossenen Vitrine, die tagsüber von der Kasse aus einsehbar und durch eine Einbruchmeldeanlage gesichert sei. Details zu den Alarm- und Sicherungsanlagen will Gerstl nicht öffentlich nennen. Aber: Das Museum arbeitet zum Beispiel auch mit Experten von Versicherungen zusammen.

Niederbayerische Schätze nur noch im Tresor?

Die Leiter des Gäubodenmuseums in Straubing und des Quintana-Museums in Künzing im Landkreis Deggendorf haben Sorge, dass derartige Museums-Einbruchdiebstähle dazu führen könnten, dass Original-Schätze in Tresoren verschwinden. In Vitrinen könnten dann nur noch Replikate gezeigt werden. "Das ist aber nicht der Sinn: Unsere Kultur soll den Menschen ja nahegebracht werden", betont Günther Moosbauer vom Quintana-Museum. In Künzing soll jetzt das Sicherheitskonzept überarbeitet werden. "Man kann sich vor Einbrüchen nur sehr schwer schützen – 100 Prozent sicher sein kann man nicht", sagt Museumsleiter Roman Weindl.

Sowohl Moosbauer als auch Weindl gehen davon aus, dass die gestohlenen Goldmünzen aus Manching eingeschmolzen werden könnten. Damit gehe Kulturgut verloren, so Moosbauer. "Den Leuten geht es dabei nur um den materiellen Wert, uns geht es um den kulturellen Wert", betont auch Weindl.

Im Video: BR24live mit Pressekonferenz zum Goldschatz-Diebstahl mit LKA und Museumsleiter

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Frank Mächler

Der Goldschatz von Manching: Der größte keltische Goldfund des 20. Jahrhunderts wurde 1999 gefunden.

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