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Abrissbirne im AKW - Bayern im Atomausstieg | BR24

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Der deutsche Atomausstieg steht fest und auch die bayerischen Kernkraftwerke werden schrittweise zurückgebaut. Aber was passiert mit dem radioaktiven Bauschutt und den Brennstäben?

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Abrissbirne im AKW - Bayern im Atomausstieg

Der deutsche Atomausstieg steht fest und auch die bayerischen Kernkraftwerke werden schrittweise zurückgebaut. Aber was passiert mit dem radioaktiven Bauschutt und den Brennstäben?

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Im blau glitzernden Wasser in einem Gitter aus Metall stehen 156 Brennstäbe. Vor einigen Jahren waren es in dem Lagerbecken noch etwa zehnmal so viele. Sie haben im Reaktor des Kernkraftwerks Isar 1 in Essenbach Strom für hunderttausende Haushalte produziert. Nach dem Unglück in Fukushima 2011 beschloss der Bundestag aber den Ausstieg aus der Kernenergie für Deutschland und das AKW Isar 1 wurde abgeschaltet.

Riesige Maschine müssen abgerissen werden

Wo einst die Kühlanlage stand, ist heute eine Schutthalde zu sehen. Bis alles abgerissen ist, dauert es aber noch. Der Rückbau ist laut Betreiber im Zeitplan. In der Haupthalle von Isar 1 stand früher der meterhohe, knallrote Turbosatz, also der Generator des Kernkraftwerks. Er war an den Reaktor angeschlossen und produzierte den Strom. Heute ist vom Turbosatz nichts mehr zu sehen. Der Raum ist vollgestellt mit Sägen, die Metallteile wie alte Rohre in kleine Stücke schneiden. Außerdem sind Reinigungsmaschinen aufgebaut, mit denen ehemalige Anlagenteile von radioaktiver Verschmutzung befreit werden – alles in luftdichten Zelten oder innerhalb der verschlossenen Maschinen. Auch der Turbosatz wurde so in kleine Teile zerstückelt.

Isar 2 soll 2022 abgeschaltet werden

Einige hundert Meter weiter steht auf dem Gelände der zweite Reaktorblock Isar 2. Er ist noch an das Stromnetz angeschlossen, aber auch damit ist bald Schluss. Ende 2022 schalten die Mitarbeiter den Reaktor ab und beginnen auch hier mit dem Abbau der Anlage.

Rückbau dauert bis 2039

Werksleiter Carsten Müller erklärt den Zeitplan des Abbaus, der sich über einen langen Zeitraum zieht: "In Isar 1 wird der nukleare Rückbau, also alles was im Inneren des Gebäudes stattfindet, bis 2032 abgeschlossen sein." Zu diesem Zeitpunkt werde sich Block 2 noch im Rückbau befinden. Ungefähr bis 2037 soll der nukleare Abbau dann dort enden. Anschließend werden die Gebäude der beiden Reaktoren abgerissen.

"Am Ende gibt es hier eine grüne Wiese", sagt Müller. Nach aktuellem Stand soll das im Jahr 2039 der Fall sein. Weiter östlich der beiden Kraftwerke, wo früher das AKW Niederaichbach gestanden hat, ist es bereits soweit. Hier erinnert nur noch eine Gedenktafel an den früheren Reaktor.

Ein Drittel des Stroms produzieren AKWs

Ein Drittel des Stroms in Bayern kam im vergangenen Jahr laut Staatsministerium für Wirtschaft und Energie aus Kernkraftwerken. Der Anteil der erneuerbaren Energie lag bei knapp der Hälfte. Derzeit sind in Bayern noch zwei Reaktorblöcke am Netz: Isar 2 und Gundremmingen Block C. Bereits abgeschaltet sind drei Reaktoren. An diesen drei Orten befinden sich auch Zwischenlager für Atommüll.

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Zwei Kernkraftwerke produzieren Strom (grün). Drei Werke sind abgeschaltet (rot). An den Orten befinden sich auch Zwischenlager (gelbe Fässer).

Beim Rückbau von Atomkraftwerken entsteht schwach- und mittelradioaktiver Müll. Das sind zum Beispiel Anlagenteile, die mit radioaktivem Material in Berührung gekommen sind. Die Brennstäbe aus dem Reaktor zählen zu hochradioaktivem Müll. Beide Arten müssen in Sicherheitsbehältern gelagert werden und stehen in Zwischenlagern direkt am Standort.

Anwohner sorgen sich vor den Gefahren des Atommülls

Dort sorgen sich viele Anwohner, dass der Atommüll dauerhaft vor Ihrer Haustür bleibt. So auch beim AKW Grafenrheinfeld. Babs Günther vom Schweinfurter Bündnis gegen Atomkraft kritisiert dieses Vorgehen: "Wir haben einerseits das AKW vom Netz und sind andererseits weiterhin mit dem Atommüll und seinen Gefahren konfrontiert." Das Inventar sei das Gefährliche und das sei alles weiterhin vor Ort, sagt Günther. Die Gefahr für die Bevölkerung und die Umgebung existiere durch den Atommüll weiter. Daher müssten die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden.

Für Günther ist die "grüne Wiese" inzwischen ein Unwort. Es vermittle Harmlosigkeit und ignoriert, dass dieser Standort in Grafenrheinfeld auf Jahrzehnte hinaus Atomstandort bleiben werde. Das Bündnis aus Schweinfurt fordert deshalb auch mehr Transparenz beim Thema Rückbau und einen runden Tisch. Das Bündnis nimmt an, dass die Lagergenehmigung von 2046 noch weiter hinausgeschoben werde. Anlagenleiter Müller kann die Ängste der Anwohner verstehen, wie er sagt. "Das Lager wird hier noch sehr lange stehen."

Atommüll-Endlagersuche dauert Jahre

Hintergrund ist die Suche nach einem Endlager. Sie hat vor mehr als zwei Jahren neu begonnen und es gelten hohe Anforderungen. Das künftige Atommüll-Endlager muss zum Beispiel erdbebensicher sein und gut abgeschirmt. Der bis dato als Endlager ausgesuchte Salzstock Gorleben wurde als eine Möglichkeit von vielen in die Suche aufgenommen.

Für Atomkraft ist auf Landesebene das Umwelt- und Verbraucherschutzministerium zuständig. Minister Thorsten Glauber (Freie Wähler) sieht die Verantwortung für die lange Dauer der Endlagersuche beim Bund. "Was der Bund hier veranstaltet ist merkwürdig", sagt Glauber. Der Bundesgesetzgeber habe die Endlagerung nicht ermöglicht, obwohl mehr als eine Milliarde Euro in die Untersuchung des Salzstocks Gorleben geflossen sei. Wenn es einen ausgebauten Salzstock gebe, der als Endlager geeignet sei – dann solle der Bund auch seiner Verantwortung nachkommen und so schnell wie möglich die Einlagerung der Castoren vollziehen, so Glauber.

Eine Sprecherin des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit betonte, es handle sich beim Salzstock Gorleben um ein Erkundungsbergwerk. Es sei nie endgültig untersucht worden, ob Gorleben als Endlager geeignet sei. Seit 2014 befinde sich das Erkundungsbergwerk in einem Offenhaltungsbetrieb. Die Endlagersuche muss ein schnelles Ende haben - darauf drängen viele Menschen, aber auch die Gemeinden in Bayern, in denen ein Zwischenlager steht.

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In Bayern kommen noch rund 30 Prozent des Stroms aus Kernkraftwerken, in zwei Jahren ist damit dann endgültig Schluss. Der Rückbau der bereits stillgelegten Atommeiler ist bereits in vollem Gang.