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Die gefallenen Mädchen Zwangsadoptionen in Bayern?

Bis Anfang der 1980er-Jahre haben sich Schwangere in Entbindungsheimen in Bayern versteckt. "Gefallene Mädchen" nannte man die Frauen, weil sie unverheiratet schwanger waren. Viele gaben ihre Kinder zur Adoption frei. Die gemeinsame Spurensuche von BR Recherche und Zeit Magazin zeigt: Die Adoptionen waren nicht immer freiwillig.

Von: Christiane Hawranek und Nadine Ahr

Stand: 14.06.2018

Symbolbild: Zwangsadoption | Bild: picture-alliance/dpa

Die jungen Frauen kamen teils aus gutbürgerlichem Hause. Von ihrer Schwangerschaft sollte niemand etwas erfahren; und auch das uneheliche Kind sollte verschwinden. Deshalb versteckten sich die Frauen in Entbindungsheimen. Andere "Hausschwangere" steckten in finanziellen Schwierigkeiten und zogen deshalb mindestens bis zur Geburt des Kindes in ein solches Heim. Dort arbeiteten sie mit, zum Beispiel in der Wäscherei, im Putzdienst oder auf der Säuglingsstation.

Viele dieser Frauen kehrten nach der Zeit im Entbindungsheim nach Hause zurück - ohne das Baby. Oft wurden die Kinder zur Adoption freigegeben; und die Mütter schweigen ihr ganzes Leben lang, weil sie sich schämen.

Ursula Drenda aber möchte ihre Geschichte erzählen. Sie lebt in einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung in München. An jeder Wand sind Schränke und Regale, vollgestopft mit Häkeldeckchen und Kochrezepten, als habe die 77-Jährige seit der Adoption ihrer Tochter nie wieder etwas fortgeben können.

"Schlimm! Das war ganz, ganz schlimm. Ich konnte nicht schlafen. Wenn eine Tür gequietscht hat, dachte ich, da schreit ein Kind! Wenn ich einen Kinderwagen gesehen hab, dann bin ich manchmal in Tränen ausgebrochen."

Ursula Drenda, Zeitzeugin

"Eine richtige Babyhändlerin"

Ursula Drenda ist im Waisenhaus aufgewachsen. 1969 wurde sie schwanger von einem verheirateten Mann. Deshalb suchte sie Zuflucht in einem privaten Entbindungsheim in München. Die Heimleiterin, eine Hebamme, öffnete die Tür.

"Das erste, was sie sagte: 'Geben Sie mir mal Ihren Ausweis.' Sie  hat sich alles aufgeschrieben und gesagt, ich kann Ihnen bei einer Adoption behilflich sein. Dann habe ich gesagt, nein, das möchte ich gar nicht! Das war eine richtige Babyhändlerin für mich."

Ursula Drenda, Zeitzeugin

Zwangsadoption? Die junge Mutter fühlte sich erpresst

Im Januar 1970 kommt Ursula Drendas Mädchen zur Welt. Nur fünf Tage hat sie das Baby bei sich. Dann habe die Hebamme ihr einen Zettel hingehalten, so erinnert sie sich: "Entweder, Sie unterschreiben, dass Sie das Kind zur Adoption freigeben oder Sie zahlen die ganzen Entbindungskosten." Laut Hebamme 3.400 DM.

Ursula Drenda weiß damals nicht, dass normalerweise die Krankenkasse die Entbindung zahlt oder das Sozialamt. Alles, was sie weiß, ist, dass sie kein Geld hat und niemanden, den sie darum bitten könnte. Deshalb hat sie schweren Herzens unterschrieben.

27 Entbindungsheime in Bayern

Auch andere Frauen in Entbindungsheimen fühlten sich zur Adoption gedrängt; teils von der eigenen Familie unter Druck gesetzt. 27 solcher Entbindungs- oder Mütterheime listen die offiziellen bayerischen Heimverzeichnisse der 1940er- bis 1970er-Jahre auf, zum Beispiel in Herrsching, Bamberg oder Immenstadt. Spricht man mit älteren Dorfbewohnern in den oberbayerischen Orten Pähl und Herrsching, so beschreiben sie die dortigen Betreiberinnen der Entbindungsheime als "Retterinnen der gefallenen Mädchen", als Wohltäterinnen. Schließlich haben sie verzweifelten Frauen einen Zufluchtsort gegeben.

Für andere war das Entbindungsheim der Ort, an dem sie von ihrer Mutter getrennt wurden. Bis heute kehren immer wieder adoptierte Kinder, heute längst erwachsen, zu den Heimen zurück. Sie sind auf der Suche nach Kontakt zur leiblichen Mutter. Doch viele Adoptionsvermittlungsunterlagen existieren nicht mehr. Erst seit 2003 schreibt ein Gesetz vor, dass die Akten mindestens 60 Jahre aufgehoben werden müssen. Deshalb hat das Bayerische Sozialministerium auch keine Zahlen, wie viele Kinder in bayerischen Entbindungsheimen zur Adoption vermittelt wurden.

"Nicht mit rechten Dingen gelaufen"

Ursula Drenda hatte Glück: Ihre Tochter hat sie gesucht und gefunden, als sie volljährig war. Sylvia Sommer ist bei einer Adoptivfamilie im Rheinland aufgewachsen. Vermittelt wurde die Adoption von der Münchner Hebamme. Kurz vor der Geburt des Kindes habe sie der Adoptivmutter gesagt, sie könne das Baby für sie "reservieren".

"Es ist über das Heim gelenkt, organisiert worden und nicht übers Jugendamt. So ganz mit rechten Dingen ist es wohl dort nicht gelaufen. Die Krankenversicherung zahlte die Entbindung, die haben meine Eltern aber auch bezahlt."

Sylvia Sommer, leibliche Tochter von Ursula Drenda

Ihre Adoptivmutter bestätigt das: Für die Entbindung zahlte sie der Heimleiterin 4.000 DM, zusätzlich 2.000 DM für Babyausstattung. Offenbar hat die Hebamme doppelt abkassiert. Die Hebamme lebt nicht mehr, kann sich nicht mehr zu den Vorwürfen äußern.

Adoptionen ohne Kontrolle durchs Jugendamt

Claudia Flynn vom Münchner Jugendamt erklärt: In den 1960er- und 1970er-Jahren konnten private oder kirchliche Adoptionsvermittlungsstellen tatsächlich in Eigenregie arbeiten, teils ohne Kontrolle durch das Jugendamt.

"Bei der Handhabung der Adoption war es höchste Not, die Gesetze zu ändern."

Claudia Flynn, Bayerisches Landesjugendamt

Entbindungsheime, in denen Schwangere heimlich Kinder zur Welt bringen können, existieren seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Heute versuchen die Jugendämter, "den Erhalt der Familie zu fördern". Eine Adoption gilt als allerletzte Möglichkeit. Wenn, dann suchen sich nicht die Eltern ein Kind aus - sondern die Jugendämter suchen für ein Kind geeignete Eltern.

Kontaktieren Sie uns!

Wenn auch Sie in einem Entbindungsheim gearbeitet oder gewohnt haben, würden wir uns freuen, wenn Sie uns davon erzählen möchten.

So erreichen Sie uns:

Symbolbild Kontakt | Bild: colourbox, Montage: BR

Anschrift: BR Recherche, Rundfunkplatz 1, 80335 München
E-Mail: BRrecherche(at)br.de
Twitter: @BR_Recherche
Telefon: +49 89 5900 33560 oder 33569
oder direkt an:
Christiane.Hawranek(at)br.de

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