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Symbolbild: eine Absperrung in einer Schule

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"Corona-Abi" ohne Prüfungen? Vorschlag stößt auf Skepsis

Schulabschluss ohne Prüfungen - der Vorschlag der Gewerkschaft GEW kommt bei Schülern und Lehrern in Bayern nicht gut an. Der Elternverband fordert einen "Freischuss". Für Diskussionsstoff sorgt auch die Frage, ob Schüler sitzenbleiben müssen.

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Von
  • Lea Utz
  • BR24 Redaktion

Unterrichtsausfall, Fernunterricht und Ungewissheit: Die Corona-Pandemie stellt gerade die Abschlussjahrgänge an Bayerns Schulen vor Herausforderungen. Den Vorschlag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), in diesem Schuljahr notfalls auf die Abschlussprüfungen für das Abitur und die Mittlere Reife zu verzichten, lehnen der bayerische Landesschülerrat und der Lehrerverband allerdings ab.

Landesschülerrat befürchtet Abwertung der Abschlüsse

"Die Schülerinnen und Schüler aus den Abschlussjahrgängen sind schon genug gebrandmarkt mit dem Corona-Abitur", sagte der Koordinator des Landesschülerrats, Joshua Grasmüller dem BR. "Da gibt es schon die Befürchtung, dass unser Abitur weniger wert ist, wenn die Prüfungen ausfallen." Sofern es das Infektionsgeschehen zulasse, sollten die Prüfungen auf jeden Fall stattfinden.

Das allgemeine Niveau müsse das Gleiche bleiben – eine Lösung könne aber sein, inhaltlich andere Schwerpunkte zu setzen mit Themen, die im Distanzunterricht gut abgedeckt wurden. Mehr Flexibilität bei der Auswahl der Prüfungsaufgaben hatte zuletzt auch der Deutsche Philologenverband gefordert.

Lehrerverband warnt vor "Corona-Stempel"

Ähnlich argumentierte der Präsident des Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. "Wir sollten alles tun, um den Schülerinnen und Schülern den Makel eines Not-Abiturs oder eines Not-Realschulabschlusses zu ersparen", sagte der Lehrer aus dem niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn der "Passauer Neuen Presse".

Sollten die Abschlussprüfungen ausfallen, seien die Zeugnisse der Absolventen nicht vergleichbar und weniger wert. "Da droht dann der unsichtbare, aber verhängnisvolle Corona-Stempel auf den Abschlusszertifikaten", warnte Meidinger. Im Zweifel sollten die Prüfungen lieber noch einmal verschoben werden.

Bundesbildungsministerin: Abschlüsse müssen vergleichbar sein

Die Bundesbildungsministerin Karliczek betonte, dass die Pandemie keine Bildungsverlierer produzieren dürfe. Zugleich müsse die Vergleichbarkeit der Abschlüsse gewährleistet werden. "Das ist wichtig für die jungen Leute. Das ist genauso wichtig für die Hochschulen und die Betriebe", sagte Karliczek der "Rheinischen Post".

Die GEW hatte sich dafür ausgesprochen, dass Schüler das Abitur und den Mittleren Abschluss notfalls auch ohne Prüfung ablegen können - etwa, indem die Vorleistungen, die bereits erbracht worden sind, gewertet werden.

Bayerischer Elternverband fordert "Freischuss"

Der Bayerische Elternverband fordert einen "Freischuss" bei den Abschlussprüfungen nach dem Vorbild der Universitäten. Die Schüler könnten die Prüfungen dann in diesem Jahr mitschreiben, hätten aber ein Jahr später noch einmal die Möglichkeit, die Prüfungen zu absolvieren. "Unterricht unterschiedlichster Qualität oder überhaupt keiner, das kann niemals zu gerechten Chancen führen", begründete die stellvertretende Landesvorsitzende Henrike Paede den Vorschlag.

