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Neue Hochhäuser? Debatte in München
15.12.2020, 15:01 Uhr

Stadtbaurätin: München für neue Hochhäuser "grundsätzlich offen"

Ist das der Beginn einer neuen Architekturdebatte? Als "Ausnahme" kann sich Elisabeth Merk an der Isar "hohe Hochhäuser" vorstellen. Bedingung dafür: Ein "Mehrwert für die Stadtgesellschaft". Das würde einem Bürgerentscheid von 2004 widersprechen.
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Peter Jungblut

Das Thema ist in München von jeher umstritten, doch jetzt könnte Bewegung in die Debatte kommen. Obwohl Bauten über 100 Meter Höhe an der Isar nach einem Bürgerentscheid von 2004 zwischenzeitlich nicht erlaubt waren, gibt es jetzt wieder eine gewisse Offenheit für Hochhaus-Akzente. Stadtbaurätin Elisabeth Merk schrieb in einem Debatten-Beitrag für den bayerischen Landesverband des Bundes Deutscher Architekten (BDA): "Die neue Hochhausstudie zeigt eine grundsätzliche Offenheit für Hochhäuser, verdeutlicht aber auch, dass die Stadt klare Vorgaben für die Handhabung und Beurteilung von Projekten in der Hand haben muss. Hohe Hochhäuser (Stadtzeichen) werden in München weiterhin eine besondere Ausnahme an wenigen Stellen sein. Hochhäuser werden generell einer intensiven Prüfung im Einzelfall unterzogen, für die die Hochhausstudie den Rahmen setzt. Eine herausragender architektonischer Ansatz, ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft und eine positive Ergänzung der Stadtsilhouette mit ihren historischen Bezügen bilden dafür die Prüfsteine."

"Sonderrecht", über die Nachbarn hinwegzuschauen

Die Münchner Stadtplanerin Lydia Haack zeigt sich relativ skeptisch, was neue Hochhäuser in München betrifft. Ihr Fazit: Wolkenkratzer sollten nur dann gebaut werden, "wenn sie einen Gewinn nicht nur für den Eigentümer und Nutzer, sondern auch für das Quartier und die gesamte Stadt bedeuten". Haack verweist darauf, dass der "erhöhte bauliche Aufwand" für Hochhäuser einzeln abgewogen werden müsse, auch was die Klimabilanz betreffe. Außerdem gelte: "Wer sich das Sonderrecht erwirbt, über die Nachbarschaft hinwegzuschauen und von weitem gesehen zu werden, muss seinem Quartier, ja der ganzen Stadt eine Gegenleistung erbringen. Die Typologie der hohen Häuser darf nicht als Flächen-Maximierung missbraucht werden."

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Bildrechte: Jungblut/BR
Noch (fast) ohne Hochhauskulisse: München

Stadträtin Anna Hanusch von den Grünen pocht auf die Modernität der bayerischen Landeshauptstadt: "München ist kein Museum oder gar fertig gebaut, sondern eine Stadt im Prozess. Es wäre sehr schade, wenn München nur auf das Bewahren und Ergänzen des Bewährten setzt, oder meint, dem Denken in die Höhe eine Obergrenze mitgeben zu müssen." Dagegen bezieht sich der Stadtplaner Klaus Friedrich auf die Nachwirkungen der Pandemie, die die Arbeits- und Bürowelt mit Sicherheit neu ordneten: "Ist der Typus des Hochhauses das Instrument, das den zeitgenössischen Erfordernissen des Arbeitens, Wohnens, Lebens am besten entspricht? Wenn die Antwort darauf nicht ein eindeutiges: JA ist, worin besteht die Notwendigkeit, Stadtzeichen in der Kategorie Wolkenkratzer zu entwickeln? Ist München erst München, wenn es aussieht wie Frankfurt am Main?"

Wird München vom "Riesendorf zur Weltstadt"?

Architektin Mareike Schmidt hält das Erreichen der Klima-Ziele bis 2050 für das alles dominierende Thema, auch, was die Architektur betrifft: "Es liegt nahe, die selten werdenden innerstädtischen Projekte in der fast vollständig bebauten Stadt möglichst dicht zu planen, um dem Druck auf dem Wohnungsmarkt etwas entgegenzusetzen, und dabei den Denkmalschutz in Frage zu stellen. Die Sorgen, ob München durch schnell hochgezogene Neubauten, an Charakter einbüßt und ob ein Stück Weltstadt hier fehlt, erscheinen dagegen unwichtig. Doch würde München sich auf dem Weg zur Klimaneutralität gegen die uniformen Neubauten entscheiden, gegen das Hochhausverbot in der Innenstadt – sprich für hohes, innerstädtisches Nachverdichten mit individuell geplanten Hochhäusern. Würde München so vielleicht ganz nebenbei vom Riesendorf zur Weltstadt?"

"Eisiges Chicago"

Der Stadtplaner und Architekt Thomas Jocher schreibt im "BDA talk": "Schwer zu gestalten ist der große, notwendige Raum auf ebener Fläche vor dem Hochhaus, um diese noch ausreichend mit natürlichem Tageslicht zu belichten. Es gibt wenige Situationen, die frei von den ungeliebten Schatten sind und in Bodennähe einen angenehmen Aufenthalt bieten. Wer schon einmal im Winter in Chicago war, kennt die eisige Situation."

Scharf ins Gericht geht die Stadtplanerin Sophie Wolfrum mit den Plänen, an der Paketposthalle ein Zeichen zu setzen und die Star-Architekten Herzog/de Meuron mit einem "Zwillings-Hochhaus" zu beauftragen. Zwar hätten die beiden in München durchaus "sehr gute Projekte" verantwortet, für die Firma Roche in Basel jedoch keine sonderlich reizvollen Hochhäuser entworfen: "Wie kann sich die Stadt München auf so ein vages Rendering im Himmel verblassender Türme einlassen? Hochhäuser ohne ein qualifiziertes Wettbewerbsverfahren sind indiskutabel."

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