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30 Jahre Stroke Unit: Per Heli zum Schlaganfall-Patienten | BR24

© BR / Rebekka Preuß

Das Flying Intervention Team der München Klinik Harlaching im Einsatz

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    30 Jahre Stroke Unit: Per Heli zum Schlaganfall-Patienten

    Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Noch vor 30 Jahren ist jeder dritte Patient daran gestorben. Dank sogenannter Stroke Units sind die Überlebenschancen heute besser. Die deutschlandweit erste wurde an der München Klinik Harlaching gegründet.

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    Es fliegt, um Leben zu retten, das Flying Intervention Team. Die fliegenden Ärzte der Münchner Klinik Harlaching sind auf dem Weg in eine Partnerklinik. Vor Ort werden sie einem Patienten innerhalb weniger Minuten ein Blutgerinnsel aus einer Hirn-Arterie entfernen - und so die Durchblutung der Zellen wieder herstellen. Die sogenannte Thrombektomie ist die neueste Behandlungsmethode bei Schlaganfällen.

    Die erste Stroke Unit Deutschlands in München gegründet

    Die "Fliegenden Ärzte" gibt es seit 2018 an der München Klinik Harlaching. Sie ermöglichen eine schnelle und flächendeckende Patienten-Versorgung. Begonnen hat diese Entwicklung aber schon vor 30 Jahren. Damals wurde an der Klinik die erste spezialisierte Schlaganfallstation Deutschlands gegründet. Eine sogenannte Stroke Unit.

    "Der Meilenstein war, dass man einen Team-Approach, also eine Teamgestaltung für den Patienten organisieren wollte. Wo die Krankengymnastik, die Pflege, die Logopädie und natürlich die Ärzte zusammen arbeiten, um ganz früh die Schlaganfallbehandlung zu beginnen und auch die Rehabilitation zu beginnen." Roman Haberl, Chefarzt Neurologie, München Klinik Harlaching

    Harlaching war Thrombolyse-Vorreiter

    Roman Haberl ist seit 24 Jahren Chefarzt der Stroke Unit. Die Thrombektomie, also die mechanische Gerinnsel-Entfernung bei der ein Katheter über die Leistenarterie bis in die verstopfte Hirnarterie geschoben und das Blutgerinnsel herausgezogen wird, gab es damals noch nicht.

    Chefarzt Roman Haberl half den Menschen stattdessen mit einer neuen Chemikalie, obwohl dieses Medikament damals noch gar nicht zugelassen war. Er war einer der ersten Mediziner in Deutschland, der diese Behandlung durchführte. Und seine Forschung bewährte sich.

    "Und es wurde immer deutlicher, dass die einzige Möglichkeit, die Hirndurchblutung wieder herzustellen, die ist, dass man das verschlossene Gefäß wieder aufmacht. Und die Thrombolyse war die Chemikalie, die letztendlich diese Wiederauflösung von Gerinnseln ermöglichte. Man hat das lange Zeit nicht gemacht, weil man die Gefährdung einer Hirnblutung gefürchtet hat." Roman Haberl, Chefarzt Neurologie, München Klinik Harlaching

    Die Behandlung ist heute komplex und interdisziplinär

    Heute sind Thrombolyse und Thrombektomie nur zwei Bausteine einer komplexen Behandlung. Davon profitierte auch Marianne Jacob. Die 90-Jährige erlitt vor einer Woche einen Schlaganfall und ist derzeit noch zur Überwachung und zur Therapie auf der Stroke Unit in der München Klinik Harlaching.

    Schlaganfall beim Mittagessen: Plötzlich halbseitig gelähmt

    Marianne Jacob erlitt ihren Schlaganfall beim Mittagessen. Sie war plötzlich halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr richtig sprechen. Am Tag vorher hatte sie sich "fix und fertig" gefühlt, erzählt sie. "Die Putzfrau war da und mir war alles zu viel. Und ich musste mich immer setzen."

    Marianne Jacob wurde zuerst in ihrem Heimatort Altötting in die Klinik gebracht. Hier gaben ihr die Ärzte das Thrombolyse-Medikament. Als das nichts half, kam sie für die Thrombektomie nach München.

