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Russlandexpertin: „Russlands 9. Mai lange unterschätzt“
08.05.2022, 12:27 Uhr

Russlandexpertin: "Russlands 9. Mai lange unterschätzt"

Am 9. Mai feiert Russland den "Tag des Sieges". Im Interview mit BR24 erklärt Russland-Expertin Liana Fix, was am diesjährigen russischen Feiertag durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine geschehen könnte.
von
Dominic Possoch
Adrian Dittrich
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Der russische Nationalfeiertag am 9. Mai rückt dieses Jahr aufgrund des Ukarine-Krieges in ein besonderes Licht. Das neue "Possoch klärt" (Video) beschäftigt sich mit der Frage, was am diesjährigen "Tag des Sieges" geschehen könnte.

Russland- und Osteuropa-Expertin Liana Fix von der Körber-Stiftung erklärt im Gespräch mit Moderator Dominic Possoch, welche Bedeutung der 9. Mai in Russland hat und inwiefern Wladimir Putin den Feiertag nutzen könnte, um den Ukraine-Krieg weiter eskalieren zu lassen.

Russland ein „ideologisch radikalisierter Akteur“

Possoch: Müssen wir am 9. Mai mit neuen Drohungen gegenüber dem Westen rechnen?

Fix: Was wir wahrscheinlich in der Rede des russischen Präsidenten und in seinen Worten zum 9. Mai sehen werden, ist, dass wir uns mit Russland in einer Situation befinden, wo wir einen ideologisch radikalisierten Akteur haben. Und dieser hat ganz klar einen Anspruch, die europäische Ordnung, so wie wir sie kennen, umzustürzen.

Possoch: Könnte ein neuer öffentlicher Umgang mit dem Ukraine-Krieg in Russland eingeleitet werden?

Fix: Es wird sicherlich in irgendeiner Art und Weise eine rhetorische Rahmung geben, die nicht mehr die Rahmung eines schnellen Sieges in der Ukraine sein wird. Dafür sind die Fortschritte der russischen Armee in der Ukraine einfach zu gering. Der rhetorische Rahmen wird sein, dass Russland verpflichtet ist, diese Militäroperation weiterzuführen in historischer Kontinuität zum großen Vaterländischen Krieg, so wie er in Russland genannt wird.

Eingebettetes YouTube Video

9. Mai: Erklärt uns Putin den Krieg? | Possoch klärt | BR24

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Putin liebt es, "Überraschungsmomente zu kreieren"

Dominic Possoch: Wir sprechen gleich noch über die Möglichkeiten, die Putin hat. Aber könnte es auch sein, dass wir, der Westen, zu viel von diesem Tag erwarten bzw. sogar fürchten?

Liana Fix: Der russische Präsident liebt es, Erwartungen nicht zu entsprechen und Überraschungsmomente zu kreieren. Das ist seine Strategie seit langem, diesen Mythos zu schaffen, dass er undurchschaubar ist, dass er immer einen Schritt vor seinen Gegnern ist. Deswegen können die Möglichkeiten, die gerade kursieren, aus genau diesem Grund am 9. Mai auch nicht eintreffen. Aber was auf jeden Fall passieren wird, ist, dass der 9. Mai eine Verbindung zum Krieg in der Ukraine sein wird.

Botschaften des 9. Mai vor Ausbruch des Krieges unterschätzt

Possoch: Wurden in den vergangenen Jahren die russischen Zeremonien am 9. Mai zu wenig beachtet?

Fix: Die Symbolik des 9. Mai und diese Rhetorik, dass sich Russland nicht nur seit dem Beginn der Invasion der Ukraine im Krieg mit dem Westen befindet, ist ein Diskurs, der auch schon Jahre vorher in der russischen Öffentlichkeit bestärkt worden ist: Russland befindet sich im Krieg mit dem Westen. Es ist eine Kontinuität zum Zweiten Weltkrieg. Russland ist auf der richtigen Seite der Geschichte.

Possoch: Das klingt nach einer bedrohlichen Interpretation von Geschichte?

Fix: Das sind alles Diskurse und Botschaften, die wir vor Ausbruch des Krieges vielleicht auch unterschätzt haben. Wir haben es nicht gesehen oder ernst genommen, dass diese Rhetorik dann auch tatsächlich zu einem Angriffskrieg führen und diesen in der russischen Bevölkerung legitimieren kann.

"Tag des Sieges" als Ersatzideologie zum Kommunismus

Possoch: Inwiefern ist dieses Narrativ auf Wladimir Putin zurückzuführen?

