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Verfälscht oder nicht? Abgaswerte: Der Streit um die Messstellen geht weiter

Ist die Diesel-Problematik gar nicht so schlimm? Sind die Messwerte in Deutschland verfälscht, weil Messstationen zu nah an den Straßen sind? Ist die Diskussion um Fahrverbote damit vielleicht sogar aus der Luft gegriffen? Solche Vorwürfe sind zuletzt aufgetaucht. Der BR ist ihnen nachgegangen.

Von: David Friedman

Stand: 08.03.2018

Messgeräte erfassen die Feinstaubbelastung an einer Straße | Bild: dpa-Bildfunk/Martin Gerten

Die Debatte begann mit einer Zeitungsschlagzeile. Sie lautete: "So werden die Schadstoffwerte hochgetrickst." Weiter hieß es, die Luftmessstation an der Ecke Schwanthaler Straße/Sonnenstraße liege zu nahe an der Fahrbahn. Das verfälsche die Werte zu Ungunsten der Autofahrer, wird im Text angedeutet.

Station müsste von Fahrbahn 25 Meter entfernt sein

Die Messstation sei aber so aufgestellt worden, wie es das europäische Recht vorschreibt - sagt Claus Kumutat, der Präsident des bayerischen Landesamtes für Umwelt:

"Wir garantieren für die Werte, die wir an unseren Luftmessstationen messen. Alle unseren 54 Stationen entsprechen den rechtlichen Vorgaben der 39. Bundesemissionsschutzverordnung und die wiederum ist eine Eins-zu-Eins-Umsetzung der EU-Richtlinien. Darauf kann sich jeder verlassen."

Claus Kumutat, Präsident des bayerischen Landesamtes für Umwelt                  

Das ist allerdings auf den ersten Blick ein Widerspruch: Denn die Abstände von Messstationen zur Fahrbahn sind in einigen Fällen eindeutig zu gering. Laut der zitierten Verordnung müsste etwa die Messstation am Stachus mindestens 25 Meter von der Fahrbahn entfernt stehen. Das Gleiche gilt auch für andere notorische Verkehrsknotenpunkte in München - wie etwa an der Landshuter Allee und der Nymphenburger Straße.

Das Landesamt für Umwelt verteidigt seine Messungen

Würde man in München die Messstation am Stachus um die vorgeschriebenen 25 Meter zurückverlegen, würde das kaum Auswirkungen auf die Messergebnisse haben - argumentiert dagegen Claus Kumutat. Die Stärke oder Höhe der Werte hänge nur von der Verkehrsbelastung und der Geometrie an dieser Stelle ab; alle in Europa würden nach den selben Standards messen, deshalb ist laut Kumutat ein Vergleich eben schon möglich.

Dem widerspricht Mark Wenig, der Leiter der Arbeitsgruppe "Fernerkundung von Spurengasen" am Meteorologischen Institut der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Er stellt fest:

"Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Verteilung sehr, sehr variabel ist. Es ist schon ein Unterschied, wie nah man an der Straße misst. Da machen ein paar Meter etwas aus; auch in welcher Höhe man misst, wie lange, zu welcher Tageszeit."

Mark Wenig, Abgas-Experte an der LMU

Für die Messstation am Münchner Stachus allerdings bestätigt Mark Wenig indirekt die Einschätzungen Kumutats, wonach es um ein paar Meter hin oder her dann doch nicht geht. Je nach Windrichtung oder anderen Faktoren könne es hier tatsächlich keinen Unterschied machen, wie nahe die Station an der Straße steht.

Seit 40 Jahren an der gleichen Stelle gemessen

Die Messstation am Stachus steht schon seit 40 Jahren am gleichen Ort. Damals hat es noch keine EU-Verordnung gegeben - und damit auch noch keine 25-Meter-Abstandsbestimmung. Als die dann kam, hat das bayerische Landesamt für Umwelt die Station einfach dort gelassen, wo sie immer noch steht. Aus Sparsamkeit? Oder war es Schlamperei?

Das zuständige Landesamt für Umwelt schweigt sich hier aus. Aber dessen Präsident Kumutat ist sich sicher: Ein weiteres "Abrücken" von der Kreuzung würde am Stachus keine niedrigeren Abgaswerte mit sich bringen. Im Gegenteil: Man käme weg von den starken Luftströmen an der Kreuzung, stärker hinein in die Häuserschluchten - und damit "tendenziell zu eher höheren Werten".


