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Hubert Aiwanger, Freie Wähler
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Regina Kirschner
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Hubert Aiwanger, Freie Wähler

Hubert Aiwanger geht - oder besser: er schreitet -  in dunklem Anzug, mit roter Krawatte und ernstem, möglichst seriösem Blick durch die langen Gänge im Bayerischen Landtag. Er scheint in den vergangenen Wochen einige Zentimeter gewachsen zu sein – vor Stolz. Der 47-Jährige Landwirt aus Niederbayern hat geschafft, worauf er seit Jahren hingearbeitet hat: Die Freien Wähler werden an der Seite der CSU mitregieren. Er selbst wird auf der Regierungsbank Platz nehmen – wohl als Wirtschaftsminister und Vize-Regierungschef.

Die "personifizierte Heimat"

So schnell kann sich die Welt drehen. Es ist erst ein paar Wochen her, da steht Aiwanger, der Spitzenkandidat der Freien Wähler, mit hochgekrempelten Ärmeln vor dem Landshuter Rathaus. Umtriebig verteilt er Kugelschreiber und macht Wahlkampf. Zwei ältere Damen bitten um ein Autogramm. "A so a scheener Mo", schwärmt die eine. "Ja freili wählen wir den", sagt die andere. Warum? Weil ihnen die Heimat am Herzen liege, erklären die beiden, und Aiwanger sei quasi die "personifizierte Heimat". Er spricht unsere Sprache, sagen auch andere Passanten. 

Bodenständig, konservativ, heimatverbunden

Tatsächlich fällt Aiwanger mit seinem speziellen Niederbayerisch ("Opfisoft") selbst unter gestandenen Bayern auf. Ob im Landtag oder im Bierzelt, Aiwanger redet immer im Dialekt und vor allem "frei Schnauze, was ihm das Herz in den Mund legt", wie er selbst sagt. Der studierte Landwirt bewirtschaftet einen Bauernhof in Rahstorf in der Nähe von Rottenburg an der Laaber und hat mit der Regensburger Landrätin Tanja Schweiger zwei kleine Söhne. Aiwanger gilt als konservativ, bodenständig, heimatverbunden. In fremden Betten schläft er nicht gern, Urlaub macht er am liebsten daheim in Bayern. 

Kernkompetenz Mittelstand

Doch die eine oder andere Reise nach Berlin oder sogar ins Ausland wird sich wohl demnächst nicht mehr vermeiden lassen. Schließlich ist Bayern eine Exportnation und Aiwanger womöglich schon bald Wirtschaftsminister des Freistaats. Auch wenn man sich den Niederbayern momentan noch nicht unbedingt bei Wirtschaftsgesprächen in China vorstellen kann, kommt es nicht überraschend, dass die Freien Wähler das Ressort übernehmen.

Sie haben sich die Förderung des Mittelstands auf die Fahnen geschrieben. Seit Jahren verlangen sie eine Erhöhung des Meisterbonus' und bessere Rahmenbedingungen für Firmenansiedlungen auf dem Land. Neben der Wirtschaft soll das Ministerium sich auch um die Energieversorgung und die Landesentwicklung kümmern – beides ebenfalls Kernanliegen der Freien Wähler. Als einzige Oppositionsfraktion lehnten sie in der vergangenen Legislaturperiode die geplanten Stromtrassen aus dem Norden konsequent und vehement ab und forderten stattdessen eine dezentrale Energiewende.

Wirtschaft mit Energie und Landesentwicklung: "Gut verhandelt“

Mit dem neuen Landesentwicklungsprogramm, kurz LEP, bekommt Aiwanger zudem den Hebel, mit dem sich in Sachen Flächenverbrauch einiges bewegen lässt. Aiwanger, heißt es unter politischen Beobachtern, hat den Zuschnitt seines Ministeriums "clever verhandelt". Mit Roland Weigert, dem früheren Landrat von Neuburg-Schrobenhausen, könnte er sich einen Staatssekretär ins Ministerium holen, der einen Apparat führen kann und (als Politiker aus der Audi- und Boom-Region Ingolstadt) auch wirtschaftspolitisch fit ist.

