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AfD in Bayern: Ebner-Steiner und der ominöse "Freiherr" | BR24

© pa/dpa/Daniel Karmann

Fähnchen mit AfD-Aufschrift liegen beim AfD-Landesparteitag in Greding am 24. November 2018 auf einem Tisch

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    AfD in Bayern: Ebner-Steiner und der ominöse "Freiherr"

    Ein geheimnisvoller "Freiherr" sorgt für reichlich Wirbel in der bayerischen AfD. Seine Identität ist unklar, seine Ziele auch. Für die bayerische AfD-Fraktionschefin Ebner-Steiner wurde er nun zum Problem.

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    Es war eine Meldung, die für Aufsehen sorgte: Der bayerische AfD-Landesvorstand mahnte vor eineinhalb Wochen die eigene stellvertretende Vorsitzende ab und warf einen Beisitzer komplett raus. Nun kommen langsam die Hintergründe ans Licht: Landtags-Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner und der deutschnationale Regensburger AfD-Politiker Benjamin Nolte sind bei den Vorstandskollegen wegen ihrer Nähe zu einem angeblichen Hochstapler in Ungnade gefallen.

    Manche in der AfD halten ihn für einen notorischen Unruhestifter, andere für ein "U-Boot", für die stellvertretende AfD-Landeschefin Ebner-Steiner wurde er nun zum Problem. Es geht um einen Mann, der sich selbst als Wolfgang Baron Freiherr von Krauss ausgibt. Seine wahre Identität ist unklar, manche sagen er heiße schlicht Wolfgang Kraus, mit einem "s". Eines jedoch ist sicher: Der angebliche Freiherr machte sich in der AfD einen Namen als Strippenzieher und Provokateur. Und er verhalf einzelnen Kandidaten zu Stimmen und Einfluss, was manchen nun schadet.

    Das Ringen um vordere Listenplätze

    Der Reihe nach: Wolfgang Freiherr von Krauss trat im Mai 2016 in die AfD ein. Er gab an, bei der Bundeswehr gedient zu haben und bei Auslandseinsätzen dabei gewesen zu sein. Im Internet macht er sich in internen AfD-Chatgruppen schnell einen Namen, unterstützte zuerst die sogenannte "Alternative Mitte", eine AfD-Gruppierung der Gemäßigten innerhalb der Partei.

    Vor der Bundestagswahl 2017 half der angebliche Adelige mit, eine Anwärterin aus Niederbayern um den aussichtsreichen dritten Listenplatz zu bringen: die heutige Fraktionschefin der Landtags-AfD, Katrin Ebner-Steiner. Sie fiel bei den Delegierten durch, ihre Konkurrentin Corinna Miazga aus Straubing machte das Rennen und sitzt heute im Bundestag.

    Bystron: "Massiver Schaden für die Partei"

    Schon damals habe von Krauss der Partei massiv geschadet, erinnert sich der Bundestagsabgeordnete Petr Bystron, der in dieser Zeit AfD-Landesvorsitzender war. "Er hat Streit gesät und Leute gegeneinander aufgewiegelt. Man hat gemerkt: Er wendet Methoden an, die man lernt, wenn man eine Organisation zerlegen will."

    Bystron beklagt, von Krauss habe sogar versucht, die Aufstellung der Landesliste zur Bundestagswahl durch Manipulationen auf dem Nominierungsparteitag in Greding 2017 ungültig zu machen und somit die Partei in ein Desaster zu manövrieren: "Dann hätte die AfD in Bayern nicht für den Bundestag gewählt werden können", sagt der Ex-Landeschef. In einem Protokoll des AfD-Landesvorstands von 2017, das dem BR vorliegt, heißt es, von Krauss verschaffte sich mit Hilfe eines gefälschten Einlassbandes Zutritt zur Halle. Das sei aufgeflogen, so Bystron zur damaligen Situation.

    Mit den Vorwürfen konfrontiert schildert der angebliche Freiherr gegenüber dem BR am Telefon eine andere Interpretation des Vorfalls. Er war bei allen fünf Wahlaufstellungsparteitagen dabei und habe am fünften Tag ein neues Bändchen benötigt, da er das alte verloren habe, so von Krauss gegenüber dem BR. Und die Vorwürfe einer beabsichtigten Wahlmanipulation seinerseits bezeichnete er als so wörtlich "Blödsinn". Zu seiner Identität gebe es keinerlei Unklarheit, sagt der Betroffene, er sei natürlich der "Freiherr Wolfang von Krauss". Der Veröffentlichung eines Fotos von sich zu diesem Artikel wollte der Betroffene nicht zustimmen.

    Interimschef der AfD Schwaben

    Seit November 2017 hat auch der aktuelle Landesvorsitzende Martin Sichert alle Mitglieder per Rundschreiben mehrmals vor der Person von Krauss gewarnt. Er sei ein "U-Boot", sagen Bystron und andere AfD-Funktionsträger, "eingeschleust entweder von der CSU oder vom Verfassungsschutz". Als eine Art "agent provocateur", also eine Person, die laut Lexikon "zu einer gesetzeswidrigen Handlung provozieren soll".

