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Bildrechte: TEPCO/EPA/dpa/Kujath

Die Atomkatastrophe von Fukushima in Japan jährt sich heute zum zehnten Mal. Peter Kujath war 2011 als ARD-Korrespondent vor Ort und hat das Unglück hautnah miterlebt.

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10 Jahre Atomkatastrophe Fukushima: ARD-Reporter blickt zurück

Am 11. März 2011 begann mit einem schweren Erdbeben die Atomkatastrophe von Fukushima in Japan. Peter Kujath war damals als ARD-Korrespondent vor Ort. Heute lebt er in Niederbayern - und erinnert sich im BR-Interview an das Unglück.

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Von
  • Konstantin König
  • BR24 Redaktion

Die Atomkatastrophe von Fukushima in Japan jährt sich heute zum zehnten Mal. Peter Kujath war 2011 als Korrespondent vor Ort und hat das Unglück hautnah miterlebt. Mittlerweile lebt Peter Kujath mit seiner Frau auf einem Hof in Niederbayern. Im Gespräch mit dem BR erinnert er sich zurück an die beklemmende Zeit vor zehn Jahren.

BR-Reporter Konstantin König: Herr Kujath, wie hat die Fukushima-Katastrophe ganz persönlich für Sie begonnen?

Peter Kujath: Das Entscheidende war für meine Frau und mich das Erdbeben. Wir hatten zwar schon mehrere kleine Erdbeben erlebt, weil in Japan die Erde permanent bebt, doch so ein großes Erdbeben war uns bis dahin erspart geblieben. Es wackelte alles bei uns, die Bücher fielen heraus, zum Glück kippte kein Schrank um, es ging auch nichts zu Bruch. Es war auch in Tokio klar, da ist etwas Größeres passiert. Als Korrespondent, gerade in einem Erdbebengebiet, weißt du was das Nächste ist. Du gehst sofort zum Computer, schaust nach, was das für ein großes Erdbeben gewesen sein könnte.

Die staatliche Erdbebenseite zeigte an, dass es ein richtig großes Erdbeben in der Nähe von Fukushima gewesen war. Damit war klar, dass ich darüber größer berichten werde. Zu diesem Zeitpunkt war aber nur klar, dass es ein Erdbeben war und ein Tsunami kommen könnte. Ich begann dann mit der Berichterstattung. Die Atomkatastrophe von Fukushima war erst der dritte Schritt.

Wie waren die folgenden Tage und Wochen für Sie?

Ich möchte so etwas auch nicht mehr erleben müssen. Als ARD-Korrespondent war ich für alle Radio-Programme zuständig und es riefen alle Sender an. Ich war nur noch mit Telefongesprächen beschäftigt. Gleichzeitig haben wir überlegt, wie wir - meine Frau, die Mitarbeiterinnen und ich in dem kleinen Studio - mit der Katastrophe umgehen. Je klarer es wurde, dass es Schwierigkeiten gibt, die Kernschmelze - von der man nicht wusste, dass es eine Kernschmelze ist – in dem Atomkraftwerk in den Griff zu bekommen, wuchs auch die Verunsicherung. Die Sorge, vor allem im Ausland war, dass es eine radioaktive Wolke wie in Tschernobyl gibt. Deswegen kam die Frage auf "bleiben wir in Tokio oder gehen wir weg?"

Der NDR als Studio-Zuständiger hat dann Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und wir haben in Osaka ein Hotelzimmer angemietet. Nach drei Tagen fiel dann die Entscheidung, dort hin zu gehen. Wir haben den Schnellzug genommen – 500 Kilometer weiter weg, um ein bisschen Abstand zu haben.

Hatten Sie in der Zeit Angst?

Ja, in so einer Situation hat man Angst. Nicht zwingend vor der Radioaktivität zu diesem Zeitpunkt. Es wurde gemessen und es war klar, dass es ungefährlicher ist, als mit dem Flugzeug zu fliegen. Aber die Gesamtsituation war bedrohlich.

Der Strom war ausgefallen, ich musste Generatoren für das Studio besorgen. Es war eine extrem angespannte Situation in Tokio. Interessanterweise nicht mehr dann in Osaka – 500 Kilometer weiter weg. Das war eine entscheidende Erfahrung, die wir in Japan gemacht haben: Die Krise war sehr eng auf den Bereich konzentriert, der betroffen war. Woanders hat das Leben in Japan trotzdem weiter stattgefunden.

