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Nach dem Fund von 150 toten, wahrscheinlich verhungerten Rindern auf einem Zuchtbetrieb bei Rothenburg ist Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner "fassungslos". Sie fordert Aufklärung und ein Tierhaltungsverbot für den Landwirt.

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150 Rinder in Mastbetrieb verhungert: Ruf nach Konsequenzen

150 Rinder sind in Mittelfranken qualvoll verendet. Die Polizei verdächtigt den Landwirt, die Tiere vernachlässigt zu haben. Politiker setzen auf eine rasche Aufklärung des Falls. Tierschützer fordern strukturelle Veränderungen.

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Von
  • Jonas Miller

Es war ein erschreckender Anblick, den Polizisten zu Pfingsten in einem Stall bei Rothenburg ob der Tauber ertragen mussten: Die Beamten entdeckten nach einem anonymen Hinweis 150 qualvoll verendete Rinder, dazwischen noch 50 lebende in einem desolaten Zustand.

"Wir gehen davon aus, dass die Tiere über einen längeren Zeitraum nicht versorgt wurden", sagte Michael Petzold vom Polizeipräsidium Mittelfranken. "Fakt ist, dass die Tiere extrem vernachlässigt waren." Gegen den Landwirt wird wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz ermittelt. Bundes- und Staatsregierung wollen eine umfangreiche Aufklärung des Falls, die Opposition fordert bessere Kontrollen.

Politiker fordern Aufklärung

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) reagierte entsetzt auf den Tod der Rinder in dem Mastbetrieb. "Ich bin fassungslos, dass so etwas passieren kann", teilte sie mit. "Der Vorgang muss umfassend aufgeklärt und hier ein Tierhaltungsverbot ausgesprochen werden." Das wirksamste Instrument, um Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zu dokumentieren und letztlich zu sanktionieren, seien wirksame Vor-Ort-Kontrollen, so das Bundeslandwirtschaftsministerium auf BR-Anfrage. Hierfür seien allein die Bundesländer und ihre Behörden zuständig. Es sei ihre Aufgabe, eine angemessene Kontrolldichte sicherzustellen und für das hierfür notwendige Personal zu sorgen, so das Ministerium weiter.

Bayerns Umwelt- und Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber von den Freien Wählern betonte: "Tierschutz ist ein hohes Gut. Grundsätzlich gilt: Verstöße gegen den Tierschutz sind nicht hinnehmbar und müssen Konsequenzen haben. Es braucht jetzt umfassende Aufklärung durch die Ermittlungsbehörden", sagte Glauber zum BR. Das Ministerium habe einen Bericht von den zuständigen Behörden vor Ort angefordert.

SPD fordert bessere Kontrollen

In diesem Fall sind das das Landratsamt und das Veterinäramt in Ansbach. Der betroffene Betrieb sei 2017 und 2018 zum letzten Mal kontrolliert worden, sagte die Sprecherin des Landratsamtes, Josephine Georgi. Tierschutzverstöße seien nicht festgestellt worden, der Stall sei in gutem Zustand gewesen, Futter ausreichend vorhanden. Es gebe keine gesetzliche Vorgaben, in welchen Abständen Vieh-Betriebe kontrolliert werden müssten, erläuterte die Sprecherin. Diese werden anlass- und risikobezogen durchgeführt. Einen festen Turnus - zum Beispiel jährlich - könnte das Veterinäramt nicht leisten.

Die SPD-Fraktion im bayerischen Landtag fordert bessere und gezieltere Kontrollen, um solche Missstände in Zukunft zu vermeiden. Der Vorfall beweise, dass die Staatsregierung immer noch nicht genug kontrolliere, heißt es von Ruth Müller, der agrarpolitischen Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion.

Tierschützer wollen mehr Personal in den Veterinärbehörden

Auch die Tierrechtsorganisation PETA und die Aktionsgruppe Tierrechte Bayern kritisieren die wenigen Kontrollen in Landwirtschaftsbetrieben im Freistaat. Tierhaltungsbetriebe in Deutschland würden im Schnitt nur alle 17 Jahre von den Behörden kontrolliert. Das hätte eine Kleine Anfrage der FDP im Bundestag vor drei Jahren ergeben. In Bayern fänden demnach nur alle 48 Jahre Tierschutzkontrollen durch die Veterinärbehörden statt, so die Tierschützer.

"In Bayern brauchen Landwirtinnen und Landwirte zu Lebzeiten praktisch gar nicht mit behördlichen Kontrollen zu rechnen, so gering sind die Kontrollintervalle. Ein Skandal folgt dem anderen, weil Agrarbetriebe die Nachlässigkeit der Regierung schamlos ausnutzen und Tiere wie Gegenstände behandeln“, so Edmund Haferbeck, Leiter der Rechts- und Wissenschaftsabteilung bei PETA. Die Tierrechtsorganisation fordert Verbraucherschutzminister Glauber auf, die Behördenkapazitäten für jährliche Kontrollen aufzustocken.

Bauernverband zeigt sich überrascht

Wieso das Elend der Rinder erst jetzt bekannt wurde, war zunächst unklar. Der Mastbetrieb liegt in einer dünn besiedelten Region, die stark ländlich geprägt ist. Wie lange die Rinder schon vernachlässigt wurden, wollen die Ermittler jetzt klären. Dabei arbeiten sie mit der Staatsanwaltschaft, dem Landratsamt und dem Veterinäramt zusammen. Die toten Rinder wurden nach Angaben des Landratsamtes abtransportiert, die übrigen werden auf dem Hof versorgt und von Tiermedizinern überwacht.

Der Besitzer des Mastbetriebs nahe Rothenburg befindet sich in ärztlicher Behandlung, heißt es von Seiten des Bayerischen Bauernverbands Mittelfranken. Dieser zeigte sich überrascht, dass es soweit kommen konnte: "In Notlagen sind wir Ansprechpartner für die Betriebsleiter, für die Familien. Das wird auch in Anspruch genommen aber nach unserem aktuellen Kenntnisstand ist das bisher in diesem Fall leider nicht erfolgt und wir sind mit der ganzen Entwicklung am Sonntagvormittag auch überrascht worden", so Ottmar Braun, Geschäftsführer Bezirksverband Mittelfranken des Bayerischen Bauernverbands zum BR.

Tierschutzskandal erschütterte 2019 Bayern

Erst vor zwei Jahren hatten Videoaufnahmen von misshandelten Kühen viele Menschen in Bayern erschüttert. Die Aufnahmen lösten den sogenannten Allgäuer Tierschutz-Skandal aus. Zu sehen war dort unter anderem, wie Kühe getreten und geschlagen oder mit einem Traktor durch einen Stall geschleift werden.

Mehrere Höfe aus dem Allgäu gerieten daraufhin in den Fokus von Kontrollbehörden und Ermittlern. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Verantwortliche mehrerer Betriebe und erhob erste Anklagen. Die Prozesse haben allerdings noch nicht begonnen.

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