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Windräder

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AfD vs. Klimaaktivistin: Wer hat Recht? Ein Faktencheck

Milliarden von Insekten sterben durch Windräder, argumentiert AfD-Fraktionschef Ingo Hahn in der Münchner Runde. Klimaaktivistin Annemarie Botzki hält dagegen. Sie behauptet, dass Teile unseres Planeten bald unbewohnbar sein werden. Wer hat recht?

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  • Ferdinand Meyen

Laut Bayerns AfD-Fraktionsvorsitzendem Ingo Hahn beschädigen Windräder die bayerische Biodiversität. Sein Argument am Mittwochabend in der Münchner Runde im BR Fernsehen: "Beim Thema Artensterben brauchen Sie nicht in den Amazonas zu gehen. Da können wir hier in Bayern gucken". Glaubt man Ingo Hahn, sterben Milliarden von Insekten in Windrädern. Ist die Energiewende mit schuld am Artensterben? Stimmt das?

DLR-Studie zeigt: Hahn nennt die richtigen Zahlen

Eine Studie des Deutschen Instituts für Luft und Raumfahrt (DLR) gibt dem AfD-Politiker zunächst recht. Sie hat errechnet, dass in der warmen Jahreszeit jeden Tag fünf bis sechs Milliarden Insekten in deutschen Windkraftanlagen verenden. Hahns Aussage, dass Milliarden von Insekten in Windrädern umkommen, ist also faktisch richtig. Dennoch heißt es am Ende der Studie, dass Windkraft allein kein Hauptverursacher für das Insektensterben ist. Auch Insektizide (Spritzmittel), landwirtschaftliche Monokulturen, der Klimawandel und die Urbanisierung hätten darauf großen Einfluss.

Windräder haben geringen Einfluss auf Insektensterben

Die DLR-Studie zieht das Fazit, dass Windkraftanlagen jährlich für den Verlust von 1.200 Tonnen Insekten verantwortlich sein könnten. Eine verhältnismäßig kleine Zahl. Denn eine Studie der renommierten Fachzeitschrift "The Science of Nature" kommt zu dem Schluss, dass allein Vögel pro Jahr weltweit um die 400 bis 500 Millionen Tonnen Insekten fressen. Der Landesbund für Vogelschutz errechnet daraus für Deutschland einen jährlichen Verlust von 450.000 Tonnen. Allein der natürliche Kreislauf generiert also 400-mal mehr tote Insekten als Windkraftanlagen.

Intensive Landwirtschaft Hauptursache für Artenrückgang

Folglich haben Windräder auch einen eher geringen Anteil am Verlust der Artenvielfalt. Hier machen Wissenschaftler andere Faktoren verantwortlich. Das zeigt beispielsweise eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universitäten Queensland und Sydney aus Australien, die über 70 Arbeiten zum Rückgang der Biodiversität bei Insekten untersucht und zusammengefasst hat. Ihr Fazit: Intensive Landwirtschaft ist die Hauptursache für das Insektensterben. Denn viele Insekten verlieren ihren natürlichen Lebensraum, wenn Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung umgewandelt werden. Auch in diesem Zusammenhang eingesetzte Pestizide und Chemikalien sowie die globale Erwärmung sind weit kritischere Faktoren als Windräder.

AfD stellt mögliche Strom-Rationierung in Aussicht

Außerdem warnt der bayerische AfD-Fraktionsvorsitzende Ingo Hahn, auch Professor für Geographie und Geoökologie, vor möglichen Strom-Rationierungen im Zusammenhang mit der Energiewende in Deutschland. "Das sind für mich ganz konkrete Szenarien, die ich sehr schrecklich finde", betonte Hahn in der Münchner Runde. Die Sorge eines Strom-Blackouts wegen der Umstellung auf saubere Energie ist bis jetzt jedoch unbegründet. So zeigt die aktuelle Störungs- und Verfügbarkeitsstatistik nach den aktuellsten Zahlen für das Jahr 2019, dass Deutsche im Schnitt nur 12 Minuten ohne Strom auskommen mussten. Eine Zahl, die sich seit dem Jahr 2000 fast nicht verändert hat – obwohl der Anteil an erneuerbaren Energien in Deutschland laut Umweltministerium in dieser Zeit von sechs auf 46 Prozent gestiegen ist. Vor 20 Jahren wurden sogar noch 25 Minuten Stromausfälle jährlich in Deutschland gemessen.

