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Bewohner sollen fast verhungert und verdurstet sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gar wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Jahrelang gab es Beschwerden. Wie BR-Recherchen zeigen, ist die Heimaufsicht ihnen aber nicht konsequent nachgegangen.

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17 Todesermittlungen: Tatort Altenpflegeheim

Eine Bewohnerin der Seniorenresidenz Schliersee ist nach einem gewaltsamen Übergriff gestorben. Es ist nicht der einzige fragwürdige Todesfall: Die Staatsanwaltschaft München II führt aktuell 17 Todesermittlungsverfahren zu Bewohnern dieses Heims.

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Von
  • Melanie Marks
  • Claudia Gürkov
  • Christiane Hawranek

Franz Bartonitz wollte das Beste für seine Mutter: In der Seniorenresidenz Schliersee, idyllisch gelegen mit Berg- und Seeblick, sollte sie ihren Lebensabend verbringen. Doch das, was dort offenbar jahrelang geschehen ist, beschreiben einige ehemalige Bewohner und Ex-Mitarbeiter als "Horror". Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt seit Mai 2020. Franz Bartonitz' Mutter ist eines der Opfer. In ihrer Todesanzeige vom August 2020 steht: "Nach einem tragischen Gewaltakt verstarb meine geliebte Mutter Katharina Bartonitz."

"Sie muss geschrien haben vor Schmerzen"

Dem Sohn fällt es schwer, darüber zu sprechen. Aber er möchte, dass so etwas nie wieder passiert. Er erzählt von einem Anruf des Heims Ende Juli: Seine Mama sei im Krankenhaus, denn sie sei in ein falsches Zimmer gelaufen, der Bewohner habe sie für einen Einbrecher gehalten und daher "auf sie eingedroschen".

Dabei konnte seine Mutter gar nicht mehr laufen, sie saß im Rollstuhl. Im zweiten Telefonat habe das Heim dann zugegeben, dass ein anderer Bewohner in ihr Zimmer gekommen sei. Franz Bartonitz sagt: "Meine Mutter muss geschrien haben vor Schmerzen. Und den Ausdruck im Gesicht hat sie gehabt bis zum Schluss."

Sohn macht sich Vorwürfe

Katharina Bartonitz hatte nach dem Übergriff schwere Verletzungen. Der demente Täter hatte sie vergewaltigt. Ihr Brustbein und mehrere Rippen waren gebrochen, am Hals hatte sie tiefe Kratzer, das Gesicht voller blauer Flecken. Nach zehn Tagen im Krankenhaus ist sie gestorben.

Franz Bartonitz erinnert sich daran, dass sie ihn kurz vor ihrem Tod noch gefragt hat: "Wo bist du gewesen?" Er macht sich Vorwürfe, dass er ihr nicht helfen konnte. Und: Dass er sie in diesem Heim angemeldet hat.

Verdacht auf Körperverletzungsdelikte bei 88 Bewohnern

Der Fall Katharina Bartonitz ist eines von 17 Todesermittlungsverfahren zu Bewohnern der Seniorenresidenz Schliersee. Dabei überprüfen Gerichtsmediziner auch, ob gravierende Pflegemängel zum Tod geführt haben, zum Beispiel Unterernährung. Mehr als 100 Angehörige, ehemalige Mitarbeiter und Ex-Bewohner haben Reporterinnen des Bayerischen Rundfunks von desaströsen Zuständen in der Seniorenresidenz Schliersee berichtet: Die Grundbedürfnisse der Bewohner wie Essen und Trinken seien nicht erfüllt worden; es fehlten Lagerungshilfen, dadurch sei es zu deformierten Füßen und Druckgeschwüren gekommen; Wunden seien nicht ausreichend versorgt worden. Interne Unterlagen aus verschiedenen Behörden bestätigen dies.

Die Staatsanwaltschaft München II erklärt auf BR-Anfrage: "Wenn aus solchen Missständen körperliche und gesundheitliche Folgen für die Betroffenen entstehen, steht die ganze Bandbreite von Körperverletzungsdelikten im Raum." Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzungsdelikten bei 88 Bewohnern, auch wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge. Es wird gegen vier Beschuldigte ermittelt, es gilt die Unschuldsvermutung.

Subtile Formen von Gewalt

Die Pflegefachkraft und Qualitätsmanagerin Sylvia Schäfer hatte 2019 und 2020 zwei mehrmonatige Arbeitseinsätze in der Seniorenresidenz Schliersee. Sie sagt, sie habe dort eine "subtile Form von Gewalt" mitbekommen: Beispielsweise, dass Bewohner darum gebeten haben, auf die Toilette gebracht zu werden – doch das Personal habe nicht darauf reagiert. Als sie im Heim ankam, sei ihr erster Eindruck gewesen: "Was für eine Katastrophe. Was ich vorgefunden habe, war ein sehr übel riechendes Haus. Wir haben Dinge gemacht, die dort scheinbar nie stattgefunden haben: Wir haben die Leute geduscht. Wir haben die Rollatoren und Rollstühle saubergemacht."

Im Juni 2020 wurde ihr gekündigt – aus Kostengründen, vermutet sie. Im Juli kam es zu dem Übergriff auf Katharina Bartonitz. Sylvia Schäfer glaubt, dass dieser Vorfall auch mit einem extremen Personal- und Fachkräftemangel zusammenhängen könnte, denn: Gerade demente Bewohner bräuchten Ansprache und Fürsorge. "Sie leben in einer Gefühlswelt." Deswegen müsse immer jemand da sein, den die dementen Bewohner ansprechen können. Wenn sich bei Dementen Emotionen aufstauen, könne es zu Aggressionen kommen – und in schlimmsten Fall zu einem Übergriff.

"Alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt"

Die Betreiberfirma Sereni Orizzonti des Heims schreibt dem Bayerischen Rundfunk, man habe beim Personal "immer die gesetzlichen Anforderungen" erfüllt. Vom Landratsamt Miesbach dagegen heißt es im vergangenen Sommer, die Personalfachkräftequote werde "geringfügig unterschritten".

Zum Todesfall von Katharina Bartonitz schreibt der Heimleiter, es sei nicht möglich, die Handlungen und das Verhalten von Menschen mit Demenz vorherzusagen. Zudem streitet der Heimbetreiber ab, an Pflege und Qualität zu sparen.

Pflegebedürftige fühlen sich zu oft ausgeliefert

Der Pflegewissenschaftler Prof. Jürgen Osterbrink betont, gerade jetzt, zu Pandemiezeiten, sei die Pflege in der Langzeitversorgung ein "knochenharter Job". Aber: Das Personal brauche mehr Qualifikationen, um Gewalt zu verhindern. Dazu zählt der Gewaltforscher schon, wenn Heimbewohner am späten Nachmittag das Abendessen vorgesetzt bekommen und ins Bett gelegt werden zum Schlafen – obwohl sie das nicht möchten. Pflegebedürftige sollten sich nicht ohnmächtig und ausgeliefert fühlen. Dann sei die Gefahr des Machtmissbrauchs groß. Den Fall der Seniorenresidenz Schliersee sieht er als Extremfall, allerdings nicht als Einzelfall.

"Wenn Menschen verhungern und verdursten, wenn sie für lange Zeit in eigenen Ausscheidungen verharren müssen, dann ist das keine adäquate Pflege. Dann sprechen wir in der Gewaltforschung eher von Folter." Prof. Jürgen Osterbrink, Pflegewissenschaftler an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg

Hier geht es zum Podcast: Tatort Seniorenresidenz - Verdacht auf Körperverletzung in 88 Fällen

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