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Zehn Jahre nach Brunners Tod – Zivilcourage wird immer wichtiger | BR24

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Denkmal für Dominik Brunner auf dem S-Bahnsteig Solln

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Zehn Jahre nach Brunners Tod – Zivilcourage wird immer wichtiger

Vor zehn Jahren starb Dominik Brunner, weil er Zivilcourage zeigte. Viele Menschen, sagt ein Professor von der LMU-München, hätten nicht den Mut einzuschreiten. Dabei habe die Verrohung der Gesellschaft zugenommen.

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Professor Dieter Frey von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erforscht, wann Menschen angesichts von Unrecht und Gewalt Zivilcourage zeigen und warum andere einfach wegsehen. Die Resultate seiner Forschung bezeichnet er selbst als erschreckend.

Die Gewalt in der Gesellschaft nimmt zu

"Die Verrohung in der Gesellschaft hat zugenommen. Das heißt, der Prozentsatz derjenigen, die aggressives Verhalten gegenüber anderen zeigen, wird immer größer. Es ist einfach wichtig, dass es Menschen gibt, die hier einschreiten, die Zivilcourage zeigen", so Frey. "Es ist einfach kein Respekt mehr vorhanden, und es ist vielen nicht mehr klar, was sich gehört."

Die meisten Menschen trauen sich nicht, einzugreifen

"80 bis 90 Prozent der Menschen, die sich in Situationen wiederfinden, in der offensichtlich Unrecht oder sogar ein Verbrechen geschieht, haben nicht den Mut, Zivilcourage zu zeigen. Sie bleiben passiv." Professor Dieter Frey

Eine nicht repräsentative Straßenumfrage scheint das zu bestätigen. Befragt nach ihrer Zivilcourage angesichts einer gefährlichen Situation, geben die meisten Menschen zu, dass sie Bedenken hätten einzugreifen.

"Ich behaupte einmal gern 'Ja', aber man müsste in der Situation sehen, wie man sich verhält. Ich glaube, sein eigenes Leben bereitwillig aufs Spiel zu setzen, um jemanden zu schützen, ist schon schwierig …"

"… schwierige Situation, man weiß nicht, wie man in dem Moment reagieren soll, aber auf jeden Fall Polizei anrufen und schauen, ob sich vielleicht jemand in der Nähe befindet, der vielleicht helfen könnte, ein Mann der größer ist, vom Körper her … genau, ich allein würde vielleicht nichts machen können."

" … würde ich gern 'Ja' sagen, aber, glaube ich, erst einmal nicht, realistischerweise. Wahrscheinlich hätte ich zu viel Angst, weil die Leute heute zu aggressiv sind. Das habe ich schon zu oft gesehen … Ich würde mich gern mehr engagieren, würde es aber eher nicht machen."

Der Fall Brunner: Ein Mann will helfen - und bezahlt mit seinem Leben

Aber kann man den Menschen vorwerfen, dass sie Angst haben, sich couragiert zu zeigen? Am 12. September 2009 war der 50-jährige Manager Dominik Brunner im Münchner Stadtteil Solln eingeschritten, hatte sich jugendlichen Gewalttätern entgegengestellt, die andere Jugendliche bedrohten.

Einer der Täter schlug Brunner nieder und trat dann auf den 50-Jährigen ein, als dieser bereits am Boden lag. Dieser zur Tatzeit 18 Jahre alte Haupttäter büßte seine Haftstrafe von neuen Jahren und zehn Monaten voll ab. Nun ist er frei, muss aber eine Fußfessel tragen. Der wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu sieben Jahren verurteilte Mittäter kam nach fünf Jahren wegen guter Führung frei.

Brunner hatte sich allein in den Konflikt eingemischt. Ein jugendlicher Zeuge sagte später unter Tränen aus, er habe um Hilfe gerufen, andere zum Handeln aufgefordert, musste aber fassungslos erleben, dass keiner dazu bereit war.

Dominik Brunner, der Einzige, der Zivilcourage gezeigt hatte, lag sterbend am Boden, bezahlte seinen couragierten Einsatz mit dem Leben.

Zivilcourage kann man lernen

Trotzdem sagt Andreas Voelmle: "Jeder kann und sollte zivilcouragiert handeln. Wir empfehlen darum, ein Zivilcourage-Training zu machen. Die gibt es überall in Deutschland, da kann man trainieren, wie man einschreitet und was man vermeiden sollte."

Voelmle ist Vorstand der Dominik-Brunner-Stiftung. Er hat Dominik Brunner persönlich gekannt und setzt sich heute in seinem Sinne für mehr Zivilcourage in der Gesellschaft ein. Die Stiftung initiiert und unterstützt Trainingskurse für Zivilcourage finanziell.

Wichtig: Deeskalieren, andere einbinden, Polizei rufen!

In den Kursen wird den Teilnehmern Mut gemacht zu handeln, aber sie lernen auch, dies nicht auf eigene Faust zu tun, sondern wenn möglich, andere Passanten einzubinden. Das senkt die Hemmschwelle einzugreifen und reduziert auch das Risiko, selbst zum Opfer zu werden. Wichtig ist auch, deeskalierend zu wirken und im Zweifelsfall immer die Polizei zu rufen.

"Und trotzdem ist es immer ein Risiko", gibt Voelmle auch zu bedenken. "Ich muss immer davon ausgehen, dass für mich selbst Nachteile entstehen können, und deshalb ist Zivilcourage ein Frage des Mutes, weil man mit einkalkulieren muss, dass es unter Umständen Nachteile für einen bringt."

Mutige Helfer haben Vorbildfunktion

Aber vielleicht hätte Dominik Brunner mit dem Wissen aus einem Zivilcourage-Training einen Weg gefunden, die Situation zu entschärfen. "Wir sind sehr erfreut über die große Nachfrage nach unseren Kursen, das macht uns Hoffnung", sagt Voelmle.

Auch Professor Frey ist nicht ohne Hoffnung: "Jetzt könnte man verzweifeln, wenn 80 bis 90 Prozent keine Zivilcourage zeigen. Aber tatsächlich bin ich froh, wenn zehn oder 20 Prozent einschreiten, weil dann auch die Chance besteht, dass andere mitmachen, die allein nicht gehandelt hätten."

© BR24

Angesichts der Verrohung der Gesellschaft und der zunehmenden Gewalt gegen Einsatzkräfte wird immer wichtiger, dass Menschen nicht wegsehen, sondern auch beherzt eingreifen. Zivilcourage ist gefragt.