    Die Causa "von Krauss" ging jedoch weiter. Er wurde 2017 für neun Monate sogar zum Interims-Vorsitzenden des AfD-Bezirksverbands Schwaben. "Als solcher betätigte er sich kaum am strukturellen Aufbau der Partei", sagt der heutige Bezirksvorsitzende der AfD-Schwaben, der Landtagsabgeordnete Gerd Mannes. Von Krauss habe sich ausschließlich in Chatgruppen betätigt und gegen einzelne Personen Stimmung gemacht, so Mannes.

    Mitorganisator der "Flügel"-Treffen mit Höcke und Ebner-Steiner

    2017 schwenkte von Krauss parteiintern um und unterstützte fortan den rechtsnationalen Flügel von Björn Höcke und dessen Anhänger. In internen AfD-Chatforen im sozialen Netzwerk Telegram tauchen etliche Kommentare mit antisemitischen, nationalistischen oder rassistischen Inhalten auf, als deren Verfasser ein "Wolfgang von Krauss" genannt wird.

    Auf die Kommentare angesprochen, bestätigt von Krauss, dass einzelne Formulierungen aus seiner Feder stammten. Eine Holocaust-Leugnerin bezeichnet er in einem Chat als ein "aufrechtes deutsches Mädel". Auch den Eintrag, in dem von Krauss schrieb: "Jeder Kampf braucht einen Führer – Björn Höcke wird uns führen" bejaht der angebliche Freiherr am Telefon und erklärt, er dachte dabei lediglich an einen "politischen Führer", allerdings nicht im Sinne des Nationalsozialismus. Björn Höcke sei für ihn eine "Lichtgestalt" und ein "zukunftsweisender Führer". Andere Chat-Kommentare unter seinem Namen streitet er wiederum ab und weist darauf hin, dass solche Kommentare manipuliert worden sein könnten.

    Wiederholte Warnungen

    Die Nachrichten unter seinem Namen schienen dem "Freiherrn" in der AfD nicht zu schaden. Im Gegenteil: Er half beherzt mit bei der Organisation einer Schifffahrt des rechtsnationalen Flügels Ende Oktober 2017 auf der Donau. Gäste mit an Bord: Ebner-Steiner und AfD-Rechtsaußen Björn Höcke.

    © pa/dpa/Armin Weigel

    Katrin Ebner-Steiner, stellvertretende AfD-Landesvorsitzende, spricht beim politischen Aschermittwoch am 14. Februar 2018 in Osterhofen

    Die bayerische Fraktionschefin soll laut mehreren Vorstandsmitgliedern der bayerischen AfD seitdem in regem Kontakt mit von Krauss gestanden haben. Und das, obwohl dem angeblichen Freiherrn die Parteimitgliedschaft bereits im November 2017 aberkannt wurde und der AfD-Landesvorstand seitdem wiederholt vor der Person gewarnt hat.

    Singen des Deutschlandliedes in Greding – wer steckte dahinter?

    Doch auch beim Flügel-Treffen in Greding Anfang Mai dieses Jahres mischte von Krauss wieder mit: Erneut kontrollierte er den Einlass. Auch der junge AfDler Benjamin Nolte, der auf dem Podium des Flügeltreffens die Abschaffung der sogenannten Unvereinbarkeitsliste forderte, wurde vom "Freiherrn" unterstützt.

    Auf der Unvereinbarkeitsliste stehen rechtsradikale Organisationen und Gruppierungen wie die NPD. Aktive und ehemalige Mitglieder der dort gelisteten Organisationen dürfen nicht Neumitglied in der AfD werden, eine Art Schutzwall gegen rechtsradikale Mitglieder. Diese AfD-interne Liste gehöre endlich "auf den Müllhaufen der Parteigeschichte", rief Nolte bei dem Flügeltreffen ins Mikrofon. Diese Äußerungen und der Kontakt zu von Krauss wurden dem Burschenschaftler aus Regensburg nun wohl zum Verhängnis: Nolte soll laut Beschluss künftig nicht mehr im Landesvorstand sitzen.

    Von Krauss: "Verquickung unglücklicher Umstände"

    Ob von Krauss seine Finger im Spiel hatte, als auf der Bühne am Ende der Flügelveranstaltung die erste Strophe des Deutschlandlieds gesungen wurde, ist nicht geklärt. Die abgespielte Version soll auf einem USB-Stick gewesen sein, der durch mehrere Hände ging. Viele in der Partei mutmaßen, dass von Krauss dahintersteckte. Er habe das schon bei vorigen Flügeltreffen versucht, berichten mehrere AfD-Politiker.

