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Verbale Fouls und Eigentore von Strauß, Stoiber und Co. | BR24

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Schlachtenbummler, heiße Reden und heisere Redner

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Verbale Fouls und Eigentore von Strauß, Stoiber und Co.

Der politische Aschermittwoch wird 100 Jahre alt: 1919 rief der Bauernbund erstmals zu einer politischen Kundgebung in Vilshofen auf. Bis heute faszinieren die Fernduelle der Parteien die Menschen, denn dort wird Politik zum Spektakel.

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Wenn sich mehrere tausend Schlachtenbummler aufmachen, um der eigenen Mannschaft zuzujubeln, dann geht es nicht immer ins Stadion - auch wenn die Stimmung beim politischen Aschermittwoch durchaus etwas von einem Bundesligaspiel hat. Am Aschermittwoch steht aber der Gewinner eigentlich schon im Voraus fest.

"Bayern spielt in der Champions League: sichere Arbeitsplätze, gesunde Finanzen, beste Bildung, hohe Sicherheit, blühende Kultur. Bayern ist mit Abstand das stärkste Land in Deutschland und steht an der Spitze in ganz Europa. Das hat mit Euch zu tun, aber auch mit der CSU und mit unserer Politik." Damaliger CSU-Chef Horst Seehofer beim politischen Aschermittwoch 2013

Politische Fouls werden am Aschermittwoch erwartet

Das ganze Jahr über ist die politische Arbeit in der Regel ein Ringen um Kompromisse, um Mehrheiten. Am Aschermittwoch aber ist alles anders: Am ersten Tag der Fastenzeit wird daraus ein ganz einfaches "Wir gegen die anderen". Und da werden Fouls nicht bestraft, sondern erwartet.

So rief Seehofer 2009 der Menge zu: "Mit einem hat Franz Josef Strauß immer noch recht: Irren ist menschlich, immer irren ist sozialdemokratisch."

Rededuell aus der Ferne

Die Kontrahenten stehen sich nicht direkt gegenüber. Die CSU ist seit 1975 in Passau, die SPD traditionell in Vilshofen, die Grünen treffen sich in Landshut, die FDP in Dingolfing. Die Freien Wähler, die in Bayern seit Herbst mitregieren, haben sich Deggendorf ausgesucht. Die AfD trifft sich in Osterhofen. Das Rededuell aus der Ferne, auch das macht den Aschermittwoch aus.

Anders als beim Fußball sind die Mannschaften und ihre Anhänger unter sich, die eigene Meinung bleibt unwidersprochen - heute würde man das vielleicht Filterblase nennen. Auf eine ganz ähnliche Form der politischen Auseinandersetzung spielte 2000 Edmund Stoiber an:

"Die Menschen reden an den Stammtischen häufig intensiver über die Probleme, Nöte und Sorgen, die sie haben. Und deswegen: Die CSU ist stolz darauf und kämpft dafür, die Lufthoheit über den Stammtischen zu erhalten oder zu erringen, wo wir sie nicht haben." Edmund Stoiber im Jahr 2000

Auftritte von Westerwelle, Steinbrück und Co.

Der Angstgegner ist seit jeher die CSU. Die anderen Parteien - allen voran die leidgeplagten Sozialdemokraten - holen sich an diesem Tag Schützenhilfe. So wird Niederbayern zum Pilgerort für Bundespolitiker aller Couleur: Parteivorsitzende, Bundesminister, Kanzlerkandidaten und andere Politiker aus allen Ecken der Bundesrepublik haben schon in den verbalen Schlagabtausch mit eingestimmt.

"Ich habe richtige Lust auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit Edi als Kanzlerkandidat", rief 2000 Außenminister Joschka Fischer (Grüne) an die Adresse von Stoiber. 2006 polterte FDP-Chef Guido Westerwelle: "Herr Stoiber sollte nicht im Trachtenanzug auf seine Aschermittwochskundgebung gehen, sondern im Büßerhemd, das wäre die angemessene Kleidung für den CSU-Vorsitzenden." Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zeigte sich 2013 angriffslustig: "Die CSU steht in Berlin unter Artenschutz, aber nicht mehr auf der großen Bühne. Sie besteht aus Verbal-Radikalinskis, aus Profilneurotikern."

CSU hat Heimvorteil beim politischen Aschermittwoch

Sie alle mussten gegen bayerische Ministerpräsidenten antreten. "Lieber Peer Steinbrück, lieber den Mund zuhalten, als die Hand aufhalten, das ist ein guter Rat", spottete Seehofer im selben Jahr. Aber egal, welche Prominenten aus dem Bund nach Niederbayern reisen - die CSU hat den Heimvorteil. Das liegt natürlich auch an einem Politiker, der das Ritual des politischen Aschermittwochs verstanden und geprägt hat wie niemand vor oder nach ihm: Franz Josef Strauß. "Im Vergleich zu den Sozialdemokraten war Kolumbus noch ein Anfänger", rief Strauß beispielsweise 1977. "Auch er hat nicht gewusst, woher er kam, er hat nicht gewusst, wohin er fuhr, als er ankam, hat er nicht gewusst, wo er war, als er zurückkam, konnte er nicht sagen, wo er gewesen war, und all das mit fremdem Gelde."

Das große Vorbild Franz Josef Strauß

Strauß ist und bleibt das große Vorbild, an dem sich alle Redner am politischen Aschermittwoch messen lassen müssen. Sogar er selbst.

"Entweder beschränkt man sich auf einige kraftvolle Aussagen, denen natürlich sofort der Ruch der Demagogie angehängt wird. Dann heißt es, man habe mit billigen und plumpen Emotionen versucht, Begeisterungsstürme zu entfesseln. Oder man spricht sachgebunden. Dann heißt es, so ganz ist er auch nicht mehr der Alte. Er reißt sie auch nicht mehr hoch von den Stühlen. Sie sagen, der Franz Josef hat auch schon stark nachgelassen." Franz Josef Strauß

Auch wenn Strauß das nicht beim Aschermittwoch gesagt hat, sondern ein paar Tage später in München - es beschreibt das Dilemma des Redners treffend.

Eigentore der CSU: "Saludos, Amigos"

Aber selbst die sonst so immer siegessichere CSU hat sich in Passau schon Eigentore geleistet - etwa im Jahr 2002, als ein zuversichtlicher Unions-Kanzlerkandidat Stoiber nach seiner Rede versprach: "Die Zugabe gibt es im nächsten Jahr, wenn zum ersten Mal der deutsche Bundeskanzler in Passau am Aschermittwoch spricht."

Zum geflügelten Wort wurde aber ein anderer Spruch, von Stoibers Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten. Als Max Streibl 1993 in Passau ans Rednerpult tritt, hatte ihn die sogenannte Amigo-Affäre schon ziemlich gebeutelt: "Freunde zu haben, ist das eine Schande bei uns in der CSU? Und deswegen: Saludos, Amigos!" Drei Monate später trat Streibl zurück. Sein Spruch, am politischen Aschermittwoch als Scherz gedacht, hatte ihn eingeholt. Politik ist am Aschermittwoch eben doch ein wenig wie Fußball: Wenn da der Trainer seine Mannschaft nicht im Griff hat, dann ist er schnell seinen Job los.

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Der politische Aschermittwoch ist eine bayerische Tradition, die aus der Faschingszeit nicht wegzudenken ist. Aber wie kam es dazu? #fragBR24