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100 Tage im Amt: aus Würzburger Wahlkämpfern werden Kollegen | BR24

© BR/Thomas Pietzsch-Woitas

Würzburgs CDU-Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Klimabürgermeister Martin Heilig von den Grünen

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    100 Tage im Amt: aus Würzburger Wahlkämpfern werden Kollegen

    Im Würzburger Oberbürgermeister-Wahlkampf waren Christian Schuchardt (CDU) und Martin Heilig (Grüne) noch Kontrahenten. Jetzt sind sie Kollegen. Schuchardt ist OB geblieben, Heilig steht als neuer "Klimabürgermeister" unter besonderer Beobachtung.

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    Ein Rückblick in den Würzburger Ratsaal, der Abend der Kommunalwahl am 15. März 2020. Die Oberbürgermeisterwahl ist ausgezählt - und schon nach dem ersten Wahlgang steht fest: Amtsinhaber Christian Schuchardt (CDU) hat es geschafft. Sein Herausforderer Martin Heilig gratuliert, Kameras halten den Handshake fest. Aber Heilig verbirgt auch seine Enttäuschung nicht. "Ich hätte mir schon sehr eine Stichwahl und dann einen Sieg gewünscht, um die grünen Themen hier endlich voranzubringen", sagt er am Wahlabend. Fünf Monate später dürfte die Enttäuschung verflogen sein. Denn Martin Heilig ist inzwischen "Klimabürgermeister", der erste in Würzburg und der erste in Bayern. Ein "Traumjob", in dem der Grüne liefern will - und auch liefern muss.

    Start mit Zwischentönen: Kritik an hauptamtlichen Bürgermeistern

    Der Start ins Amt war nicht frei von Zwischentönen. Heiligs Wahl als neuer, nun erstmals hauptamtlicher Bürgermeister stieß durchaus auf Kritik, etwa in den Reihen der SPD oder der Linken-Fraktion. Gleiches gilt für die Wahl von Judith Jörg (CSU), die nun als ebenfalls hauptamtliche Bürgermeisterin die Bereiche Schule und Sport verantwortet. Auch aus den eigenen Reihen musste sich der neue "Klimabürgermeister" Kritik anhören, etwa von der Grünen Jugend. Zwei hauptamtliche Bürgermeister würden "eine deutliche Belastung des städtischen Haushalts" bedeuten, was gerade angesichts der Corona-Pandemie unangebracht sei, hieß es vom Partei-Nachwuchs. Zugleich kündigte die Grüne Jugend an, Heilig nun ganz besonders an seinen Ergebnissen zu messen.

    © BR

    Martin Heilig gratuliert Christian Schuchardt zum Wahlsieg bei der Würzburger OB-Wahl 2020

    Orientierungsphase im "Neuland Stadtverwaltung"

    Gibt es bereits Ergebnisse? Wie sind die ersten 100 Tage des neuen "Klimabürgermeisters" verlaufen? Während Christian Schuchardt als OB in der zweiten Amtszeit und zuvor schon als Würzburger Kämmerer die Stadtverwaltung bestens kennt, ist diese ziemlich spezielle Arbeitsumgebung für Martin Heilig Neuland. Und so ging es für den vorherigen Fachoberschullehrer zunächst darum, sich mit Mitarbeitern, Abteilungen und Strukturen vertraut zu machen. Heilig selbst beurteilt diese Phase positiv:

    "Ich wurde super aufgenommen in der Verwaltung. Gerade im Umwelt- und Klimabereich sind alle froh, dass dieses Thema jetzt aufgewertet wird. Klima- und Umweltschutz ist ein Mega-Thema, das angegangen werden muss. Deswegen bin ich jeden Tag, den ich vor Ort bin, überzeugter davon: Es war richtig, das mit einem Bürgermeisteramt zu verbinden." Martin Heilig, Würzburger "Klimabürgermeister"

    Kritiker vermissen eine "eigene Handschrift"

    Andere sehen das anders, auch im Würzburger Stadtrat. Willi Dürrnagel beispielsweise, der seit 48 Jahren und nach mehreren Fraktionswechseln inzwischen für die Würzburger Liste im Stadtrat sitzt, vermisst bisher "eine eigene Handschrift" des neuen Bürgermeisters.