    Europas größtes telemedizinisches Schlaganfall-Netzwerk

    Marianne Jacob profitierte dabei vom sogenannten TEMPiS-Netzwerk. In diesem Zusammenschluss unterstützen die Schlaganfallzentren der München Klinik Harlaching und des Bezirksklinikums Regensburg 24 Kliniken in Südostbayern sowohl bei der Diagnose als auch bei der Schulung der Ärzte, Therapeuten und Pfleger. Seit 2003 gibt es das Netzwerk. Neben Altötting gehören zum Beispiel auch Kliniken in Zwiesel, Mühldorf am Inn, Bad Reichenhall und Bad Tölz dazu.

    Spezialist per Video-Schalte "vor Ort"

    Wird ein Schlaganfall-Patient in eine der Partnerkliniken eingeliefert, schalten sich Neurologen aus München per Video-Schaltung dazu. Der Koordinator des TEMPiS Netzwerkes, Dr. Gordian Hubert, betont, wie wichtig die Zeit bei einem Schlaganfall ist: "Jede Minute zählt. Das ist nicht nur ein Spruch, das stimmt auch wirklich." Denn minütlich gingen Gehirnzellen verloren.

    Er erläutert, dass die Experten von TEMPiS in der Regel angerufen würden, wenn ein Schlaganfallpatient in die Notaufnahme der Partnerklinik eingeliefert wurde. "Wir empfehlen, rasch eine Computertomographie durchzuführen und gleich in den Videokonsil-Raum zu kommen."

    Dort könnten sich die Experten unmittelbar dazuschalten, gleich die Untersuchungen machen und sofort feststellen: Ist das ein Patient, der von der Thrombolyse oder von einer Stroke Unit Therapie profitieren kann.

    Tausende Video-Untersuchungen im Jahr

    Mit 7.000 Video-Untersuchung pro Jahr ist TEMPiS das größte telemedizinische Netzwerk seiner Art in Europa. Und wenn bei einer Video-Diagnose festgestellt wird, dass ein Patient eine Thrombektomie benötigt, kommen seit 2018 immer häufiger die Fliegenden Ärzte zum Einsatz.

    Durch diese Kombination aus Ferndiagnose und "Hinaustragen" der Therapie erhoffen sich die Ärzte von TEMPiS einen Zeitvorteil von gut einer Stunde, möglicherweise eineinhalb Stunden, so Dr. Gordian Hubert. "Und das ist enorm wichtig für Patienten und deren Gehirne."

    95 Prozent der Schlaganfallpatienten in Bayern überleben

    In der Harlachinger Stroke Unit werden jedes Jahr nach eigenen Angaben mehr als 1.300 Patienten mit akutem Schlaganfall behandelt. Die 90-jährige Marianne Jacob ist eine davon.

    Deutschlandweit erleiden jedes Jahr rund 270.000 Menschen einen Hirnschlag, rund 55.000 davon in Bayern. Vor 30 Jahren starben in Deutschland noch 30 Prozent der Betroffenen. In Bayern überleben heute rund 95 Prozent der Betroffenen nach einem Klinikaufenthalt. Und 70 Prozent von ihnen genesen vollständig, ohne bleibende Lähmungen oder Sprachstörungen.

    Auch Marianne Jacob kann eine Woche nach ihrem Schlaganfall wieder normal sprechen. Und ihre ersten Schritte macht sie auch schon wieder – unterstützt von den Ergo- und Physiotherapeuten der Stroke Unit an der München Klinik Harlaching.

    💡 Was ist ein Schlaganfall?

    Bei einem Schlaganfall oder Hirnschlag werden Bereiche des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend mit sauerstoffhaltigem Blut versorgt. Die Folge: Die betroffenen Nervenzellen im Gehirn sterben ab. Es gibt zwei verschiedene Formen des Schlaganfalls: In 80 Prozent der Fälle, beim sogenannten Hirninfarkt, verschließt ein Gerinnsel ein Blutgefäß im Gehirn. 20 Prozent der Schlaganfälle sind auf Hirnblutungen zurückzuführen. 55.000 Menschen erleiden allein in Bayern jedes Jahr einen Schlaganfall.

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