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Die Synagoge in der Münchener Herzog-Rudolf-Straße nach der Reichspogromnacht.
© Bundesarchiv, Bild 146-1970-041-46 / CC-BY-SA

Autoren

Barbara Weiß
© Bundesarchiv, Bild 146-1970-041-46 / CC-BY-SA

Die Synagoge in der Münchener Herzog-Rudolf-Straße nach der Reichspogromnacht.

Vom Münchner Rathaus aus rief Joseph Goebbels zum reichsweiten Pogrom auf. Am 9. November, am Jahrestag des Hitlerputsches, sollten "die Juden einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen", so der Reichspropagandaminister. 1.400 Synagogen wurden daraufhin im ganzen Land in Brand gesetzt oder zerstört. Hans-Jochen Vogel, der nach dem Krieg im Münchner Rathaus Oberbürgermeister war und heute 92 Jahre alt ist, kann sich gut erinnern. Die Reichspogromnacht erlebte er in Gießen mit:

"Nicht weit von unserem Gymnasium war eine Synagoge - 150 Meter weg - und da stieg Rauch auf. Und dann sind wir vor die Synagoge gerannt und haben gesehen, dass Feuerwehr und Polizei den Brand nicht gestoppt, sondern sogar noch befeuert haben." Hans-Jochen Vogel

"Das hat uns junge Burschen mit zwölf Jahren sehr ratlos gemacht", so Vogel weiter. Es hätten auch ein paar Erwachsene da gestanden - sehr stumm. Keiner sei begeistert gewesen oder hätte "Bravo" gerufen.

Auch die Synagogen in Fürth brannten, ebenso in Kitzingen. Die Memminger Synagoge wurde gesprengt. In Nördlingen verbrannte der Mob die Thorarollen. In Weiden in der Oberpfalz wurde die Synagoge geplündert. In Adelsdorf in Franken wurden religiöse Kultgegenstände auf dem Marktplatz verbrannt.

Münchens Vorreiterrolle als "Hauptstadt der Bewegung"

Die repräsentative Hauptsynagoge in München für die große Gemeinde mit rund 10.000 Mitgliedern war bereits im Juni 1938 abgerissen worden - als erste deutschlandweit. Sozusagen ein Testlauf, meint Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"München hat auch leider hier eine Vorreiterrolle als 'Hauptstadt der Bewegung' gespielt. Vielleicht wollte man auch bisschen testen: Wie geht das durch in der Öffentlichkeit?" Michael Brenner

Es ging durch.

Charlotte Knobloch: Kein Mensch hat sich aufgeregt

Während der Reichspogromnacht wurde dann die Münchner Ohel-Jakob-Synagoge angezündet, in deren Tradition sich die Synagoge am Münchner Jakobsplatz sieht. Charlotte Knobloch, heute Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, erinnert sich an die Nacht vor 80 Jahren:

"Als Kind siehst du eine Synagoge, die brennt, wo du noch vor Tagen warst. Und du weißt als Kind, wenn ein Haus brennt, kommt die Feuerwehr. Und da das so nicht war und kein Mensch sich aufgeregt hat, das hat mich so berührt, dass ich in Tränen ausgebrochen bin." Charlotte Knobloch

Wenn die Feuerwehr kam, dann nur, um das Feuer zu beschleunigen. Entsprechende Anweisungen hatte Goebbels an Polizei und Feuerwehr gegeben. Und diese wurden offenbar auch befolgt, hat Hans-Jochen Vogel beobachtet.

"Die waren schon da, aber sie haben den Brand befeuert und nicht gelöscht." Hans-Jochen Vogel

Die Rettung der Augsburger Synagoge

Die Augsburger Synagoge überstand als einzige Großstadtsynagoge in Bayern die Reichspogromnacht - dank einer Tankstelle in der Nähe. Aus Angst vor einer Explosion wurde dort das Feuer schnell gelöscht. Henry Brandt - zurückgekehrt nach Bayern - ist dort heute Rabbiner und inzwischen auch schon über 90 Jahre alt. 1938 - als die Synagogen zerstört wurden - wohnte er in München. 1939 verließ er daraufhin mit den Eltern seine Heimat:

"Ich erinnere mich nicht an eine Unterhaltung. Das war nicht ein Ereignis: Jetzt ist es und dann vorbei. Es war eine bedrückende Stimmung in der Familie und bewog meinen Vater dann auch, die Auswanderung aktiv zu betreiben." Henry Brandt

Hans-Jochen Vogel: Auch Jüngere erinnern

Die Reichspogromnacht markiert den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete. Zeitzeugen, die von dieser Nacht erzählen können, gibt es nur noch wenige Hochbetagte wie Henry Brandt, Charlotte Knobloch oder Münchens ehemaligen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel. Er mahnt daher:

"Dann müssen wir mit Beschreibungen und Bildern den Jüngeren nahebringen und ihnen auch sagen, welche Folgen das gehabt hat. Darum müssen wir uns auch der neuen Antisemitismuswelle heute entschieden widersetzen." Hans-Jochen Vogel