BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Ärger auf Bayerns Radwegen: Auf der Suche nach Lösungen | BR24

© BR

Fahrradfahren boomt. Dadurch wird es aber auch zunehmend eng auf den Radwegen. Wie können Lösungen aussehen?

136
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Ärger auf Bayerns Radwegen: Auf der Suche nach Lösungen

Immer wieder gibt es Ärger zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmern. Denn es fahren immer mehr Radler und Autofahrer auf Bayerns Straßen und dadurch wird es eng an Kreuzungen und Radwegen. Aber wie kann es weitergehen?

136
Per Mail sharen

Es klackert, es quietscht und es surrt auf Bayerns Radwegen. Günter Hofner ist als Fahrradkurier jeden Tag im Straßendschungel unterwegs und fährt Zahnprothesen oder wichtige Dokumente quer durch München. Wie er benutzen immer mehr Menschen das Fahrrad. Dadurch wird es auf den Radlwegen immer enger und das bekommt auch Hofner zu spüren.

Seit 30 Jahren arbeitet Hofner als Kurier. Über die Jahre sei der Radverkehr wesentlich mehr geworden, erzählt er. "Es kommt immer wieder zu Spitzen und brenzligen Situationen", sagt Hofner. "Da sieht man dann manchmal Szenen, da schüttelst du nur noch den Kopf." Er erzählt, dass er erst kürzlich gesehen hat, wie ein Radler einem Auto auf den Kotflügel geschlagen hat, weil der Fahrer ihn fast übersehen hat.

Die Statistik zur Radnutzung in Bayern

Im vergangenen Jahr nutzten knapp die Hälfte der Bayern ihr Radl mindestens einmal pro Woche. Das geht aus einer Onlineumfrage des Bayerischen Verkehrsministeriums hervor. Die Zahl stieg von 44 Prozent im Jahr 2017 auf 47 Prozent im vergangenen Jahr. In den Städten zeigt sich der Zuwachs noch deutlicher, wie eine Datenrecherche des Bayerischen Rundfunks über München zeigt.

Aggressives Miteinander unter Radfahrern

Durch den geringen Platz für immer mehr Radfahrer entstünden Konflikte, sagt Bernadette Felsch, Vorsitzende des bayerischen Landesverbands des Fahrradclubs ADFC. Bedauerlicherweise sei die Erfahrung, dass das Miteinander generell rauer, unfreundlicher und auch aggressiver werde.

Das Radfahren ist in Bayern laut Polizeistatistik zwar sicherer geworden. Die Zahl der Fahrradunfälle sank im vergangenen Jahr um 1,3 Prozent. Dabei verursachen Radfahrer zwei Drittel der Unfälle selbst. Wobei in der Statistik nicht angegeben ist, wie viele davon auf Infrastrukturprobleme wie Schlaglöcher oder Hindernisse zurückgehen. Fast jeder Dritte Fahrradfahrer in Bayern fühlt sich laut einer Umfrage unsicher. Als Gründe dafür gaben sie rücksichtslose Autofahrer an und dass zu viel Verkehr auf den Straßen herrsche.

Zu wenig Platz für zu viele Verkehrsteilnehmer

Mehr Radfahrer brauchen also auch mehr Platz. Doch genau daran fehle es derzeit, sagt Fahrradkurier Hofner. Das Problem: Werde irgendwo ein Radweg geplant oder breiter gemacht, dann fielen Parkplätze weg.

"Wir wollen mehr Platz fürs Fahrrad, aber auch mehr Platz für den Fußverkehr", sagt Felsch. Das Radfahren sei sowohl auf dem Land als auch in der Stadt eine Zumutung. Der Platz müsse natürlich irgendwo herkommen, so Felsch. Aktuell seien Straßenräume auf den Autoverkehr ausgelegt und so konzipiert, dass der Autoverkehr flüssig fließe. Entweder müssten also Parkplätze oder Fahrspuren weg.

ADAC unterstützt ADFC – aber nur teilweise

Auf der anderen Seite steht der ADAC, der Allgemeine Deutsche Automobil Club. Der Verband begrüße Maßnahmen wie Pop-up Radwege für den Fahrradverkehr grundsätzlich, so Jürgen Hildebrandt vom ADAC Nordbayern.

Der ADAC wende sich aber dagegen, dass der zwischenzeitliche Rückgang des Pkw-Verkehrs dazu genutzt werde, den Verkehrsraum umzuverteilen und damit vollendete Tatsachen zu schaffen. Der Bedarf an Parkraum für Anwohner und Gewerbetreibende oder des Autoverkehrs müsse in die Lösung einbezogen werden.

Bayern sollen 20 Prozent ihrer Wege radeln

Der Freistaat hat auf den Trend zum Fahrrad reagiert: Er investiert in den kommenden vier Jahren mit einem Radwegebauprogramm etwa 40 Millionen Euro pro Jahr in den Bau und Erhalt von Radwegen an Bundes- und Staatsstraßen. Städte und Gemeinden können dabei ebenfalls Finanzen beantragen.

Das Ziel sei, dass bis 2025 in Bayern 20 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden sollten – und sich damit die Zahl der Wege mit dem Rad verdoppelt. Verkehrsministerin Kerstin Schreyer von der CSU sagt zu dem gewählten Zeitpunkt, dass das Programm nicht zu spät dran sei. Es passe jetzt genau, weil die Gesellschaft gerade ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein entwickle.

ADFC fordert mehr Investitionen

Bernadette Felsch vom ADFC sieht das anders: "Das ist nicht besonders ambitioniert." Es gebe Pläne für 400 Millionen Euro, Bayern würde davon aber nur 200 Millionen Euro nutzen. Das reicht der ADFC-Vorsitzenden zufolge nicht für das Ziel, den Radverkehrsanteil zu verdoppeln. Aber immerhin sage der Freistaat endlich, wie, mit welchem Personal und mit welchen Mitteln der Staat bauen wolle.

Die Diskussion um den Platz für Radfahrer dürfte also weitergehen. Helfen könne bis dahin im Alltag vor allem Toleranz, sagt der Sozialpädagoge Wolfgang Hansel. Er ist auf den Bereich Konflikte im Verkehr spezialisiert. Gegenseitige Rücksicht sei entscheidend, schließlich hätten alle das gleiche Ziel: Die Menschen wollten unbeschadet von A nach B kommen - der eine schneller, der andere langsamer. Auch Fahrradkurier Hofner schließt sich dem Rat des Verkehrsexperten an. Sein Rat: "Was hilft, ist einfach mehr Gelassenheit."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!