    "Man muss Martin Heilig zugute halten, dass er Zeit braucht, um die Mechanismen in der Verwaltung zu durchschauen. Aber ich vermisse doch etwas den Biss. Er ist gewiss guten Willens, aber es ist ihm meiner Meinung nach bisher nicht gelungen, eigene Akzente zu setzen - gerade auch im Hinblick auf den Oberbürgermeister, der viel Erfahrung mitbringt." Willi Dürrnagel, Stadtrat Würzburger Liste

    "Klimabürgermeister" verweist auf erste Impulse

    Martin Heilig wiederum sieht im Zusammenspiel mit Oberbürgermeister Christian Schuchardt, dem ehemaligen Kontrahenten, bisher keine Probleme. Man arbeite "sehr gut zusammen", so Heilig. "Uns beiden geht es um die Stadt, das ist entscheidend. Und keiner nimmt dem anderen die Butter vom Brot. Man gönnt sich die Erfolge." Aber gibt es denn schon Erfolge? Als Anfang Juli in Würzburg die ersten Elektrobusse für den Linienverkehr präsentiert wurden, war auch Heilig vor Ort, postete in den Sozialen Netzwerken ein Foto im grünen Ohrensessel vor dem E-Bus - und erntete prompt Kritik. Heilig würde sich mit fremden Federn schmücken, hieß es. Heilig selbst macht keinen Hehl daraus, dass die E-Busse vor seiner Amtszeit auf den Weg gebracht wurden. Aber er verweist auch darauf, bereits eigene Impulse gesetzt zu haben.

    "Wir pflanzen in diesem Jahr 5.000 Bäume mehr in Würzburg, weil ich im Amt bin. Ich habe erreicht, dass unsere Straßenbahn während der Ferien nicht im Sommerfahrplan fährt und der Takt beibehalten wird. Und in der Verkehrsentwicklung bin ich dabei, die Zuständigkeiten in meinem Ressort zu bündeln, die vorher über fünf verschiedene Stellen in der Verwaltung verteilt waren. Ich will, dass die Verkehrswende schneller vorankommt." Martin Heilig, Würzburger "Klimabürgermeister"

    "Pop-Up-Radwege" fanden in Würzburg keine Mehrheit

    Ein weiterer Erfolg, so Heilig, sei außerdem, dass auf der Einfahrtstraße aus Richtung Höchberg nun eine eigene Busspur installiert werde, die auch von Radfahrern genutzt werden soll. Aber auch es gibt auch schon Rückschläge: Das in Corona-Zeiten hochaktuelle Thema "Pop-Up-Radwege" erreichte in Würzburg, anders als in den meisten bayerischen Großstädten, keine Mehrheit. Erst wurde ein Dringlichkeitsantrag im Stadtrat in den Ausschuss verwiesen, dort fehlten dann die nötigen Stimmen. Für Heilig auch ein Zeichen dafür, dass "sich im neu besetzten Stadtrat mit den veränderten Mehrheiten und vielen neuen Kolleginnen und Kollegen erstmal einiges zurechtfinden" müsse.

    Heilig: Ziele sollen ab Herbst "konkret umsetzen"

    100 Tage im Amt sind keine lange Zeit. Noch kann und muss die Phase des Zurechtfindens zugestanden werden, zur Orientierung im neuen Stadtrat und im neuen Job. Aber: Nach der Sommerpause sollte Martin Heilig dann in die Vollen gehen. Denn Entfaltungsmöglichkeiten und Luft nach oben gibt es reichlich für den ersten Würzburger "Klimabürgermeister". Und das scheint keiner besser zu wissen als Martin Heilig selbst.

    "Ich bin mir bewusst, dass ich unter besonderer Beobachtung stehe. Aber wie heißt es: Wer keinen Dampf verträgt, soll nicht in die Küche gehen. Ich habe mich jetzt eingearbeitet und weiß, wo ich hin will. Und ab Herbst geht es dann darum, meine Ziele nach und nach abzuarbeiten und umzusetzen: zum Beispiel Ausbau der Solarenergie, energetische Sanierung der Schulen, Ausbau der Radwege. Da freue ich mich sehr drauf." Martin Heilig, Würzburger "Klimabürgermeister"

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