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Eine neue Studie hat mit Klimamodellen errechnet, wie es zu der extremen Erwärmung in Sibirien im ersten Halbjahr 2020 kommen konnte. Das Ergebnis war eindeutig: Nur der menschengemachte Klimawandel kann diese Hitzewelle erklären.
16.07.2020, 11:50 Uhr

Hitzewelle in Sibirien nur durch Klimawandel erklärbar

Seit Monaten ist es in Sibirien deutlich wärmer als normal. Eine Hitzewelle herrscht, die sich auch Forscher kaum erklären können. Eine neue Studie zeigt: Ohne das Zutun des Menschen könnte es nur alle 80.000 Jahre zu solchem Extremwetter kommen.
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Die Stadt Werchojansk im Osten Sibiriens gilt als eine der kältesten Städte der Welt. Bislang. Doch am 20. Juni schrieb Werchojansk Klimageschichte: Die Temperaturen stiegen auf 38 Grad Celsius - so warm war es nördlich des Polarkreises noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Grund für diese Rekordtemperaturen waren südliche Winde:

"Damit kam tropische Luft in die Region, wir hatten ein großes Hochdruckgebiet und als Ergebnis hatten wir dann diesen Rekordwert von 38 Grad Celsius." Olga Zolina, Shirshov-Institut für Ozeanologie

Doch damit ist noch nicht erklärt, warum weite Teile Sibiriens schon seit Monaten eine Hitzewelle erleben: Von Januar bis Mai dieses Jahres sei es in Sibirien etwa sieben Grad wärmer gewesen als sonst, sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Das ist auch nicht mit einzelnen Windströmungen zu erklären, auch nicht durch das Windsystem der Jetstreams. "Wir verstehen nicht, was in Sibirien gerade passiert. Das ist ein neues Phänomen", sagt Anders Levermann.

"Wenn der Jetstream nach Norden schlackert, dann wird es warm in der Arktis, wenn er nach Süden schlackert, dann wird es plötzlich kalt. Im Februar 2018 war es am Nordpol mit null Grad Celsius wärmer als in Berlin mit minus zehn Grad Celsius. Aber der Jetstream dauert nur ein bis zwei Wochen, nicht fünf Monate", Anders Levermann, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Neue Studie: Hitzewelle in Sibirien nur durch Klimawandel erklärbar

Am 15. Juli veröffentlichte eine Gruppe europäischer Wissenschaftler der World Weather Attribution die Ergebnisse einer Untersuchung verschiedener Klimamodelle zum derzeitigen Klimageschehen in Sibirien. Ihr Fazit ist eindeutig:

"Die beobachteten Temperaturen in diesem Zeitraum sind quasi unmöglich ohne menschlichen Einfluss - also ohne die Erwärmung, die sich aus dem menschlichen Einfluss aufs Klima ergibt." Andrew Ciavarella, britischer Wetterdienst UK Met Office und Mit-Autor der Studie der World Weather Attribution

Die derzeitige Erwärmung Sibiriens ist ein so extremes Klima-Ereignis, dass es selbst unter Berücksichtigung des Klimawandels nur alle 130 Jahre auftreten würde. Ohne Klimawandel dagegen käme es nur etwa alle 80.000 Jahre zu einer solchen Extremwetterlage. Doch der Mensch erhöht durch die Treibhausgas-Emissionen die Wahrscheinlichkeit für solche Hitzewellen um das 600-fache, so die Autoren der Studie.

Weitere Erwärmung absehbar

Laut der aktuellen Studie könnten die Temperaturen in Sibirien bis ins Jahr 2050 noch weiter steigen und im Jahresdurchschnitt um ein halbes bis zu fünf Grad höher im Vergleich zu heute liegen.

Schlechte Nachrichten aus Sibirien

  • Jetstreams und Permafrostböden

Der Jetstream ist ein Starkwindband, das die Erde zwischen dem 40. bis 60. Breitengrad umströmt. Es sorgt für einen Ausgleich der starken Temperaturunterschiede zwischen Norden und Süden. Verändern sich die Temperaturgefälle auf der Erde, hat das wiederum Einfluss auf die Jetstreams. Seit einigen Jahren scheinen sie sich abzuschwächen. Als Grund wird vermutet, dass sich die Polkappen stärker erwärmen als die Tropen am Äquator, wodurch die Temperaturunterschiede weltweit abnehmen und nicht mehr so stark ausgeglichen werden müssen. Die Folge ist, dass Wetterlagen an einem Ort für einen längeren Zeitraum bestehen bleiben als zuvor. Das verstärkt gerade in Sibirien die ersten Anzeichen des Klimawandels.

