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Sie fordern Taten statt Worte und konkrete Maßnahmen, mit denen die Stadt Nürnberg zum Klimaschutz beiträgt. Auf dem Sebalder Platz mitten in der Altstadt campieren Klima-Aktivisten - und zwar schon seit Anfang September.

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Aktivisten im Klimacamp in Nürnberg kämpfen seit sieben Wochen

Sie fordern Taten statt Worte und konkrete Maßnahmen, mit denen die Stadt Nürnberg zum Klimaschutz beiträgt. Auf dem Sebalder Platz mitten in der Altstadt campieren Klima-Aktivisten – und zwar schon seit Anfang September.

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Von
  • Michael Reiner

Vier Grad, Nieselregen. Die Nacht war kalt und nass. Da kommt der Apfelkuchen ganz recht, den die Mutter einer der Camp-Aktivistinnen frisch gebacken hat. Sie stellt das Blech in das improvisierte Küchenzelt auf dem Sebalder Platz. Seit sieben Wochen halten die Protestierenden schon mitten in der Nürnberger Altstadt aus. "Wir bleiben, bis ihr handelt", steht auf einem der Transparente. Die Demonstrantinnen und Demonstranten fordern konkrete Maßnahmen, um das Klima zu retten.

Weniger Fleisch in städtischen Kantinen

Mehr Solaranlagen, bessere Radwege und der Verzicht auf den Ausbau des Frankenschnellwegs sind einige Forderungen an die Stadt Nürnberg. "Außerdem sollte in städtischen Kantinen mehr veganes und vegetarisches Essen angeboten werden", meint Julia Salomon. Kleine Schritte nur, sagt die 22-jährige Studentin. Aber wichtig auf dem Weg, die Erderwärmung unter dem Wert von 1,5 Grad zu halten.

Camp ist rund um die Uhr besetzt

Es sind die Ziele des Pariser Klimaabkommens, die die bunte Truppe einfordert. Auf dem Kopfsteinpflaster des Sebalder Platzes stehen Pavillons. Unter einem dieser Dächer haben die Aktivisten alte Sofas und Sessel aufgestellt. Ein bisschen Wohnzimmer-Bequemlichkeit, der Treffpunkt für die Besatzung des Camps. Zwei Leute müssen immer da sein. Auch in der Nacht. So steht es in der Demonstrations-Genehmigung vom Ordnungsamt.

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"Wir streiken, bis ihr handelt": Die Nürnberger Klimakämpfer wollen trotz des herbstlich-kalten Wetters weitermachen.

"Als ich heute aus dem Schlafsack gekrochen bin, hab' ich schon zehn Minuten gezittert." Florian Hienle, Klimaaktivist

Florian Hienle hat die Nacht in der großen Jurte verbracht. Das Zelt, zusammengeknöpft aus schwarzen Stoffplanen, haben Pfadfinder aufgestellt. Ein großes Schild im Inneren weist darauf hin, dass man nicht an die nassen Planen stoßen darf. "Sonst wird alles nass", sagt Florian Hienle. Am Morgen sei es derzeit schwer, sich aus dem warmen Schlafsack zu schälen. Aber es sei schon ein besonderes Gefühl, um sieben Uhr von den Glocken der Sebalduskirche geweckt zu werden.

Zeichen setzen – auch wenn es unbequem wird

Theresa Hennings zieht den Kragen ihres Mantels enger. Seit Wochen ist die 28-Jährige, die ihr Studium derzeit ausgesetzt hat, fast jeden Tag im Camp. "Ich bin Fan des Zwiebellooks. Ich habe schon noch einige Schichten, die ich drüberziehen kann, wenn es kälter wird", sagt sie lachend. "Barfuß im Sommer könne jeder demonstrieren. Aber jetzt wo es härter wird, ist es wichtig da zu sein und zu zeigen, dass wir bleiben, bis endlich gehandelt wird", sagt sie mit Blick auf das Nürnberger Rathaus.

Hoffen auf aktive Nürnberger Stadtpolitik

Exakt 116 Meter, so steht es auf einem der handgemalten Holzschilder im Camp, sind es bis zum Amtszimmer des Nürnberger Oberbürgermeisters Marcus König (CSU). Er habe schon mal kurz vorbeigeschaut, sagt Julia Salomon. Nürnbergs Umweltreferentin Britta Walthelm (Grüne) hat sich mehr Zeit genommen und mit den Aktivistinnen und Aktivisten im Camp diskutiert. Sie hoffen, dass den Worten nun Taten folgen. Einen Klimaschutzfahrplan für die Jahre 2020 bis 2030 hat die Stadt Nürnberg bereits beschlossen.

Solarzellen laden Handys und Laptops

Während des Tages sind etwa ein Dutzend Klima-Kämpferinnen und Klima-Kämpfer vor Ort. Insgesamt 18 Gruppen stehen hinter dem Camp, von "Fridays For Future" über Greenpeace bis zu "Extinction Rebellion".

Auf dem Tisch steht eine Thermoskanne mit Kaffee. Es wird viel geredet, einer zupft an der Gitarre, ein anderer holt Wasser aus einem großen Kanister. Der Strom kommt aus einem Laden in einem Nachbarhaus. Außerdem stehen mehrere Solarzellen im Camp, mit denen werden Handys und Laptops geladen. Am Infostand blättern zwei Frauen durch die Broschüren, die dort aufliegen. Das Engagement der jungen Leute finden sie gut. Julia Salomon diskutiert mit ihnen.

"Jede Stunde, die man hier im Klimacamp verbringt und mit Menschen ins Gespräch kommt, ist das Beste, was man gerade mit seiner Zeit machen kann." Julia Salomon, Klimaaktivistin

Später kommt ein älterer Mann vorbei. Er steckt einen Zehn-Euro-Schein die Spendenbox. Hut ab vor dem, was hier im Klimacamp passiert, meint er.

Im täglichen Plenum wird das Leben im Camp organisiert

Ums Geld geht's auch beim abendlichen Plenum vor der kleinen Bühne im Zentrum des Camps. Die großformatigen Info-Plakate, die am Eingang stehen, müssen finanziert werden. Außerdem muss geklärt werden, wer sich um die Aktivitäten in den sozialen Medien kümmert. Es gibt etliches an Organisatorischem zu erledigen. Trotzdem, die Stimmung in der Runde ist gut, die Corona-Abstände werden eingehalten. Ab und zu muss einer lauter reden, weil er durch seine Maske schwer zu verstehen ist.

Forderung nach einer Kurswende

Der Apfelkuchen vom Vormittag ist fast aufgegessen. Auch die Brezen sind weg. Langsam geht die Sonne unter und es wird kalt. Für die kommende Nacht ist wieder Regen vorhergesagt. Warum sie trotzdem bleibt? Julia Salomon muss nicht lange nachdenken. Sie will auch in 50 Jahren noch auf einem intakten Planeten leben: "Es gibt mir so viel Motivation, wenn ich mir vorstelle, dass ich mal meinen Enkelkindern erzählen kann, wie das damals war, als wir hier das Ruder in letzter Sekunde noch gemeinsam herumgerissen haben."

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