Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Aiwanger teilt aus: Der harsche Ton des Ministers auf Twitter | BR24

© picture alliance/Sven Hoppe/dpa

Archivbild: Hubert Aiwanger imLandtag

32
Per Mail sharen
Teilen

    Aiwanger teilt aus: Der harsche Ton des Ministers auf Twitter

    "Du arroganter Schlaumeier", "Schwätzer", "erzähl keinen Mist" - auch als Vize-Ministerpräsident nimmt Hubert Aiwanger auf Twitter kein Blatt vor den Mund. Kritik daran weist er zurück. Ministerpräsident Söder verfolgt derweil eine andere Strategie.

    32
    Per Mail sharen
    Teilen

    Hubert Aiwanger reicht es: Der bayerische Vize-Ministerpräsident und Freie-Wähler-Chef mag nicht einfach zuschauen, wie er in sozialen Netzwerken attackiert wird. Aiwanger kontert - und geht dabei mit Kritikern nicht zimperlich um. Während sich Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf Twitter mittlerweile staatsmännisch präsentiert und Antworten von Usern außer Acht lässt, führt Aiwanger zum Teil hitzige Debatten: ein Minister im Twitter-Nahkampf.

    Entspricht eine Behauptung in einem Tweet aus Aiwangers Sicht nicht der Realität, geht er in die Offensive. Dabei verwendet er auch mal Formulierungen wie "Dummschwätzer" und "Du arroganter Schlaumeier". Oder er wirft Twitter-Nutzern vor, Mist zu erzählen, den "dicken Maxe" zu spielen oder blöd zu argumentieren. Manche User kritisieren diese Wortwahl: "Vielleicht sollten Sie sich wie ein Politiker benehmen und nicht wie ein unreifes Kind", schreibt beispielsweise ein Nutzer und ein anderer meint: "Von Herrschaften in gewissen Positionen erwarte ich mehr Souveränität."

    Aiwanger will sich nicht "dumm anmachen lassen"

    Der Freie-Wähler-Chef weist solche Kritik zurück. "Man muss sich nicht der Erwartungshaltung beugen, ein Politiker müsse sich in den sozialen Medien dumm anmachen lassen und soll dazu noch gequält lächeln", sagt er dem BR. Immer häufiger würden die Respektlosigkeit und Beleidigungen in sozialen Medien vor allem gegenüber Politikern und Menschen des öffentlichen Lebens beklagt. "Glaubt jemand, das wird besser, wenn der Beleidiger weiß, der Politiker steckt alles ein und lässt sich zum Watschenbaum machen? Nein!" Sich beleidigen zu lassen, ohne sich zu wehren, habe nichts mit Souveränität oder Würde des Amtes zu tun, sondern eher mit Angst vor der Eskalation und Wegducken.

    Der Wirtschaftsminister sieht auch nach seinem Wechsel von der Oppositions- auf die Regierungsbank keinen Grund dafür, etwas an seinem Kommunikationsstil zu ändern. "Ich wähle meine Worte immer so, wie ich es auch bei einer realen Begegnung mit dem Gegenüber sagen würde."

    "Keine moderne Litfaßsäule für Parteien"

    Aiwanger twittert unter seinem persönlichen Account selbst. Das sei für Politiker aus strategischer Sicht sinnvoll, da es für Authentizität, Bürgernähe und Offenheit gegenüber modernen Kommunikationsmitteln stehe, sagt Kommunikationswissenschaftler André Haller von der Universität Bamberg. "Das bedeutet aber auch, dass man Gegenwind aushalten muss." Soziale Netzwerke seien keine moderne Litfaßsäule für Parteien, sondern dialogische Plattformen.

    Generell zeige die Forschung, dass es eigentlich populistische und kleinere Parteien seien, die aggressiver und kontroverser kommunizieren. "Im Fall Aiwanger ist es komplexer", analysiert der Universitätsdozent. Beim Freie-Wähler-Chef vermische sich auf Twitter seine frühere Rolle als kantiger Oppositionspolitiker mit der jetzigen als Regierungsmitglied. "Natürlich kann auch Strategie dahinterstecken, also, dass Aiwanger bewusst den manchmal sehr direkten und ruppigen Kommunikationsstil der neuen Medien einsetzt."

    Politik-Professor: Rhetorische "Nähe zum Dorfstammtisch"

    Was passiert, wenn man sich mit Aiwanger auf Twitter anlegt, erlebte kürzlich auch der Münchner Politik-Professor Christoph Knill. Als er in einem Tweet den Dialekt des Vize-Ministerpräsidenten parodierte ("Ihr ormen Honseln om Lond"), lautete Aiwangers Antwort: "Typisch rassistische Arroganz gegen die dialektsprechende Landbevölkerung."

    Knill will Aiwangers Antwort "nicht überbewerten", wie er auf BR24-Anfrage sagt. Solche Reaktionen seien "partiell durchaus sympathisch". Denn statt eine "formal-offizielle Fassade" zu wahren, vermittelten sie Spontaneität sowie persönliche Wahrnehmungen und Emotionen. In gewisser Weise reflektiere diese Twitter-Strategie explizit Bürgernähe, "wenngleich dabei - bewusst oder unbewusst - teilweise rhetorisch die Nähe zum Dorfstammtisch gesucht wird".

    Digitalberater: Aiwanger "sollte sich souveräner verhalten"

    Genau damit aber trifft Aiwanger nach Einschätzung des Hamburger Politik- und Digitalberaters Martin Fuchs den Nerv seiner Anhänger. Dem Experten zufolge tut er mit deftigen bayerischen Worten "genau das, was die Leute von ihm erwarten". Der Minister komme rüber als eigenständiger Kopf, als jemand, der sich nicht abschleifen lasse. "Es ist die perfekte Inszenierung dessen, wie ich mir als Preuße einen bayerischen Machertypen vom Land vorstelle", sagt Fuchs. "Er produziert da perfekt für seine Zielgruppe."

    Für einen deutschen Politiker mit Regierungsamt sei Aiwangers Ton aber "sehr ungewöhnlich". "Da fällt mir nur noch Bodo Ramelow aus Thüringen ein." Auch bei dem Linken-Politiker komme es ab und zu vor, das er sich provozieren lasse und dann unsouverän reagiere. "In seiner Funktion sollte Aiwanger sich souveräner und konziliant verhalten", betont der Politikberater. Wenn man als Politiker nachhaltig wahrgenommen werden wolle, müsse man anders agieren.

    Bei Söder ist alles "superduper"

    Der Gegenpol zu Aiwangers Twitter-Auftritt ist der persönliche Kanal von Ministerpräsident Söder: "Schöne Fotos, von schönen Terminen aus dem wunderschönen Bayern - alles ist perfekt, alles ist superduper", schildert Fuchs, der Ministerien und Parteien zu digitaler Kommunikation berät. Zwar sei der präsidiale Stil "nicht falsch für einen Politiker, der Landesvater werden möchte und das noch nicht ist in der Wahrnehmung der Bevölkerung", sagt der Experte. Auf Dauer sei das aber extrem langweilig: "Weil er keine Diskurse führt - und dafür ist Twitter gemacht."