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Abriss trotz Denkmalschutz: Streit in Kochel | BR24

© BR/Rüdiger Kronthaler

Denkmalschützer wie der Architekt Heiko Folkerts aus Weilheim kämpfen seit Jahren für den Erhalt des Verstärkeramtes in Kochel am See.

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Abriss trotz Denkmalschutz: Streit in Kochel

Obwohl das Verstärkeramt in Kochel unter Denkmalschutz steht, soll es abgerissen werden. Stattdessen sollen ein Bauhof und ein Wohnhaus entstehen. Denkmalschützer regen sich auf, das Landesamt für Denkmalschutz scheint den Verlust zu akzeptieren.

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Wer glaubt, dass moderne Architektur nur eine Sache der Großstädte sei, der täuscht sich: In Kochel am See stehen neben denkmalgeschützten Bauernhäusern auch Gebäude der 20er und 30er Jahre, die zum Teil denkmalgeschützt sind. Sie erzählen vom Aufbruch der Moderne auf dem Land in Bayern. So das ehemalige Verstärkeramt in Kochel, das Mitte August möglicherweise abgerissen wird.

Denkmalschützer: kaum Wertschätzung in Kochel für Baudenkmal

Denkmalschützer wie der Architekt Heiko Folkerts aus Weilheim kämpfen seit Jahren für den Erhalt des Gebäudes aus der Epoche der "Postbauschule". Als 1920 die Königlich Bayerische Staatspost in der Deutschen Reichspost aufging, entwickelten die bayerischen Post-Architekten einen eigenen Baustil für ihre etwa 350 neu zu bauenden Komplexe mit Dienstwohnungen, Büros und Werkhallen.

In den Städten wie München baute die Post Gebäude mit Flachdächern und geschwungenen Ecken. Auf dem Land gingen die Architektinnen und Architekten stärker auf die Umgebung ein, die Gebäude erinnern mit ihren Fensterläden eher an große Bauernhöfe, modern sind aber die hohen Fenster und die funktionalen Grundrisse. Während in Städten viele Bauwerke dieser Epoche unter Schutz stehen, fänden sie beispielsweise in Kochel kaum Wertschätzung, kritisiert Folkerts.

Gemeinderat stimmte für Abriss, obwohl der Denkmalschutz-Prüfung noch lief

Denn - so erzählt es Folkerts - als sich das Netzwerk der ehrenamtlichen Denkmalschützer an die Gemeinde wandte, und für eine Umnutzung des bestehenden Gebäudes mit dem industriellen Charme warb, habe sie die Gemeinde Kochel abblitzen lassen. Und als Folkerts eine Petition im Bayerischen Landtag einreichte, und das Landesamt für Denkmalpflege zu prüfen begann, ob das Verstärkeramt auf die Denkmalliste aufzunehmen sei, wartete der Gemeinderat diese Entscheidung nicht ab, sondern genehmigte den neuen Bebauungsplan.

Denkmalschutz und eine neue Nutzung nicht vereinbar

Für den BR war kein Vertreter der Gemeinde für ein Interview zu sprechen. Das Verstärkeramt ist mittlerweile als Denkmal erkannt. Doch das Landratsamt Band Tölz-Wolfratshausen genehmigte den Abriss, mit dem Hinweis, dass das Landesamt für Denkmalpflege selbst mitgeteilt habe, dass sich der Denkmalschutz und eine neue Nutzung nicht vereinen lassen.

"Das Landesamt für Denkmalpflege (kam) zu dem Ergebnis, dass die geplanten Nutzungen sich nicht mit dem Erhalt des Denkmals vereinen lassen." Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen

Landeskonservator Mathias Pfeil bestätigte gegenüber dem BR, dass die von der Gemeinde gewünschten Nutzungspläne für das Verstärkeramt nicht "funktioniert" hätten.

Die ehrenamtlichen Denkmalschützer um Heiko Folkerts widersprechen: die ehemaligen Arbeitsräume mit den hohen Fenstern hätten sich zu Vereinsheimen umbauen, und die bereits bestehenden Wohnungen sanieren lassen. Circa 80 Prozent der geplanten Nutzung ließe sich realisieren, und das Gebäude so retten.

