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Mit dem Zug zum Eibsee: Der zuständige Verkehrsverbund rechnet wegen des 9-Euro-Tickets mit einer starken Auslastung im Sommer.

Mit dem Zug zum Eibsee: Der zuständige Verkehrsverbund rechnet wegen des 9-Euro-Tickets mit einer starken Auslastung im Sommer.

Bildrechte: BR/Alexander Krauß
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    9-Euro-Ticket: Herausforderung für bayerische Tourismusregionen

    Mit dem 9-Euro-Monatsticket will der Bund Verbraucher entlasten und den öffentlichen Nahverkehr stärken. Bayerische Tourismusregionen rechnen mit einer starken Auslastung und machen sich Sorgen um finanzielle Einbußen.

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    Diethard KühneDiethard KühneSteffen ArmbrusterSteffen ArmbrusterAndrea TrübenbacherAndrea TrübenbacherAlexander BrutscherAlexander BrutscherMeret RehMeret Reh
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    Die Tickets sollen im Juni, Juli und August bundesweit Fahrten im Nah- und Regionalverkehr ermöglichen – für jeweils 9 Euro im Monat, also viel günstiger als normale Monatskarten. Dies ist Teil des Entlastungspakets der Koalition wegen der hohen Energiepreise. Zugleich soll es eine Schnupperaktion sein, um mehr Fahrgäste anzulocken und zum Umsteigen vom Auto zu ermuntern. Am Freitag stimmte auch der Bundesrat dem Ticket zu, am Montag soll der Vorverkauf starten.

    Große Bedenken in oberbayerischen Landkreisen

    Das geplante Angebot wird in verschiedenen bayerischen Tourismusregionen unterschiedlich bewertet.

    Das bayerische Oberland befürchtet einen Ansturm. Grainaus Bürgermeister, Stephan Merkel, zum Beispiel hat größte Bedenken. Er befürchtet, dass insbesondere die Busse zum Eibsee oder zur Bergbahn Zugspitze überrannt werden könnten. Merkel kritisiert, dass durch die kurzfristige Planung keine anständige Koordinierung möglich gewesen sei.

    Längere Wartezeiten befürchtet

    In Kochel am See und Garmisch-Partenkirchen begrüßen Tourismusverbände und Bürgermeister grundsätzlich Initiativen, die das Reisen attraktiver, nachhaltiger und stressfreier machen. Der Bürgermeister von Kochel am See, Thomas Holz, kritisiert allerdings, dass das 9-Euro-Ticket genau zur Hauptsaison komme und die Natur der Region zu dieser Zeit eh schon überlastet sei. Aktuell seien keine Beschränkungen vorgesehen. Der Bürgermeister behalte sich aber vor, gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen, sollte man anders der Massen nicht mehr Herr werden können. Zudem appelliere er an Touristen, sich an die Regeln zu halten und Rücksicht auf die Natur und andere Gäste zu nehmen.

    Der Geschäftsführer der GaPa Tourismus GmbH in Garmisch-Partenkirchen, Michael Gerber, möchte dafür sensibilisieren, dass es zu Stoßzeiten an den Wochenenden zu längeren Wartezeiten kommen kann. Er wünscht sich, dass mit dem 9-Euro-Angebot an den Wochenenden angepasste Zugkapazitäten auf stark nachgefragten Strecken angeboten werden.

    Verkehrsunternehmen fürchten erhöhte Kosten

    Auch bei den Verkehrsunternehmen in Oberbayern gibt es große Sorgen. Zum einen, weil nicht klar ist, was auf die Bus-und Bahnbetreiber zukommt, zum anderen, weil die Ausgleichszahlungen noch nicht geregelt sind.

    Die Bayerische Regiobahn (BRB) betreibt Linien nach Rosenheim und in den Chiemgau, nach Bayrischzell, Tegernsee und Lenggries, und nach Füssen. Arnold Schuchmann, der Geschäftsführer des Unternehmens, sagte dem BR-Studio Rosenheim, der finanzielle Teil des Projekts sei "überhaupt nicht organisiert". Er habe "größte Sorge", ob die BRB die Belastungen durch das 9-Euro-Ticket stemmen könne. Der Bund müsse rasch klären, wie die Ausgleichszahlungen zu den Betrieben kommen. Den Ausgleich werde der Bund zwar wohl über eine Art Rettungsschirm bereitstellen. Ob aber Mehrkosten übernommen werden, die durch die Erhöhung der Kapazitäten, höheren Energieaufwand, höhere Personalkosten entstehen, sei völlig unklar. Die Liquidität der privaten Transportunternehmen sei in großer Gefahr.

