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Modellprojekt in München Altenpflegeausbildung für Türkinnen ohne Schulabschluss angedacht

Bayerische Türkinnen können sich ab sofort für eine Ausbildung zur Pflegefachhelferin bewerben – auch wenn sie keinen Schulabschluss haben. Die Integrationsbeauftragte Kerstin Schreyer hat das Modell-Projekt heute in München vorgestellt.

Von: Regina Kirschner

Stand: 15.11.2017

Eine Pflegerin eines Seniorenpflegeheims geht mit einem Bewohner durch einen Gang | Bild: picture-alliance/dpa

Das Projekt richtet sich an türkische Frauen Mitte, Ende Vierzig. Die Kinder aus dem Haus. Kein Job. Gerade diese Gruppe muss nach Ansicht der Integrationsbeauftragten der bayerischen Staatsregierung, Kerstin Schreyer, noch besser in unsere Gesellschaft integriert werden. Sie hat daher ein neues Projekt angestoßen: Ab sofort können sich die Frauen für eine Ausbildung zur Altenpflegerin bewerben – auch wenn sie keinen Schulabschluss haben, erklärt Schreyer.

"Wir haben in vielen Gesprächen überlegt, dass gerade der Bereich Altenpflege einer sein kann, der sowohl in der türkischen Community ankommt, weil er ein sehr ehrenwerter Beruf ist, und auf der anderen Seite wir den Vorteil haben, dass die Damen, die wir dorthin entwickeln, dann auch gesichert einen Arbeitsplatz bekommen."

Kerstin Schreyer, bayerische Integrationsbeauftragte

Win-Win-Konzeption

Stichwort Pflegenotstand: Kai Kasri, vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, steht auf jeden Fall hinter dem Projekt.

"Wir sind offen für Mitarbeiter aus der ganzen Welt, die uns helfen, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Der Personalmangel in der Pflege ist vor der Tür."

Kai Kasri, Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste

Hinzu kommt, dass es auch immer mehr Heimbewohner mit türkischem Migrationshintergrund gibt. Sie brauchen Pflegerinnen, die ihre Muttersprache sprechen, erklärt die Integrationsbeauftragte Schreyer.

"Wir haben aufgrund der Generation, die als Gastarbeiter nach Deutschland kam, die Situation, dass diese jetzt erstmalig alt werden und oftmals aufgrund einer Erkrankung in Richtung Demenz wieder in ihre Muttersprache zurückfallen. Wir müssen hier, wenn wir verantwortungsvoll sein wollen, auch ein Angebot für diesen Personenkreis bieten. Deswegen ist mir so wichtig, dass wir hier viele Effekte haben, die alle einen Profit haben, wenn wir es hinbekommen, Damen mit türkischen Wurzeln hinzuentwickeln in Richtung Altenpflege."

Kerstin Schreyer, bayerische Integrationsbeauftragte

Einstieg bewusst leicht gemacht

Das Modellprojekt soll zunächst in München starten und dann bei Bedarf ausgeweitet werden. Ausbildungsbeginn ist im Herbst nächsten Jahres. Nun geht es darum, Frauen zum Mitmachen zu bewegen. Schließlich ist es ein großer Schritt, als Hausfrau und Mutter mit Ende 40 nochmal ganz neu ins Berufsleben zu starten, meint Vural Ünlü, Vorsitzender der türkischen Gemeinde in Bayern.

"Es gibt Ängste, dass man sich in einem bestimmten Alter nochmal in einer deutschsprachigen Arbeitsumwelt orientieren muss. Deshalb ist das Ganze auch niederschwellig konzipiert."

Vural Ünlü, Vorsitzender türkische Gemeinde Bayern

Niederschwellig konzipiert heißt: Der Einstieg ins Berufsleben soll den Frauen möglichst leicht gemacht werden. Sie müssen keinen Schulabschluss vorweisen. Das Bildungsministerium hat deswegen ein ganz eigenes Bildungsangebot konzipiert: Die Teilnehmerinnen machen in der zweijährigen Teilzeitausbildung den Abschluss als Pflegefachhelferin und gleichzeitig den mittleren Schulabschluss. Die Arbeitsagentur übernimmt die Kosten für den Schulbesuch. Denn das Projekt deckt eine Lücke im Angebot ab, erklärt Ingeborg Liebhaber von der Agentur für Arbeit München:

"Wenn kein Schulbesuch oder kein Schluabschluss vorliegt, sind auch uns oft die Hände gebunden und wir können nicht mit Qualifizierung, mit Berufsausbildung anschließen."