    Auch in den internen Vorstandspapieren heißt es, von Krauss habe Ende Februar 2017 beim Abschluss des Vorbereitungsparteitags in Greding versucht, "die Mitglieder der Patriotischen Plattform und des Flügels dazu zu bringen, die erste Strophe der Nationalhymne anzustimmen".

    Der "Freiherr" streitet wiederum ab, am Singen der Hymne im Mai dieses Jahres involviert gewesen zu sein. Er habe nichts mit der Technik und der Musik zu tun gehabt, so von Krauss gegenüber dem BR. Es sei wohl eine "Verquickung unglücklicher Umstände gewesen". Er sei die meiste Zeit am Eingang gestanden und habe mit der Planung nichts zu tun gehabt, so von Krauss.

    Auch die Unterstützung für einzelne Flügelvertreter wie Katrin Ebner-Steiner spielt der angebliche Adelige herunter. "Ich habe sie das letzte Mal beim Flügeltreffen in Greding gesehen", sagt von Krauss. Überhaupt sei der Flügel nur ein loser Zusammenschluss, dort gebe es keine Hierarchien. Er sieht hinter den Anschuldigungen gegen seine Person den Versuch, dem Flügel rund um Björn Höcke das Wasser abzugraben, manche in der Partei hätten eine "gehörige Portion Angst" um das eigene Fortkommen. "Hier werden Lügen veranstaltet", so von Krauss, man wolle "Kontaktverbote" erteilen.

    Kräftemessen zwischen Flügel und Partei

    Für den Landesvorsitzenden Sichert steht jedoch außer Frage: "Dieser Mann hat versucht, Netzwerke gezielt aufzubauen und Leute anzustacheln."

    Zwar gehört der rechtsnationale Flügel rund um Höcke und Ebner-Steiner formaljuristisch nicht zur AfD, er ist eine Art loses Netzwerk. Doch die Aufregung nach dem Treffen in Greding könnten der Partei bei der Europawahl Stimmen gekostet haben, fürchtet Sichert.

    Die Ordnungsmaßnahmen gegen Ebner-Steiner, Nolte und einen weiteren Flügelanhänger will der Landesvorsitzende nicht kommentieren, da sie noch nicht rechtskräftig seien und von den Betroffenen angefochten werden könnten. Sichert verrät aber, dass intern über das Flügeltreffen in Greding drei Wochen vor der Europawahl ebenso gesprochen worden sei wie über die Auswirkungen der gesungenen ersten Strophe des Deutschlandlieds. "Das hat unserer Partei geschadet", sagt der Landesvorsitzende und verweist auf Rückmeldungen von AfD-Wahlkämpfern.

    AfD-Landesgruppe schaltet sich ein

    Auch die bayerischen AfD-Abgeordneten im Bundestag und der Bundesvorstand haben sich mittlerweile eingeschaltet. In einer Stellungnahme vom 16. Mai 2019 warnt die bayerische Landesgruppe vor der Person "Wolfgang von Krauss", da er "ggf. im fremden Auftrag erheblich in die AfD-interne Meinungsbildung" eingreife. Verbunden ist die Warnung mit der Bitte an die AfD-Mitglieder, "keinen Informationsaustausch mit der Person (…) durchzuführen".

    Ende Mai ging dann ein Schreiben des AfD-Bundesvorstands an alle Landesverbände heraus, dass "die Person, welche unter dem angeblichen Namen 'Wolfgang (Freiherr von) Krauss' in der Öffentlichkeit auftritt, weder zu Parteiveranstaltungen eingeladen wird, noch an diesen teilnehmen soll noch diese mitorganisieren darf". Das heißt: AfD-Hausverbot für Krauss auf Orts-, Kreis-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene.

    Ebner-Steiner: "Person hat mir persönlichen Schaden zugefügt"

    Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks verteidigt Ebner-Steiner ihren Umgang mit von Krauss: "Durch den vormaligen Landesvorstand der AfD Bayern wurde ich mit internen Ermittlungen zu der Person von Krauss beauftragt, die der Identitätsfeststellung dienten. An der Aufklärung hatte ich ein persönliches Interesse, da die genannte Person nicht nur der Partei, sondern auch mir, erheblichen Schaden zugefügt hat."

    Tatsächlich wird im Vorstandsbeschluss der Bayern-AfD vom Oktober 2017 festgehalten, dass die damalige Schatzmeisterin Ebner-Steiner das Ziel einer Mobbing-Kampagne von Krauss gewesen sei. Ferner wird im Beschluss vermerkt, dass von Krauss bei einer Aussprache mit dem Landesvorstand seine Identität nicht habe nachweisen können, weil er "keinen Personalausweis dabei habe".

    Doch offenbar ging für den Landesvorstand der Kontakt zwischen Ebner-Steiner und von Krauss weit über das Ziel der "Identitätsfeststellung" hinaus. Die Aufarbeitung der Causa "von Krauss" wird die AfD wohl weiter beschäftigen.