Wir waren dann aber, auch im Nachhinein, sehr froh, im Hotelzimmer in Osaka gewesen zu sein. Wir waren sehr verbunden mit dem Land, weg wollten wir auf keinen Fall. Aber trotzdem: Ein bisschen Raum zur Katastrophe zu haben, war gut.

Was wird Ihnen aus dieser Zeit immer in Erinnerung bleiben?

Was ich nicht vergessen werde, ist tatsächlich der große Unterschied zwischen Tokio und Osaka. Beides Millionenstädte, beide normalerweise sehr quirlig. Aus Tokio sind wir am Schnellzug-Bahnhof weggefahren aus einer dunklen, trübsinnigen Stadt. Man hatte das Gefühl, die Leute sind in Sorge – teilweise panisch. Dann fährst du 500 Kilometer weg in eine andere Stadt, wo die Leute lachen, wo es Strom gibt, wo das Leben ganz normal weiter ging.

Dort war aber die Spendenbereitschaft sehr hoch, das war sehr berührend. Überall standen die Leute, die gesammelt haben für die Opfer der Dreifach-Katastrophe. Dort hat man die Solidarität der Japaner gespürt - aber eben in einer anderen Stadt. Das war in der Frühzeit das Beeindruckendste.

Meine Frau und ich sind dann später durch die Krisenregion bis zum Atomkraftwerk gefahren. Diese Ruinen zu sehen und zu wissen, da kommen die Leute erstmal nicht mehr hin – diese Bilder werden wir nie wieder vergessen.

© dpa-Bildfunk
Bildrechte: dpa-Bildfunk

Reaktorgebäude Nr. 1 (r) und Nr. 2 des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi, das durch ein Erdbeben am 11.03.2011 beschädigt wurde.

Wie war die erste Reise zum zerstörten Kraftwerk?

Die Regierung hat tatsächlich, als es mit Schutzanzügen und Vorsichtsmaßnahmen möglich wurde, Journalisten gestattet, in das Atomkraftwerk hinein zu kommen. Das war sehr merkwürdig, weil man mit einem Geigerzähler unterwegs war, der durchaus stärker ausschlug und weil man sich vorher und nachher messen lassen musste. Aus dem Bus heraus hat man die Wucht erkennen können, wie alles verbogen war und wie alles aussah. Es war extrem beklemmend und irritierend, weil man die Radioaktivität nicht sehen kann und sie so eine große Gefahr darstellt.

Haben Sie viel Leid miterleben müssen?

Auf jeden Fall. Menschen, die ihre Wohnung oder ihr Haus verlieren, evakuiert werden, wegen des verseuchten Bodens nicht in die Heimat zurückkehren dürfen - Das waren menschliche Schicksale, die sehr berührend waren.

Was mir sehr in Erinnerung geblieben ist, war die Sorge der Menschen aus der Region, dass sie gebrandmarkt sind, dass sie geschnitten werden. Das gab es ja schon in Japan nach den beiden Atombombenabwürfen über Nagasaki und Hiroshima. Die Menschen hatten ein Außenseiterdasein in Japan. Da war die Sorge extrem groß. Und es war auch so, dass die Menschen in den Unterkünften für Evakuierte von den anderen Menschen vorsichtig behandelt worden sind.

Nach zehn Jahren – wie sehr verfolgen Sie die Entwicklungen in Fukushima?

Japan ist meiner Frau und mir sehr ans Herz gewachsen und daran hat auch die Katastrophe nichts geändert. Wir haben auch die Region besucht, bevor wir wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Und ich verfolge es auch jetzt noch, weil es sehr interessant ist, wie ewig lange es dauert, bis so etwas abgebaut werden kann.

Allein das Wasser, das nach wie vor in die Reaktorblöcke gepumpt wird, um die Kerne zu kühlen. Bis das entsorgt werden kann. Es ist eine Mammutaufgabe, die man sich nicht vorstellen kann. Das hat bei all dem Schrecken ein Faszinosum ausgelöst. Wir haben da etwas angefangen, das nicht beherrschbar ist.

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