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1918: Neue Thesen zum Ende des Ersten Weltkrieges | BR24

© picture-alliance/dpa

Soldaten an einer Schnellfeuerwaffe

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    1918: Neue Thesen zum Ende des Ersten Weltkrieges

    Schicksalsjahr 1918: Der Vertrag von Versailles und die "Dolchstoßlegende" waren verhängnisvoll für die Weimarer Republik. Hätte der 1. Weltkrieg auch anders ausgehen, der Friedensvertrag anders aussehen können? Zwei neue Bücher sorgen für Debatten.

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    Verloren? Oder am Ende doch gewonnen? Deutschland ist mindestens so stark aus dem blutigen 20. Jahrhundert rausgekommen, wie es reingegangen ist, wenn auch nicht ganz so groß. Dazwischen freilich verlor es zwei Weltkriege, lag in Trümmern, war mehrfach besetzt und vierzig Jahre geteilt.

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    Selber schuld, hieß es lange unter Historikern, hätte Deutschland halt auf den „Griff nach der Weltmacht“ verzichtet und nicht den Ersten Weltkrieg losgetreten, nicht mit dem Vertrag von Versailles gehadert, nicht auf Rache gesonnen, alles wäre anders gekommen. Ja, es hätte alles anders kommen können, sagen jetzt Geschichtswissenschaftler wie Gerd Krumeich, den das Thema seit 20 Jahren umtreibt – müssen sich dafür aber bei Kollegen rechtfertigen.

    "Meine französischen und britischen Freunde haben damit überhaupt kein Problem. Probleme machen nur die Deutschen, die sagen, mein Gott, wo führt das politisch hin, wenn man solche Sachen denkt und sagt. Du kriegst ja Beifall von der falschen Seite. Stimmt, kriegt man auch, aber das ist eben die Gefahr unseres Geschäfts." Gerd Krumeich

    Eine unbewältigte Niederlage

    „Die unbewältigte Niederlage“ hat Gerd Krumeich sein aufsehenerregendes und umstrittenes Buch genannt. Unbewältigt war ja tatsächlich vieles, das Ende des Kaiserreichs, der Vertrag von Versailles, die berüchtigte Dolchstoßlegende, wonach die militärisch unbesiegten deutschen Soldaten von der Heimatfront gemeuchelt wurden. Zu gewinnen, so Krumeich, war der Krieg für die Deutschen am Ende nicht mehr. Aber vielleicht noch länger durchzuhalten?

    "Es hat doch keine Entscheidungsschlacht gegeben. An der einen Stelle bricht die Front ein, an der anderen hält sie noch. Die Lage war nicht so, dass sie unentschieden war. Deutschland wird den Krieg verlieren, aber vielleicht kann man noch drei, vier Monate durchhalten, um gute Friedensbedingungen zu erringen. Das ist die Fragestellung, die damals herrschte, auf der militärischen und zivilen Seite." Gerd Krumeich

    Was wäre gewesen, wenn ...

    Diese Frage stellte sich vor allem für das letzte Kabinett des Kaiserreichs, für den Reichskanzler Max von Baden. Hat er falsch entschieden, hätte das deutsche Heer durchhalten können oder gar müssen? Der Historiker Holger Afflerbach, der im britischen Leeds lehrt, ist mehr als skeptisch.

    "Selbst, wenn das im Herbst 1918 noch mal zum Stehen gekommen wäre, und manches spricht dafür, dass das West-Heer sich über den Winter irgendwie grenznah hätte behaupten können. Und dann? Dann ist Frühjahr 1919, dann geht der Zirkus weiter. Was hätte denn Deutschland dadurch gewonnen, dass es noch ein paar Monate weiterkämpft, außer, dass dadurch hunderttausende von Leuten mehr gestorben wären?" Holger Afflerbach

    Afflerbach ist durchaus der Meinung, dass der Erste Weltkrieg auch unentschieden hätte enden können - wenn die deutschen Generäle und Politiker offenkundige Fehler vermieden hätten.

    Vor-Entscheidungsjahr 1917

    So habe erst der unbeschränkte U-Boot-Krieg die Amerikaner mobilisiert, und mit einer entschiedenen Defensive statt Offensive hätte das Jahr 1918 für die Deutschen erfolgreicher verlaufen können, zumal die Russen ja schon besiegt waren. Afflerbach sieht die lange Dauer des Krieges, die Unfähigkeit aller Beteiligten, einen Waffenstillstand zu erreichen, als Hauptursache für die nachfolgenden politischen Katastrophen ermöglicht. - und schließt einen interessanten Gedanken an: Hätten die Mittelmächte und die Alliierten 1917, als Russland noch eine Demokratie war, einen Friedensschluss zuwege gebracht: "Dann wäre Russland der Kommunismus erspart geblieben."

    Was wäre, wenn? Diese Frage erscheint den meisten müßig. Womöglich gab es auch gar keine Alternativen, hatten die Beteiligten 1918 viel weniger Handlungsspielraum, als manche heute, nach 100 Jahren, vermuten. Die Stimmung an der Heimatfront jedenfalls war schon 1917, spätestens Mitte 1918 verzweifelt.

    Der "Schandfrieden von Versailles": vermeidbar?

    Europa wäre vieles erspart geblieben, wenn es 1918 einen gerechteren Frieden gegeben hätte. Aber war das eine realistische Alternative? Fest steht: Der Frieden von Versailles galt den Deutschen als schmachvolle Schande, als Startpunkt für "unser moralisches Elend, unser(en) schlimmste(n) Niedergang" - so der Legationsrat Kurt von Lersner. Sogar der Kongress der Vereinigten Staaten lehnte den Vertrag als ungerecht ab.

    Holger Afflerbach ist überzeugt, dass die Deutschen Ende 1918 - anders als 1917 - keine Wahl mehr hatten. Gerd Krumeich ist anderer Meinung.

    "Die Alternative wäre gewesen, nicht zu unterschreiben, einfach nicht zu unterschreiben und warten, was passiert. Wer weiß denn, ob die französischen Soldaten noch marschieren, nach diesen viereinhalb Jahren, angesichts eines kommenden Friedens, noch mal massiv in Deutschland einmarschieren. Wer weiß das? " Gerd Krumeich

    Freilich, so Krumeich selbst: Die Russen hatten in den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk genau das versucht. Die "drückenden" deutschen Friedensbedingungen nicht unterschreiben und einfach nach Hause gehen. Die erste Reaktion auf Deutscher Seite: staunen

    Dann sind sie sind "tief nach Russland eingedrungen und dann haben die Russen eine zweite, verschärfte Version dieses Friedens doch noch unterzeichnen müssen." Gerd Krumeich

    Ist es politisch gefährlich, abermals die Dolchstoßlegende auf den Prüfstand zu stellen, womöglich ein Körnchen oder auch ein Korn Wahrheit darin zu entdecken? Mag sein, aber es ist auch belebend für die historische Debatte und beweist, dass die Geschichte immer wieder neu gedeutet werden kann, ja muss. Holger Afflerbach und Gerd Krumeich haben sich jeweils in eigener Art und Weise über sogenannte „herrschende Meinungen“ hinweggesetzt.

    Literatur:

    Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor

    C.H. Beck Verlag, München 2018 - 29,95 Euro

    Gerd Krumeich: Die unbewältigte Niederlage: Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik

    Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2018 - 25 Euro

    Auswahlliste: Weitere Literatur zum 1. Weltkrieg

    Von
    • Peter Jungblut
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