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Minderjährig oder nicht?
© Flüchtlingsrat München

Autoren

Lisa Weiß
© Flüchtlingsrat München

Minderjährig oder nicht?

In dieser Woche haben die zuständigen Behörden versucht, die junge Frau beziehungsweise die Jugendliche aus Eritrea in ein Flugzeug nach Äthiopien zu setzen. Doch die junge Frau hat so geschrien, dass die Abschiebung abgebrochen wurde.

Streit um Alter

Ist sie jetzt 17 Jahre alt, wie sie selbst sagt – oder 27, wie die deutschen Behörden vermuten? Beide Seiten haben Belege für ihre Sicht der Dinge. Lange dunkle Locken, eine schlanke Figur, ein strahlendes Lächeln – die dunkelhäutige Frau auf dem Foto, das der Münchner Flüchtlingsrat verschickt hat, wirkt sehr jung. Doch wie alt ist sie wirklich? 

In ihrer Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor rund einem Jahr hat die junge Frau angegeben, sie hätte in Äthiopien mit 15 Jahren zwangsverheiratet werden sollen, an einen deutlich älteren Mann, der sie vorher mehrfach vergewaltigt hatte. Doch die deutschen Behörden glauben ihr nicht: Denn ihre Fingerabdrücke tauchen in italienischen und österreichischen Visa-Anträgen auf – und diese Anträge wurden mit äthiopischen Pässen gestellt. In denen ist sie zehn Jahre älter. Doch diese Pässe seien gefälscht, sagt Loulou Kinski vom Münchner Flüchtlingsrat:

"Die junge Frau sagt eben, dass das alles durch ihren Schleuser lief, dass sie älter geschminkt wurde für Passfotos. Das ist aber einfach ein ganz gängiges Mittel, dass Leute mit falschen Pässen einreisen, um überhaupt reisen zu können, um ein Visum zu bekommen." Loulou Kinski vom Münchner Flüchtlingsrat

Zeugnisse als Beweis für das Alter - aber für welches?

Die junge Frau hatte dann über Verwandte unter anderem alte Schulzeugnisse beschafft, um zu beweisen, wie sie heißt und wie alt sie ist. Doch auch damit überzeugte sie Ämter und Gerichte nicht. Aus einem Gerichtsbeschluss wird klar: Die Zeugnisse wurden grundsätzlich angezweifelt, weil sie aus den Jahren 2002 bis 2007 stammen - und eine heute 17-Jährige damals noch viel zu jung für die Schule war. Allerdings sei dabei eines nicht bedacht worden, sagt Loulou Kinski:

"In Äthiopien gibt es noch den äthiopischen Kalender, der ist fast acht Jahre hinter unserem jetzigen Kalender. Das heißt, ein Schulzeugnis, das nach äthiopischen Kalender ausgestellt wurde aus dem Jahr 2002, ist für uns eigentlich das Jahr 2010. Das bedeutet, jemand, der im Jahr 2001 geboren ist, war im Jahr 2010 neun Jahre alt und kann damit sehr wohl zur Schule gegangen sein." Loulou Kinski vom Münchner Flüchtlingsrat

In Äthiopien geht die Zeitrechnung anders

Nachfrage beim zuständigen Landratsamt Donau-Ries. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, die Identität sei unter anderem wegen der vorhandenen Fingerabdrücke mit entsprechenden Reisepässen zweifelsfrei geklärt:

"Außerdem hat die Ausländerin nicht plausibel dargelegt, was für eine Zeitrechnung in Äthiopien herrscht, so dass die Zeugnisse von 2002 – 2007 von einer angeblich im Jahr 2001 geborenen Person sein können."

Eine kurze Internetrecherche zeigt: Äthiopien hat tatsächlich einen anderen Kalender, der dem europäischen rund acht Jahre hinterherhinkt. Das Landratsamt hat aber noch ein weiteres Argument:

"Zudem konnte die Ausländerin auch durch die zuständigen äthiopischen Behörden in Berlin im Juli 2018 zweifelsfrei identifiziert werden, da ein äthiopischer Identitätsnachweis (Heimreisepapier) mit dem Geburtsjahr 1992 ausgestellt wurde."

Medizinische Untersuchung könnte Klarheit bringen

Flüchtlingshilfsorganisationen berichten allerdings, dass äthiopische Behörden momentan fast alle Menschen zurücknehmen, die die Bundesregierung für Äthiopier hält, weil sie sich so finanzielle Hilfen von Deutschland erhoffen. Auch für Matthias Schmid von Amnesty International ist das Heimreisepapier kein Beweis dafür, dass die junge Frau wirklich 27 Jahre alt ist. Er erzählt, sie sei auch von der Jugendhilfe gleich zu Beginn als minderjährig eingestuft worden.

"Ich hab sie gesehen, ich hab mit ihr geredet. Und ich glaube, ich kann aus meinen Erfahrungen im Jugendbereich, wo ich gearbeitet habe früher, doch einschätzen, dass diese Person doch sicherlich nicht 27 Jahre alt ist. Und ich glaube, das ist der springende Punkt, wo man nochmal neu nachdenken muss und nochmal die Chance geben muss diesem Mädchen, das Alter richtig feststellen zu lassen." Matthias Schmid von Amnesty International

Das Alter könnte man durch eine medizinische Untersuchung überprüfen lassen, zwar nicht aufs Jahr genau, aber ob sie eher 17 oder eher 27 ist, würde sich feststellen lassen. Doch das lehnen die Behörden ab.

"Der Fall ist grausam und ihr läuft die Zeit weg. Der jungen Frau sollte Schutz gewährt werden, bis ihr Alter zweifelsfrei feststeht. Dazu muss ihr eine Chance gegeben werden, einen Originalpass zu beantragen oder eine medizinische Altersfeststellung durchzuführen. Beides wird ihr durch die Abschiebehaft unmöglich gemacht." Loulou Kinski vom Münchner Flüchtlingsrat

Ehrenamtliche haben jetzt eine Petition an den bayerischen Landtag gestellt. Sie wollen erreichen, dass die junge Frau aus der Abschiebehaft entlassen wird und dass ihr Alter überprüft wird.