6

Altauto-Reparatur Wo es günstige Original-Ersatzteile gibt

Ob als Zweitwagen oder Gebrauchter für Einsteiger: Bayerns Autos werden immer älter. Explodierende Reparaturkosten können dabei zum Problem werden. Doch das muss überhaupt nicht sein - wie unser Selbstversuch zeigt.

Von: Jürgen Seitz

Stand: 23.06.2018

Laut Kraftfahrtbundesamt sind in Bayern rund 3,35 Millionen PKW neun Jahre oder älter. Immerhin vier von zehn Autos, deren Halter weder verschrotten wollen noch an teuren Reparaturen Interesse haben - Tendenz steigend.

Wie geht es weiter beim Diesel? Wie entwickeln sich die Elektroautos? Solange solche Fragen offen sind, scheut mancher verunsicherte KFZ-Halter den Neukauf. Ob Dieselgate, E-Autorevolution und Sharingmodelle: Autokauf ist aus Verbrauchersicht unsicherer denn je. Immer mehr Bayern fahren auch deswegen immer ältere Autos.

Reparatur oder Leasing-Fahrzeug?

Sie möchten durch den nächsten TÜV und danach entscheiden, ob, wie und mit welchem Auto Sie fahren. Sie suchen nach der "zeitwertgerechten Reparatur". Wir machten den Selbstversuch mit einem 23 Jahre alten 3er BMW Stummelheck, 220.000 treue Kilometer auf dem Buckel, für Stadt-und Kurzfahrten noch bestens geeignet.

Der Routine-Check in der Dorfwerkstatt ergab: Die ABS-Warnlampe leuchtete permanent. Das würde der TÜV nicht akzeptieren. Aber woran liegt es? Vom eingeknickten Kabel über defekte oder nur verschmutzte Sensoren bis zum Totalausfall der teuren Steuereinheit ist alles möglich. Und schwer auffindbar. Da blieb nur der Originalhersteller.

Im BMW-Zentrum Fröttmaning wurde diagnostiziert: Höchstwahrscheinlich (!) schadhaftes ABS-Steuergerät, möglicherweise auch schadhaftes Hydroaggregat. Reparatursumme: zwischen 1.031 und 2.127 Euro. Und keine Garantie, dass der Fehler dann behoben wäre. Stattdessen der Hinweis, mit Blick auf den geringen Restwert des Fahrzeugs über ein Leasing-Fahrzeug nachzudenken. Doch das war für uns keine Option.

Europaweiter Markt für Autoersatzteile

Statt Selbstaufgabe machten wir eine  Internet-und Expertenrecherche und wurden überraschend schnell fündig. Eine hochspezialisierte freie Fachwerkstatt in Hattenhofen bei Fürstenfeldbruck. Sie fand den Fehler bei zwei schadhaften Sensoren und tauschte diese gegen qualitativ hochwertige aus, für 378 Euro. Eine  Ersparnis von mindestens 200 Prozent!

Kein glücklicher Einzelfall, denn mittlerweile gibt es einen europaweiten Markt für die Wiederaufarbeitung von Autoersatzteilen nach Werksstandards mit Gewährleistung ("Remanufacturing"). Schrotthändler und Internetplattformen bieten mittlerweile eine gut funtionierende Verteilerinfrastruktur. Ein dritter Weg zwischen teuren Original-Neuteilen und dubiosen Fremdprodukten.

Zeitwertgerechte Reparaturen - ein Selbstversuch

Worauf gilt es bei den Bauteilen zu achten? Wo lässt sich auf Neuteile nicht verzichten? Wo kann man sparen, was sagen Hersteller und Kunden? Wie sieht es in naher Zukunft aus? Wir haben uns umgesehen und umgehört. Hier die Ergebnisse:

1. Bauteile und Kostenersparnis

Zeitwertgerechte Reparaturen eignen sich für sehr viele Bauteile, die durch den Austausch von Verschleißteilen instandgesetzt werden können (Anlasser, Klimakompressoren, Lenksäulen, Bremssättel, etc.). Durch Neuteile ersetzt werden sollten stets Verschleißteile wie Stoßdämpfer oder Bremsscheiben. Kostenersparnis: bis zu 90 Prozent, in der Regel mindestens ein Drittel und mehr. Je nach Einzelfall. Bei unserem Selbstversuch lag die Ersparnis beim Anlasser bei 88, beim Bremssattel vorne rechts bei 55 Prozent.

2. Was sagen die Hersteller?

Ein zwiespältiges Thema, denn im Original-Ersatzteilmarkt wird erheblich mehr verdient als beim Neuwagenverkauf. Einerseits wollen die Hersteller Neuwagen verkaufen und Kunden durch Garantiebedingungen an die Originalwerkstätten binden, andererseits können und wollen sie die Augen nicht vor dem Trend zur Billigkonkurrenz verschließen und Altkunden vergraulen.

Volkswagen bietet seit einem Jahr in ausgewählten Werkstätten für Fahrzeuge über vier Jahre einen "Economy Service" mit reduzierten Preisen an. Daimler hat für gewerbliche Kunden  im Internet eine Mercedes-Tauschteileplattform, Ford wendet sich mit der Zweitmarke "Motorcraft" an Halter mit Autos älter als fünf Jahre. Selbst BMW vertreibt unter dem Namen "encory" seit einiger Zeit refabrizierte Autoteile. Unsere Recherchen ergaben jedoch: Weder im Konzern noch in den Markenwerkstätten ist dieser Service offenbar breit bekannt. Bei unserem Selbstversuch wurden wir jedenfalls darauf nicht hingewiesen. Stattdessen der Rat, das Auto aufzugeben und es mit einem Leasing-Fahrzeug zu versuchen.

3. Wie gehen Kunden vor?

Suchen Sie sich eine Werkstatt, die zeitwertgerechte Reparaturen anbietet. Fragen Sie, bei welchem Anbieter sie welche Bauteile ordert. Ob wirklich nur instandgesetzte Originalbauteile verwendet werden. Welche Erfahrung und welche Zertifizierungen der Remanufacturer hat. Und ob er eine Garantie zu welchen Konditionen anbietet.

4. Gibt es noch andere Vorteile?

Ja, es ist eine Win-win-win-Situation. Der Kunde spart Geld und muss nicht verschrotten, die Werkstätten haben endlich eine Antwort für Kunden mit schmalerem Budget. Und: Die Umwelt gewinnt auch. Was Wiederherstellung statt Wegwerfen bringt, hat Prof. Rolf Steinhilper von der Universität Bayreuth am Beispiel eines Starters durchgerechnet: 88 Prozent weniger Materialaufwand, 56 Prozent weniger Energie, 53 Prozent weniger CO2-Ausstoß.

5. Wird Remanufacturing sich durchsetzen?

Es sieht so aus, wie der Blick nach Frankreich nahelegt. Dort sind die Werkstätten seit letztem Jahr gesetzlich verpflichtet, zunächst eine Remanufacturing-Lösung zu prüfen, bevor sie neue Teile einbauen.


6