Die Permafrostböden, die die Hälfte der Landesfläche in Russland bedecken, haben sich schon seit längerem erwärmt. Eine Studie zeigte 2019, dass das weltweit passiert und um 0,3 Grad. Das Relikt aus der Eiszeit beginnt zu schmelzen. In der arktischen Region immer schneller, weil laut Klimaforscher Levermann die Sonnenenergie vom Eis-entblößten dunklen Ozean besser geschluckt werde als vorher von der reflektierenden Eisdecke. Zudem könne die warme Atmosphäre mehr Wasserdampf halten. Wenn der Dampf in höheren Breiten wieder kondensiere, wird die darin gespeicherte Energie frei und erwärmt die Luft. So setzt sich ein Teufelskreis der Erwärmung in Gang. Besonders bedenklich daran ist, dass durch das Tauen von Permafrostböden Methan frei wird, ein äußerst potentes Treibhausgas: "Methan ist auf eine Sichtweise von 100 Jahren etwa 34-mal so klimawirksam wie CO2, auf eine Sichtweise von 20 Jahren sogar circa 86-mal so klimawirksam", sagt Guido Grosse vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.

Eine dauerhafte Erwärmung in Sibiren hat daher nicht nur katastrophale Folgen für Natur und Mensch vor Ort, sondern heizt den weltweiten Klimawandel zusätzlich an.

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© picture alliance/Sodapix AG
Der Permafrostboden in Sibirien schmilzt und Holzhäuser versinken im Matsch.
  • Klimawandel in Sibirien - Holzhäuser und Rentiere versinken

Mensch und Tier in Sibirien bekommen die klimatischen Veränderungen schon am Leib zu spüren. Seit Jahren versinken die Holzhäuser im ostsibirischen Jakutsk in den aufgeweichten Boden oder kippen langsam zur Seite. Auf der nordwestsibirischen Jamal-Halbinsel versinken dagegen die Rentiere im Sumpf. Die Hirten klagen, dass sie nicht mehr wissen, wie sie mit ihren Tieren von den Winter- auf die Sommerweiden wechseln sollen. Im skandinavischen Lappland verhungern Rentiere bereits, weil sie Eis im Gegensatz zu Schnee nicht mit den Hufen wegscharren können und so nicht an Futter im Boden gelangen.

Und auch Umweltkatastrophen ereignen sich durch das Tauen des Permafrostes: So brach Anfang Juni 2020 in Norilsk im Osten Sibiriens ein Öltank, weil er im tauenden Boden einbrach. 20.000 Liter Diesel flossen daraufhin in einen Fluss.

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Schmelzende Permafrostböden in Sibirien erschweren den Weidewechsel von Rentier-Herden.
  • Brände

Zu Hitze und Trockenheit kommen in Sibirien immer wieder großflächige Waldbrände, die die Umwelt belasten. So brannte am 27. Juni 2020 eine Fläche von 1,4 Millionen Hektar - mehr als fünf Mal so groß wie das Saarland. Im vergangenen Jahr brannten nach Schätzungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace 150.000 Quadratkilometer ab, eine Fläche mehr als doppelt so groß wie Bayern. Wochenlang litten Menschen in vielen sibirischen Städten unter giftigem Rauch.

Sibirien werde nach dem Amazonasgebiet damit zum zweiten globalen Sorgenkind in puncto Waldbrände, warnte Susanne Winter von der Umweltschutzorganisation WWF.

"Was wir hier jetzt sehr häufig haben, sind Totalfeuer. Das heißt, dass das gesamt Ökosystem stark geschädigt und auch der Boden mit erfasst wird. Und was passiert, ist, dass die Permafrostböden noch stärker aufgetaut werden." Susanne Winter, WWF

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Neue Wärmerekorde im östlichen Sibirien, und das zweite Jahr in Folge stehen dort große Waldflächen in Flammen. Werden Mega-Waldbrände weltweit zur neuen "Normalität"? Ein Gespräch mit Susanne Winter von der Naturschutzorganisation WWF.

AUTOREN

Heike Westram
Tanja Fieber

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