Landesamt für Denkmalpflege: Verlust hinnehmen müssen

Im Interview mit dem BR betont Landeskonservator Mathias Pfeil den Wert des Verstärkeramts, zeigt aber auch Verständnis für die Abriss-Entscheidung. Seine Behörde habe das Gebäude zu spät in die Denkmalliste eingetragen. Gegen den Bebauungsplan werde seine Behörde nicht vorgehen, als Landesamt müsse man auch mal einen Verlust "hinnehmen".

Bayern verliert 80 Denkmäler im vergangenen Jahr

In Bayern haben im letzten Jahr rund 80 Gebäude ihren Denkmalschutz verloren, teilte das Landesamt für Denkmalpflege auf BR-Anfrage mit. Immer wieder werden geschützte Gebäude für den Abriss freigegeben, auch mit Genehmigung der örtlichen Behörden, weil im Genehmigungsverfahren der Denkmalschutz gegenüber wirtschaftlichen oder anderen Argumenten unterliegt. Den Vorwurf der "Zahnlosigkeit" weist der oberste Denkmalschützer allerdings von sich: das Landesamt wolle keine Baupolizei sein, sondern Denkmalschutz im Gespräch mit Bürgern und Behörden erreichen.

Der Denkmalschutz in Bayern ist abhängig von Hinweisen von Bürgerinnen und Bürgern. Wie viele Rückfragen hier im letzten Jahr eingingen, und wie viele Gebäude auf ihre Denkmaleigenschaft geprüft wurden, ist nicht bekannt. Das Landesamt für Denkmalpflege veröffentlicht seit 2017 kein Jahrbuch mehr.

Ehrenamtliche Denkmalschützer reichen Verfassungsbeschwerde ein

Heiko Folkerts und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben jetzt vor dem Bayerischen Verfassungsgericht Beschwerde eingelegt: Eine Gemeinde habe beim Denkmalschutz eine Vorbildfunktion gegenüber privaten Denkmal-Eigentümern. Die Abrissgenehmigung ist trotz der Klage weiterhin gültig: Mitte August könnte das Verstärkeramt in Kochel also abgerissen werden.

💡 Der Weg zum Denkmal

In Bayern sind rund 110.000 Gebäude als Denkmäler gelistet, darunter befinden sich 874 Ensembles. Ein Denkmal ist ein Denkmal, auch wenn dies noch nicht offiziell auf einer Denkmalliste vermerkt ist, wie beispielsweise das ehemalige Verstärkeramt in Kochel. Jede Bürgerin und jeder Bürger kann ein möglicherweise denkmalwürdiges Gebäude beim Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) melden, damit es die Denkmaleigenschaft "feststellt". Man spricht deswegen auch vom "Erkennen" eines Denkmals, und nicht vom "Anerkennen".

Es genügt hierbei, wenn Bürger dem Landesamt anhand von historischen Archivinformationen oder anhand von Fotos ein hinreichender "Denkmalverdacht" mitteilen. Dieser Verdacht besteht, wenn das Gebäude eine "geschichtliche, künstlerische, städtebauliche, wissenschaftliche oder volkskundliche Bedeutung besitzt, die eine Erhaltung im Interesse der Allgemeinheit erforderlich macht" (BLfD). Das Landesamt geht dann dem Verdacht nach und leitet eine Prüfung der Denkmaleigenschaft des Objekts ein.

Die Zahl ist laut Landesamt für Denkmalpflege relativ konstant, jedes Jahr verlieren ungefähr 100 Gebäude den Schutz, ungefähr die gleiche Anzahl an Gebäuden werden als Denkmäler erkannt.

© BR

Das ehemalige, denkmalgeschützte Verstärkeramt in Kochel soll abgerissen werden. Stattdessen will man dort einen Bauhof, Sozialwohnungen und Räume für soziale Bedürfnisse errichten. Aber da regt sich Widerstand.

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