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75 Jahre KZ-Befreiung: Virtuelle Gedenkfeier in Mühldorf | BR24

© Matthias Balk / dpa

Der Gedenkort "Waldlager" an der KZ-Gedenkstätte der ehemaligen Mühldorfer KZ-Außenkommandos.

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    75 Jahre KZ-Befreiung: Virtuelle Gedenkfeier in Mühldorf

    Tausende Häftlinge kamen in den KZ-Außenlagern Mühldorf ums Leben. Am 28. April 1945 wurde der Komplex evakuiert. Die Gedenkfeier zum 75. Jahrestag kann wegen der Corona-Krise nicht stattfinden. Deshalb wird der Opfer nun online gedacht.

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    "Nun also waren wir frei. Aber was war von unserer Vergangenheit geblieben?", steht auf der Einladungskarte. Ein Zitat des jüdischen Holocaust-Überlebenden Ernst Israel Bornstein, der unter anderem auch in dem KZ-Lagerkomplex bei Mühldorf inhaftiert war.

    Eigentlich wollte der Verein "Für das Erinnern – KZ-Gedenkstätte Mühldorfer Hart" mit der Karte Überlebende, Angehörige und Interessierte zur Gedenkfeier einladen. Rund 30 Überlebende des KZ-Stammlagers Dachau wollten anreisen, darunter etwa fünf ehemalige Häftlinge der Außenlager Mühldorf.

    75 Jahre nach der Evakuierung des ehemaligen KZ-Lagerkomplexes wollten sie im Mühldorfer Hart der Tausenden Menschen gedenken, die hier ums Leben kamen. Doch die Corona-Krise macht auch vor Gedenkfeiern nicht Halt. Die Veranstaltung musste abgesagt werden, auf der Einladung ist nun ein Link zu finden.

    Virtuelle Gedenkfeier erinnert an die Opfer

    Franz Langstein, der Vorsitzende des Vereins steht in diesem Jahr alleine vor der Gedenkstätte Waldlager – dort, wo vor 75 Jahren noch das zweitgrößte Konzentrationslager der Mühldorfer Lagergruppe stand. Er schaut in die Kamera, im Hintergrund zwitschern die Vögel. "Wir erinnern uns daran, was geschehen ist", sagt Langstein. "Wir müssen an dem einen Satz dranbleiben: Nie wieder!"

    Das Video ist Teil einer virtuellen Gedenkfeier, die an die Evakuierung und Befreiung des ehemaligen KZ-Außenkommandos erinnern soll – auf der Homepage des Vereins statt an den Gedenkorten. In Videos kommen unter anderem der Mühldorfer Landrat Max Heimerl und Korbinian Engelmann, der Leiter des Geschichtszentrums Mühldorf zu Wort.

    Tausende Häftlinge zur Schwerstarbeit gezwungen

    Die ehemalige KZ-Lagergruppe Mühldorf war eines der größten Außenkommandos des Konzentrationslagers Dachau. Ab Sommer 1944 wurden tausende KZ-Häftlinge – die meisten von ihnen waren Juden aus Ungarn – in die Arbeitslager des Mühldorfer Komplexes wie etwa das Stammlager Mettenheim und das Waldlager transportiert. Im Mühldorfer Hart, einem Waldstück westlich von Mühldorf, sollten sie eine riesige Flugzeugfabrik errichten. Einer der sieben Bunkerbögen steht dort bis heute.

    Insgesamt mehr als 8.000 Häftlinge wurden gezwungen, an der Hauptbaustelle des Rüstungsbunkers, in der Forst- und Landwirtschaft oder im Lager zu arbeiten: Gräben ausheben, Wurzeln reißen, Zement und Eisen schleppen – dabei verklebten vielen Häftlingen die Atemwege. Zu essen gab es trotz Schwerstarbeit eine Hungerration: etwas Brot, Ersatzkaffee, ein paar Kartoffeln und Wassersuppe mit Gemüseeinlagen.

    © Für das Erinnern – KZ-Gedenkstätte im Mühldorfer Hart e. V.

    Einer der insgesamt sieben Bunkerbögen ist noch erhalten. Hier soll ein dritter Gedenkort entstehen.

    Massenunterkünfte, Kälte, mangelnde Hygiene

    Die Unterkünfte in den Außenlagern waren noch primitiver als im KZ-Stammlager Dachau. Im Lager Mettenheim lebten oft bis zu 60 Häftlinge in einer Holzbaracke. Die Insassen des Waldlagers litten unter der Kälte, da sie anfangs in sogenannten Finnenzelten, Bauten aus Sperrholz, untergebracht waren. Später wurden Erdhütten gebaut, die halb in den Boden eingegraben waren und beheizt werden konnten. Durch das Zusammenleben auf engstem Raum und mangelnde Hygiene wurden Krankheiten wie Typhus schnell übertragen. Die Gefangenen wurden zudem von den Bewachern misshandelt.

    Innerhalb von neun Monaten starben mehr als 2.000 Menschen. Sie wurden in Massengräbern im Wald verscharrt. Weitere knapp 2.000 Invaliden kamen nach Transporten in Auschwitz und Kaufering ums Leben. Der Verein "Für das Erinnern" führt auf seiner Internetseite die Namen der Totenlisten.

    US-Army befreit die Überlebenden

    Die Flugzeugfabrik wurde nie fertiggestellt. Nachdem die Amerikaner aus der Luft den Bahnhof Mühldorf und den Flugplatz Mettenheim angriffen, wurde das Lager am 28. April 1945 evakuiert. In Seeshaupt und Tutzing wurde der Evakuierungstransport befreit.

    Am 2. Mai 1945 befreite schließlich die amerikanische Armee die Überlebenden der Mühldorfer Außenlager. Die Toten wurden daraufhin in KZ-Friedhöfen bestattet. Ein US-Militärgericht verurteilte die Täter zu Freiheits- oder Todesstrafen.

    Hoffnung auf Gedenkfeier im kommenden Jahr

    Vor genau zwei Jahren wurden die beiden Gedenkorte am ehemaligen Waldlager und am Massengrab eingeweiht. An dem erhaltenen 80 Meter breiten und 30 Meter hohen Bunkerbogen soll ein dritter Gedenkort entstehen. Frühestens im Jahr 2023 soll er eröffnet werden. Überlebende hätten die Bunker-Baustelle immer wieder als den "Ort des unmittelbaren Leidens" bezeichnet, erklärt Franz Langstein, der Vorsitzende des Vereins "Für das Erinnern".

    2021 will der Verein wieder eine Gedenkfeier an den Erinnerungsorten veranstalten – so wie eigentlich jedes Jahr am 28. April, wenn nicht Corona dazwischenkommt. Franz Langstein hofft, dass die KZ-Gedenkstätte Dachau die Überlebenden im kommenden Jahr noch einmal einlädt. Sein Verein sei zu klein dafür, das zu stemmen.

    Eine Sprecherin der KZ-Gedenkstätte Dachau erklärte auf BR-Anfrage, es gebe bereits Überlegungen, die Gedenkfeiern mit den Überlebenden im kommenden Jahr entsprechend nachzuholen. Sonst gäbe es für die ehemaligen Häftlinge wohl erst wieder zur 80-jährigen Gedenkfeier im Jahr 2025 die Möglichkeit, an den Ort der ehemaligen KZ-Außenlager in Mühldorf zurückzukommen. Dann könnte es für einige von ihnen zu spät sein.

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