Fix: Putin hat selbst Artikel über den Zweiten Weltkrieg und über seine Interpretation des Verlaufs geschrieben. Er hat sich vor allem auch in den letzten Jahren immer mehr als Hobbyhistoriker hervorgetan und seine eigene Interpretation der ukrainischen und der russischen Staatlichkeit in langen Texten veröffentlicht. Für ihn ist das ein Fixpunkt seines Denkens. Darauf beruht die Großmachtideologie, die er versucht aufzubauen, um Russland eine Art Ersatzideologie zum Kommunismus der Sowjetunion zu geben. Das ist das Narrativ, dass das russische Volk sich seit 1945 immer auf der richtigen Seite der Geschichte befunden hat und sich jetzt eben weiterhin auch auf der richtigen Seite der Geschichte befindet. Und die Schlussfolgerungen aus dem 9. Mai ist eben nicht, dass so etwas nie wieder passieren kann, sondern das Gegenteil: Russland kann einen solchen Sieg wieder vollbringen.

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Bildrechte: Körber-Stiftung
Dr. Liana Fix

"Es gibt auch die Möglichkeit, dass nichts passiert"

Possoch: Eine gegenteilige Schlussfolgerung kann man bereits im Ukraine-Krieg erkennen. Was könnte der russische Präsident nun für den 9. Mai planen?

Fix: Es gibt unterschiedliche Optionen, die der russische Präsident hat, was er am 9. Mai machen könnte. Eine Option, die diskutiert worden ist, ist, dass er offiziell den Krieg erklären könnte. Bisher ist es ja eine militärische Spezialoperation im russischen Diskurs und der Begriff Krieg darf nicht erwähnt werden. Dies könnte dann auch eine Generalmobilmachung beinhalten, um weitere Truppen zu mobilisieren. Das andere Szenario wäre, dass der russische Präsident die Annexion der ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk an Russland erklären könnte. Diese so genannten Volksrepubliken haben sich ja bisher unabhängig erklärt. Putin könnte sie nun Russland einverleiben, so wie er das mit der Krim gemacht hat. Es gibt aber auch noch eine ganze Reihe von anderen Möglichkeiten oder auch einfach die Möglichkeit, dass nichts passiert.

Generalmobilmachung "großes Risiko"

Possoch: Mit einer Generalmobilmachung der Zivilbevölkerung stünden dem Kreml relativ schnell mehr Truppen zur Verfügung, die in der Ukraine kämpfen könnten. Was genau aber bedeutet das für Russland?

Fix: Das würde auch ein großes Risiko mit sich bringen. Denn der Ukraine-Krieg wird von russischer Seite als etwas dargestellt, was die normale Bevölkerung in Russland bisher nur in Form von wirtschaftlichen Sanktionen betrifft, aber noch nicht in Form eines eigenen militärischen Einsatzes dort in der Ukraine. Das heißt, man müsste die Operation offiziell zu einem Krieg erklären. Zudem würde man dafür eine Argumentation benötigen, dass Russlands eigene Existenz gefährdet wird.

Possoch: Gibt es auch noch eine Alternative zur Generalmobilmachung?

Fix: Ja, eine Teilmobilmachung. Die könnte sich auf bestimmte Regionen, zum Beispiel auf annähernde Regionen zur Ukraine beziehen. Das hieße, dass diejenigen Männer, die dort wehrpflichtig sind, mit eingezogen werden und in der Ukraine mitkämpfen könnten. Dieser Schritt würde aber auch das bisherige Narrativ ändern. Es bräuchte dann eine Erklärung dafür, warum die russische Berufsarmee jetzt nicht ausreicht, um diesen Krieg zu gewinnen.

"Rhetorik ist erstmal nur Rhetorik"

Possoch: Wie könnte die Erklärung lauten?

Fix: Ein Argument, was auch immer häufiger in russischen Medien benutzt wird, ist, dass das ein Krieg ist, der nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen die Nato geführt wird. Und deshalb würde man weitere Truppen benötigen.

Possoch: Könnte also Russland der Nato offiziell den Krieg erklärt?

Fix: Die Rhetorik ist erst einmal Rhetorik. Im Krieg mit der Nato zu sein, würde ganz konkret bedeuten, Nato-Territorium anzugreifen. Und das ist etwas, wo Russland ganz klar selbst weiß, dass das ein unglaublicher Eskalationsschritt wäre, der auch dementsprechend von der Nato beantwortet werden würde. Also wir müssen aufpassen, dass wir von der Rhetorik, die von russischer Seite kommt, nicht den Blick für das verlieren, was tatsächlich vor Ort passiert.

Possoch: Danke für das Gespräch.

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Sendung

Possoch klärt vom 05.05.2022 - 16:00 Uhr

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