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100 Jahre Bergwacht: Von der "Sittenwacht" zum Rettungsdienst | BR24

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Seit 100 Jahren sind die ehrenamtlichen Helfer in den Bergen unterwegs - anfangs vorwiegend, um auf die Einhaltung für Ordnung zu achten. 1920 gründeten im Münchner Hofbräuhaus Vertreter von Alpen- und Wandervereinen eine "Natur- und Sittenwacht".

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100 Jahre Bergwacht: Von der "Sittenwacht" zum Rettungsdienst

Edelweiß first: Vor hundert Jahren wurde im Münchner Hofbräuhaus die Bergwacht gegründet. Während sie heute vor allem rettet, achtete sie früher auf die Blumen und gutes Benehmen am Berg. Probleme mit Massenansturm gab es aber auch damals schon.

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Während im Jahr 2020 am Berg Influencer auf Selfie-Jagd gehen, waren die Wanderer früher auf der Jagd nach Edelweiß. Um die Blumen vor der Ausrottung zu bewahren, mussten sie oben am Berg bewacht werden: die Geburtsstunde der Bergwacht.

Der Name Bergwacht verweist also auf den Gründungsgedanken der Organisation, den Naturschutz. Noch heute gehört der Naturschutz zur Ausbildung in der Bergwacht – auch wenn die Rolle des modernen Naturschutz- und Sittenwächters am Berg heute der Deutsche Alpenverein übernommen hat.

Vom Alpenverein zum Bayerischen Roten Kreuz

Dabei war die Bergwacht bis 1945 an den Alpenverein angedockt. Wegen seiner schwierigen NS-Vergangenheit wurde der jedoch 1945 verboten. Die Bergwacht bekam ein neues Zuhause beim Bayerischen Roten Kreuz, dem sie bis heute angehört. Daraus leitet sich auch einer der Grundsätze der Bergwacht ab: Neutralität. "Wir sind Retter, keine Richter", lautet deshalb der Lieblingssatz von Bergrettern in Interviews. In der Öffentlichkeit werden sie niemanden verurteilen, und sei der vorangegangene Unfall noch so selbstverschuldet.

Erste Lebendrettung aus der Eigernordwand

Gerade die Einsätze in großen Wänden sind es, die die Bergrettung voranbringen. So auch bei einem der berühmtesten Einsätze: Der ersten Lebendrettung aus der Eiger-Nordwand im Jahr 1957. Der Italiener Claudio Corti und andere Bergsteiger sitzen damals bei Schneesturm im oberen Wandteil fest. Als Bergwacht-Pionier Ludwig Gramminger von der Bergwacht München im Radio davon erfährt, wird er sofort aktiv. Mit einem internationalen Rettungsteam zieht Gramminger den halb erfrorenen Corti an einem Stahlseil mehr als 300 Meter die Wand hoch.

In ganz Bayern Bergretter vor Ort

Heute werden fast ein Fünftel aller Einsätze per Hubschrauber abgewickelt. Damit das klappt, müssen alle aktiven Einsatzkräfte jährlich trainieren. So will man in ganz Bayern Retter vor Ort haben, die Luftrettung beherrschen und auch sonst denselben Ausbildungsstand haben. Für den stellvertretenden Landesleiter der Bergwacht, Thomas Lobensteiner, ein Vorteil des Ehrenamts: "Wir haben in jeder Region eine gewisse Anzahl an Bergrettern immer vorgehalten. Für kleine Einsätze, aber auch für Großlagen. Zum Beispiel beim Lawinenunglück, wo 40 bis 50 Leute im Einsatz sind. Das kann keine hauptamtliche Organisation kostendeckend durchführen."

© C. Vogg/Bergwacht Bayern

100 Jahre Bergwacht Bayern

Große Belastung in den Hotspots

Doch das Ehrenamt hat Grenzen. Gerade in den Hotspots rund um Berchtesgaden, Garmisch-Partenkirchen und Oberstdorf ist der Druck enorm. Allein im vergangenen Juli gab es in Oberstdorf rund 70 Einsätze, davon bis zu neun täglich. Wer da als Retter Bereitschaftsdienst hat, kommt kaum zum Arbeiten. Das geht nur, wenn die Arbeitgeber mitspielen und ihre Angestellten für die Bergrettung gehen lassen, sagt Karsten Menzel, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Oberstdorf: "Es kann jederzeit kippen. Wenn von drei, vier Leistungsträgern möglicherweise die Arbeitgeber sagen: Es geht nicht mehr, und das nicht mehr zulassen, wäre es möglich, dass uns da Einsatzkräfte und Einsatzleiter wegbrechen. Aber im Moment haben wir das Problem nicht."

Ehrenamtliche Struktur zu langsam

Weiter östlich in Berchtesgaden ist die Situation ähnlich. Dort leistet man sich eine bezahlte Kraft, die neben Schreibtischarbeit auch Rettungen durchführt. Um den staatlichen Auftrag der Bergrettung erfüllen zu können, muss man komplett neu denken, sagt der Bereitschaftsleiter der Bergwacht Berchtesgaden, Thomas Stöger. Die ehrenamtliche Struktur der Bergwacht sei dafür zu langsam. "Die Bergwacht kann nur bestehen, wenn man es schafft, dass man flexibel bleibt, dass man auf neue oder stärker werdende Herausforderungen schnell kompetente und brauchbare Antworten findet. Das ist bei der ehrenamtlichen Struktur der Bergwacht ganz schwierig. Wir hinken den Ereignissen immer um ein paar Jahre nach", sagt Stöger.

Allein 120 Einsätze hatte die Bergwacht über Pfingsten abzuarbeiten. Die Pandemie mit einem "Sommer dahoam" wird den Druck auf Bayerns Berge, je nach Wetter, noch erhöhen.

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Relativ weit weg von den Alpen, nämlich im Münchner Hofbräuhaus, trafen sich vor 100 Jahren einige Bergfreunde. Sie gründeten am 14. Juni 1920 die Bayerische Bergwacht.

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