Ingeborg Liebhaber, Agentur für Arbeit München

Die Ehemänner ins Boot holen

Integrationsbeauftragte Kerstin Schreyer ist guter Dinge, dass sich nun auch genügend Bewerberinnen finden. Einfach wird das aber nicht, weiß sie aus vielen Gesprächen. Gerade in konservativen Familien müssten vor allem die Männer erst einmal überzeugt werden. Das geht am besten über das Thema Altersvorsorge, erklärt Schreyer:

"Wir werden eine Rente erarbeiten müssen. Das ist nicht in jedem Kulturkreis so, und deswegen wird es wichtig sein, dass auch diese Frauen die Möglichkeit haben, für das Alter vorzusorgen. Ich glaube, dass es keinen Mann auf dieser Welt gibt, der möchte, dass seine Frau in Altersarmut ist."

Kerstin Schreyer, bayerische Integrationsbeauftragte

Läuft das Projekt gut, soll es nach und nach auf ganz Bayern ausgedehnt werden – und auf andere Kulturkreise. Für die Integrationsbeauftragte spricht nichts dagegen, gleich größer zu denken: Es sei zwar nicht Kern des Projekts, aber wenn wir damit nebenbei noch das Problem Pflegenotstand lösen, habe ich auch nichts dagegen, so Schreyer.


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thorie, Mittwoch, 15.November, 19:42 Uhr

7. frau schreyer ist in der csu

das wirft fragen auf .

wem soll das nutzen?

den türkinnen?
den alten?

oder doch nur den "privaten pflegeanbietern"

Kritikwürdig , Mittwoch, 15.November, 18:25 Uhr

6. Nur Politiker und Superreiche sind Menschen erster Klasse?

Das man ohne fachbezogene Ausbildung und entsprechender Berufserfahrung weit kommen kann, dass zeigen unsere Minister und Ministerinnen beispielhaft. Das man damit jedem jungen Menschen signalisiert, du kannst als Angelernter oder als Jurist ein Finanzministerium, ein Verkehrsministerium (solange du einer politischen Partei angehörst) oder sogar die Bundeswehr leiten, begreifen diese Herrschaften nicht. Man wünscht sich, dass unsere Politiker nicht von studierten Medizinern, sondern von Angelernten, die zuvor vielleicht Richter oder Lehrer waren, behandelt werden müssen.
Das eben jene Politiker nun erneut signalisieren, dass ihnen auch alte und bedürfte Menschen nichts wert sind verwundert mich nicht.
Kranke und Pflegbedürftige bedürfen der besten Versorgung, gerade im Kontakt mit Menschen.
Ich wünsche den älteren türkischen Damen (und Herren?) viel Erfolg beim beruflichen (wieder) Einstieg, aber nicht auf dem Rücken kranker oder alter Pflegebedürftige.

thorie, Mittwoch, 15.November, 18:19 Uhr

5. das ist ein affront

gegen jeden/jede krankenpfleger/-in , die in D seither schulabschlüsse nachweisen musste, ohne die sie nicht die geringste chance hatte.

auch, dass die ARGE neueinsteiger Ü40 besonders fördert, ist verwunderlich...... früher wurden die doch in zig "bewerbungskurse" und sonstigen unfug geschickt, nur dass sie an stichtagen aus der statistik fallen..

und dann noch eine frage an die privaten pflegeanbieter:...werden die türkinnen dann nach der ausbildung unbefristete arbeitsverträge erhalten, oder nur wie sonstige, einen befristeten?

Daniel, Mittwoch, 15.November, 18:09 Uhr

4. Unfassbar! Das Leben unserer Senioren als Versuchsfeld für Integration

Also das der Beruf, den ich etliche als Fachkraft ausübe, jetzt als Spielwiese für Integrationszwecke dienen soll. Es ist kaum zu fassen, wie man mit alten Menschen in unseren Breiten mittlerweile umgeht. Wie soll man mit mangelhaften Deutschkenntnissen auf der Beziehungsebene einen Zugang zu degenerierten, desorientieren betagten Menschen bekommen. Das ist schon für Pflegekräfte mit Muttersprache schwer genug. Außerdem ist individuelles, bedarfsorientiertes Vorgehen im Pflegeteam ein Qualitätsmerkmal. Wie soll das funktionieren, wenn schon bei der Kommunikation unter den Kollegen hapert? Die Begründung, das in Zukunft vermehrt türkische Bewohner in Pflegeheimen sein werden, ist dabei eher lächerlich. Den Beruf Altenpfleger sollte man außerdem aus freien Stücken wählen und nicht aufoktroyiert bekommen. Diejenigen die es wahrscheinlich ausbaden müssen sind unsere alten pflegebedürftigen Mitbürger.

Schorsch, Mittwoch, 15.November, 17:43 Uhr

3. Plegehilfskräfte

warum nur Türkinnen???? es gibt auch vlele Deutsche ohne Schulabschluß oder schlechten Abschluß