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Beideck, Jochen, Mittwoch, 14.März, 13:54 Uhr

23. Warum nicht auf tagesschau.de

Warum wird eine so wichtige Information nicht z.B. über die Tagesschau/tagesschau.de verbreitet, sondern nur hier in Bayern?
Ich in Schleswig-Holstein bin nur durch Zufall auf diesen Bericht gestoßen, der unter Umständen die ganze Diesel-Diskussiion ad absurdum führen könnte.
LG
Jochen

Doris, Dienstag, 13.März, 19:47 Uhr

22. Messwerte sind gut und richtig

Der Tenor des Berichts ist m.E. schlicht unsäglich und wirkt auf mich wie das Ergebnis einer erfolgreichen Lobbyarbeit der Autoindustrie.
Die Messstation am Stachus steht hinter dem Bürgersteig, dort wo sich Fußgänger und Radfahrer aufhalten. In München leben zahlreiche Menschen an Straßen in einem Abstand von weniger als 25 Metern. Es gilt die Menschen in Städten zu schützen, die tagtäglich den Autoabgasen ausgesetzt sind. Und mal ehrlich, wo lassen sich in der Münchner Innenstadt noch Wohnhäuser in einem Abstand von 25 Metern zu Straße finden? Ich selber wohne in München am Gebsattel in der Au und während des Berufsverkehrs müssen die Fenster geschlossen gehalten werden, da sonst die Abgase in die Wohnung strömen. Die Kinder besuchen ein Gymnasium, dessen Fenster in einem ca. 4 Meter Abstand zur Straße liegen. Ich finde die Diskussion um 25 Meter einfach nur traurig und realitätsfern. Sie dient nur den Autofahrern.

Glaubichnicht, Montag, 12.März, 21:39 Uhr

21.

Klaus Kumutat im BR-Interview vom 8.3.: "dass mit der Verkehrsdichte die Luftbelastung zunehmen muss, liegt auf der Hand". Das stimmt aber nicht, über das UBA lassen sich die Jahresmittelwerte der Schadstoffkonzentrationen seit dem Jahr 2000 abrufen, diese sinken allesamt ab, auch die von NO2.
Die Richtlinien zur kleinräumigen Ortsbestimmung von Probeentnahmestellen gemäß der 39. BImSchV (Anlage 3, Absatz C) weichen durchaus von der Richtlinie 2008/50/EG Anlage III Teil C ab, da ist Herr Kumutat nicht richtig informiert bzw. desinformiert uns richtig...

glaubichnicht, Samstag, 10.März, 10:12 Uhr

20. Ist der Stachus als Messort überhaupt geeignet?

Die Messung soll repräsentativ die Belastung der Bevölkerung durch Noxen erfassen. Ich bin Arzt, wenn die Fieber messe, dann mache ich das nicht erst am Bauchnabel, dann am Großzeh, anschließend im Nasenloch und behaupte dann, der Meßpunkt sei sowieso aus Erfahrung egal, da genügt mein Handauflegen blabla... Wenn ich seriös bin, suche ich einen Meßpunkt, der reliabel und valide das misst, was ich erfassen will, gibt es den Messpunkt nicht, ist das sinnlos.
Wenn Messwerte am Messpunkt Stachus von Windrichtungen, -verwirbelungen usw. stärker abhängen, als vom "tatsächlichen" Wert, den man vielleicht durch viele tausend Messpunkte genauer erfassen könnte und den man dann ersatzweise von einem Messpunkt aufgrund eines angenommenen (quadratischen? kubischen?) Abstandsmodell hochrechnet, dann sollte das LfU nur an sorgsam ausgesuchten Orten messen, sonst verquirlt das Ergebnis die Realität und unsere inzwischen verwirrte Gesellschaft.
Die "Erfahrung" eines Bauingenieurs genügt mir nicht.

glaubichnicht, Samstag, 10.März, 08:21 Uhr

19. wir brauchen Menschen mit Sachkenntnis als Behördenleiter

da extrapoliert der wisenschaftlich angebrütete Leser die Argumentation von Herrn Kumutat: wenn der Messwert in 2 Meter Entfernung aus Erfahrung genauso hoch ist, wie in 25 Meter Entfernung, dann ist er es in 2500 Meter Entfernung bestimmt auch.
Stellen wir doch die Messstelle am Chinesischen Turm auf, trinken ein Bier mit Herrn Kumutat, lesen mit ihm noch einmal die RICHTLINIE 2008/50/EG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 21. Mai 2008 über Luftqualität und saubere Luft für Europa durch und überlegen mit ihm gemeinsam, warum die Messstelle am Chinesischen Turm die Richtlinie wohl nicht erfüllt. Der Abstand ist schon wichtig, Physik ist nicht Jura und die Außenseitermeinung eines Behördenleiters hat für unser Land und die Politik und das Vertrauen in die Kompetenz der Politik, die Behördenleiter einsetzt, gerade gewaltige Konsequenzen.