Hartnäckig und machtbewusst und damit nicht zu unterschätzen

Unterschätzen darf man "den Hubert" auf jeden Fall nicht. Das weiß auch die CSU. Er habe sich in den Koalitionsgesprächen "überraschend sattelfest" gezeigt, mit großer Detail- und Sachkenntnis, berichten Unterhändler. Auch einen gewissen Ehrgeiz spricht dem selbstbewussten Aiwanger niemand ab. Und er ist hartnäckig. Das bewies er zuletzt bei der Abschaffung der Straßenausbaubeiträge. Monatelang bestand Aiwangers Wortschatz quasi nur noch aus einem einzigen Wort: "Strabs". Bei jedem Gespräch, bei jeder Rede, bei jedem Auftritt brachte er das Thema an. Die CSU trieb er damit zur Weißglut und zwang sie letztlich zum Einlenken.

Populistisch in der Asylpolitik

Parteikollegen nennen Aiwanger auch "ihren Themenspürhund", weil er oft das Ohr nah am Bürger hat und die Sorgen der Menschen noch vor allen anderen erkennt. In der Asylpolitik allerdings ging er Vielen zu weit. Selbst Politiker aus den eigenen Reihen warfen ihm Populismus vor, weil er recht früh einen harten Kurs einschlug. Schon 2014 und damit ein Jahr eher als Seehofer forderte Aiwanger eine Obergrenze für Flüchtlinge.

Auch, dass er die Freien Wähler von der Kommunalpolitik in den Landtag und sogar ins Europaparlament hievte, finden nicht alle Freien Wähler gut. Dass er seine Partei bei der nächsten Wahl auch noch in den Bundestag bringen will, halten manche an der Basis für Gschaftlhuberei. "Die Freien Wähler sind eine Graswurzelbewegung und müssen das auch bleiben", warnen seine Kritiker. Doch Aiwanger lässt sich nicht beirren: für ihn ist die Regierungsbeteiligung in Bayern nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum nächsten großen Ziel: "In zehn Jahren werden wir im Bundestag sitzen", sagte er zuletzt der Nachrichtenagentur dpa.

Sumo-Ringer in der CSU

Und der Freie Wähler-Chef weiß, dass sie damit nicht ganz unrecht haben. Schließlich ist die Partei inhaltlich oft kaum von der CSU zu unterscheiden und muss aufpassen, in den nächsten fünf Jahren nicht von dem stärkeren Koalitionspartner zermalmt zu werden. Aiwanger, der gerne in plastischen Bildern spricht, drückt das so aus: "Ich habe ja selbst immer wieder gesagt, dass man gut aufpassen muss, wenn man mit jemanden ins Bett geht, der vier Mal so schwer ist wie man selbst. Denn dann wird man schnell erdrückt." Das Risiko müsse man aber eingehen, so Aiwanger, der dann der CSU auch gleich noch eine kleine Drohung hinterherschickt: "Erstens haben wir den Sumo-Ringer abgespeckt, er ist jetzt nur noch drei Mal so schwer wie wir. Zweitens sind wir die Schnelleren und Athletischeren und sofort aus dem Bett draußen, wenn es zusammenbricht."

Aiwangers persönliches "Weiter so"

Umso mehr betont Aiwanger seit Tagen, dass die Freien Wähler ihre starke, kommunalpolitische Verankerung behalten werden und dass auch er selbst so bleiben will, wie er ist. Einen "Chauffeur mit weißen Handschuhen" brauche er als Minister jedenfalls nicht. Und auch an seiner Arbeitsweise will der künftige Vize-Regierungschef nichts ändern. Sein Ziel: weiterhin viel durchs Land reisen, Themen und Alltagsprobleme aufspüren und die CSU mit innovativen Ideen antreiben. Klar ist allerdings: Als Minister in Regierungsverantwortung wird das für ihn schwieriger als bisher aus der mahnenden Opposition heraus.

Hubert Aiwanger, Freie Wähler

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