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Opposition empört Abgeschobener Afghane begeht Selbstmord: Seehofer in der Kritik

Einer der 69 in der vergangenen Woche nach Afghanistan abgeschobenen Flüchtlinge hat sich kurz darauf in Kabul das Leben genommen. Das bestätigte das Bundesinnenministerium. Nach dem Vorfall wächst die Kritik an Horst Seehofer - auch wegen seiner jüngsten Äußerungen.

Von: Michael Bartmann

Stand: 11.07.2018

Noch am Dienstag war Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in Sachen Abschiebungen nach Afghanistan zum Scherzen aufgelegt. Ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag seien 69 Flüchtlinge nach Afghanistan abgeschoben worden, sagte Seehofer lachend.

Aus Hamburg abgeschoben, in Kabul erhängt

Jetzt wurde bekannt: Kurz nach der Abschiebung hat sich einer der 69 Afghanen in Kabul das Leben genommen. Der aus Hamburg abgeschobene Mann sei in einer Zwischenunterkunft in der afghanischen Hauptstadt tot aufgefunden worden, teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums mit.

Alles deute nach Angaben der Behörden vor Ort auf einen Selbstmord hin. Auf Bildern ist der Leichnam eines Mannes zu sehen, der sich offensichtlich erhängt hat. Der Flüchtling sei in Deutschland rechtskräftig wegen Diebstahls und Körperverletzung verurteilt gewesen.

Bei dem gestorbenen Afghanen handelt es sich nach Darstellung der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl um einen 23-jährigen Mann, der acht Jahre in Deutschland gelebt habe.

Seehofer: "Zutiefst bedauerlich"

Minister Seehofer äußerte sich am Abend betroffen über den Tod des Mannes: "Das ist zutiefst bedauerlich, und wir sollten damit auch sachlich und rücksichtsvoll umgehen." Seine Bemerkung in der Pressekonferenz am Dienstag bedauerte der CSU-Chef indes nicht: "Das wusste ich gestern nicht. Das ist heute in der Früh bekannt geworden", sagte er über den Selbstmord des Asylbewerbers.

Opposition fordert Rücktritt Seehofers

Die linke Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke hat nach dem Vorfall ein Ende der Abschiebungen nach Afghanistan gefordert. „Die Lage dort wird immer schlimmer, aber Deutschland weitet die Abschiebungen aus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das tödliche Folgen hat“, sagte die Innenpolitikerin der Linkspartei. Vor diesem Hintergrund seien Seehofers Äußerungen „umso widerwärtiger“. Jelpke erklärte: „Wer nach Afghanistan abschiebt, tötet.“ Seehofer habe „ganz offenbar ein unheilbares Defizit an Mitmenschlichkeit“. Es sei höchste Zeit, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel „den Mann rausschmeißt“.

Die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Gyde Jensen (FDP), verlangte die Entlassung Seehofers. "Wer 69 Abschiebungen an seinem 69. Geburtstag feiert, ist offensichtlich falsch im Amt", sagte Jensen dem "Tagesspiegel" (Donnerstagsausgabe).

Grüne: Verantwortungslose Abschiebungen

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt mahnte: "Abschiebungen eignen sich nicht für Scherze." Bei Seehofer seien Entscheidungen über Menschenleben deshalb "in schlechten Händen". Unabhängig von den genauen Umständen dieses Falles sei die Verzweiflungstat eines jungen Menschen zu bedauern. "Es ist verantwortungslos, dass immer mehr Menschen nach Afghanistan in eine ungewisse Zukunft geschickt werden."

Auf die Rücktrittsforderungen reagierte Seehofer mit Unverständnis. "Da sag' ich gar nix dazu, weil ich sie einfach nicht verstehe."


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