    Zweifel am dauerhaften Effekt des Tickets

    Die BRB erwartet einen großen Ansturm auf das "sensationell günstige Angebot". "Im Chiemgau und im Oberland werden wir wohl überlaufen", sagt Schuchmann. Dabei könne man die Strecken ins Oberland nicht weiter aufrüsten.

    Harald Gmeiner, Vorstand des Tourismusverbands "Alpenregion Tegernsee Schliersee" (ATS) sieht die Lage differenziert. Grundsätzlich findet er es sehr gut, mehr Menschen zum ÖPNV zu bringen. Da die Versorgung mit Bus und Bahn in vielen ländlichen Regionen aber eher mau sei, sei es zweifelhaft, ob die Aktion einen dauerhaften Effekt habe. Wenn das Ergebnis des 9-Euros-Tickets wäre, so Gmeiner, dass die Betriebe ihre Verbindungen verbessern und die Taktungen erhöhen, dann wäre das großartig.

    Zunächst keine Zusatz-Fahrten in Lindau und im Allgäu

    Im schwäbischen Lindau wird der Stadtverkehr wegen des geplanten 9-Euro-Tickets nicht von vornherein aufgestockt. Nach Angaben der Stadtwerke habe man sich auch noch nicht mit der Bahn abgestimmt. Wie es hieß, wolle man im Rahmen eigener Kapazitäten auf eine gegebenenfalls steigende Fahrgastnachfrage durch das Ticket reagieren. Ein Sprecher schrieb dazu auf Anfrage: "Wir sind allerdings fahrzeugtechnisch und personell an unserer Leistungsgrenze." Wie jedes Jahr erwartet die Stadt auch in diesem Jahr mehr Fahrgäste in den Sommermonaten.

    Fahrräder mitnehmen könnte schwierig werden

    Der Verkehrsverbund Bodensee-Oberschwaben (bodo), der den Nahverkehr auch im Landkreis Lindau koordiniert, rechnet damit, dass wegen des 9-Euro-Tickets Busse und Bahnen stark ausgelastet sein werden – besonders an den Wochenenden. Fahrräder mitzunehmen, wird dann schwierig. Von einem "sehr starken Fahrgastzulauf" werden laut bodo vor allem Busse und Bahnen zwischen Lindau und Friedrichshafen betroffen sein. Auch hier sind aktuell noch keine zusätzlichen Fahrten geplant. Bei Bedarf müssten die sehr kurzfristig eingeplant werden, hieß es.

    Auch im Allgäu laufen derzeit keine großen Vorbereitungen wegen des 9-Euro-Tickets. Das ergab eine Umfrage der Allgäu GmbH in den Allgäuer Tourismusorten. So meldet zum Beispiel Schwangau, man treffe deswegen keine besonderen Vorkehrungen.

    Stadtwerke Augsburg sehen 9-Euro-Ticket als Chance, befürchten aber Mehrkosten

    Die Stadtwerke Augsburg begrüßen die Pläne zum 9-Euro-Ticket. Sprecher Jürgen Fergg sieht darin für die Busse und Bahnen der Stadtwerke die Chance, während der Corona-Zeit verlorene Kundinnen und Kunden wieder zurückzugewinnen.

    Außerdem erwartet er, dass der Bund hält, was er verspricht: Dass nämlich die Kosten für die Tickets, die drei Monate lang vergünstigt sein sollen, nicht bei den Verkehrsunternehmen hängen bleiben. Durch Corona seien sie finanziell bereits gebeutelt. Die Stadtwerke Augsburg rechnen durch die günstigeren Tickets mit Einnahmeausfällen und einem hohen Mehraufwand - etwa für Technik und Personal. Ab 1. Juni will man mit voller Kapazität an den Start gehen. Schon jetzt werden laut Fergg in den Werkstätten alle verfügbaren Fahrzeuge fit gemacht und für Juni bereits mehr Personal einkalkuliert.

    Protest von Busunternehmen

    Busunternehmen sehen das Ticket kritisch. Im morgendlichen Linien- und Schülerverkehr waren vergangene Woche in zahlreichen bayerischen Landkreisen die Busse ausgefallen. Angesichts hoher Dieselpreise und des angekündigten 9-Euro-Tickets wollten Busunternehmer so auf ihre Lage aufmerksam machen, wie der Landesverband Bayerischer Omnibusunternehmen (LBO) in München mitteilte.

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