Paede kritisierte gegenüber dem BR, dass die Frage, wie schriftliche Prüfungen im Distanzunterricht abgehalten werden können, noch immer nicht gelöst sei. "Man hat versäumt, ein digitales Format für schriftliche Prüfungen zu schaffen. Da hätte man jetzt wirklich genug Zeit gehabt dafür." Schriftliche Noten seien aber in der Schulordnung vorgesehen.

Kultusministerium kündigt weitere Maßnahmen an

Das bayerische Kultusministerium kündigte weitere Maßnahmen für die Abschlussjahrgänge an. "Die Schülerinnen und Schüler sollen auch in diesem Schuljahr faire Bedingungen bekommen", sagte ein Sprecher auf Anfrage des BR. Kultusminister Michael Piazolo stehe dazu in enger Abstimmung mit den Verbänden der Schulfamilien aller Schularten. Die Ergebnisse sollen demnach Anfang nächster Woche bekannt gegeben werden.

Debatte um Sitzenbleiben im Corona-Schuljahr

Auf gemischte Reaktionen stieß ein zweiter Vorschlag von GEW-Chefin Marlis Tepe: Sie hatte gefordert, dass aufgrund der Corona-Umstände in diesem Schuljahr niemand sitzenbleiben dürfe. Der Landesschülerrat in Bayern begrüßte den Vorschlag grundsätzlich. Man müsse zwar differenzieren, ob ein Schüler wegen der Corona-Situation sitzenbleibe oder aus anderen Gründen, sagte der Koordinator des Landesschülerrats, Joshua Grasmüller. "Wir halten es grundsätzlich aber für eine gute Idee, hier großzügige Regelungen anzuwenden."

Bundesbildungsministerin Karliczek und Lehrerverbandspräsident Meidinger äußerten sich kritischer. "Ich halte nichts davon, diese Möglichkeit generell auszuschließen", sagte Karliczek. Mit der Wiederholung eines Schuljahres solle die Chance verbunden werden, wieder einen besseren Anschluss an den Lernstoff zu bekommen.

Lehrerverband schlägt Zusatzjahr vor

Meidinger zeigte sich in der "Passauer Neuen Presse" ebenfalls skeptisch: Er bezweifle, ob es sinnvoll sei, wenn die Schüler in diesem Jahr erneut weitgehend unabhängig von den Leistungen in die nächste Jahrgangsstufe vorrückten - "obwohl ein Teil davon keine Chance hat, den Anschluss zu schaffen".

Der Lehrerverbandspräsident plädierte dagegen erneut für die Option auf ein Extra-Schuljahr: "Wahrscheinlich werden wir einem Teil der Schüler auch mehr Zeit einräumen müssen, also die Chance auf ein freiwilliges Zusatzjahr."

Schüler und Eltern in Bayern besorgt

Für Eltern und Schüler in Bayern ist das Corona-Schuljahr mit viel Unsicherheit verbunden - das zeigte auch eine Diskussion mit Hörern auf Bayern 3. "Für mich ist es ehrlich gesagt ziemlich doof zu entscheiden, in welchem Fach man denn jetzt Abi machen wird", erzählte eine 18 Jahre alte Gymnasiastin mit Blick auf die Corona-Umstände. Ein Vater schlug vor, die mündlichen Abiturprüfungen zu streichen - das sei ein guter Kompromiss.

Auch beim Thema Sitzenbleiben plädierten die Hörer für flexible Lösungen. "Am besten wäre es, wenn man den Schülern die Chance geben würde, entweder zu wiederholen oder mit dem Durchschnitt aus dem letzten Jahr vorzurücken", sagte etwa eine Hörerin. Ein Vater zeigte sich dagegen überzeugt, dass der Stoff trotz der Corona-Umstände zu bewältigen sei: "Generell ist mein Eindruck, dass eher die Eltern mit dem Homeschooling überfordert sind und nicht die Kinder."

Mit Informationen von Rüdiger Kronthaler, KNA und dpa

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Die Corona-bedingten Schulschließungen sorgen vor allem in den Abschlussklassen für Unmut. Lehrer, Eltern und Schüler sorgen sich wegen der großen Unsicherheit, ob unter den gegebenen Umständen faire Prüfungen möglich sind.

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