100% erneuerbare Energie ist technisch möglich

Dennoch ist sich die Wissenschaft uneinig, ob die Stromversorgung in den nächsten Jahren so sicher bleibt wie heute. Eine Studie der Unternehmensberatung Oliver Wymann kommt beispielsweise zu dem Schluss, dass die Energiewende ohne zusätzliche Gas-Kraftwerke nicht zu bewältigen ist. Der Grund: Der Strom wird sonst so knapp, dass die Preise ins Unermessliche steigen. Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts sind dagegen optimistischer. Ihr Fazit: "Die Bereitstellung von 100% erneuerbaren Energien in Deutschland ist technisch möglich, und nach erfolgter Umstellung sind die jährlichen Gesamtkosten nicht höher als die Kosten unserer heutigen Energieversorgung."

Klimaktivistin warnt vor unbewohnbaren Regionen

Für eine schnelle Umstellung auf erneuerbare Energien spricht sich auch Klima-Aktivistin Annemarie Botzki von der Protestbewegung Extinction Rebellion aus. In der Münchner Runde warnte sie vor gefährlichen Klima-Kippunkten: "Wir brauchen überhaupt nicht über geschredderte Insekten sprechen, wenn unsere Ökosysteme in dieser Form zusammenbrechen wie gerade." Die Klimaschützerin verwies in Folge auf unbewohnbare Regionen rund um den Äquator. Die seien so heiß, dass der Körper sich nicht mehr kühlen könne, so Botzki. Eine in der Fachzeitschrift "Science Advances" veröffentlichte Studie gibt der Aktivistin recht. Die Kühlgrenz-Temperatur des Körpers, heißt es dort, liegt bei 35 Grad Celsius Feuchttemperatur, was in etwa einer Lufttemperatur von 45 Grad entspricht. Diese Grenze könnten in subtropischen Regionen in Zukunft immer häufiger überschritten werden, so die Wissenschaftler. Und in Gebieten wie der US-amerikanischen Golfküste oder dem Persischen Golf ist es bereits oft so heiß. Dennoch machen diese Temperaturen Regionen nicht gänzlich unbewohnbar. Bisher hätten sich Menschen vor Ort häufig in klimatisierten Räumen aufgehalten, heißt es in der Studie. Gerade in ärmeren Regionen oder bei länger anhaltenden Überschreitungen der Grenzwerte könne diese Situation allerdings extrem gesundheitsschädlich werden.

Drei Milliarden Menschen von Klimakrise betroffen?

Außerdem behauptete Annemarie Botzki, dass drei Milliarden Menschen von der Klimakrise betroffen sein könnten. Sie müssten aus Gebieten fliehen, die zu heiß für menschliches Leben werden. Auch hier stützt eine Studie Botzkis Argument, die im Journal "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht wurde. Allerdings eröffnen die Wissenschaftler ein sehr düsteres Szenario. Es handelt sich um eine Modellrechnung des Weltklimarats IPCC, in der die weltweiten CO2-Emissionen nicht zurückgehen. In diesem Fall, so die Hochrechnung, würde im Jahr 2070 in vielen Regionen der Erde eine Durchschnittstemperatur von 29 Grad herrschen. 19 Prozent der Landfläche der Erde wären gänzlich unbewohnbar.

Andere Modellrechnungen, die beispielsweise eine Reduktion der CO2-Emissionen mit einberechnen, zeichnen hier ein optimistischeres Bild. So errechnete ein australisches Forscher-Team erst kürzlich, dass eine globale Erderwärmung von über fünf Grad bis zum Jahr 2100 weniger wahrscheinlich ist als gedacht. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei lediglich zehn Prozent, so das Ergebnis. Dennoch seien auch vermeintlich geringere Temperaturanstiege im Zuge der globalen Erwärmung bereits sehr gefährlich für Mensch und Natur, heißt es im Fazit der Wissenschaftler.

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